
Das Radfahren im Drei-Seen-Land rund um den Neuenburger-, Bieler-
und Murtensee ist für Familien ein Genuss: Bleibt der Schnauf weg,
steigt man in ein Boot und lässt sich auf dem See zurücktransportieren.
Seit Mitte April ist der Velotransport bei der Navigation Lacs de
Neuchâtel et Morat (LNM) sogar kostenlos – schweizweit ein Novum. Ein
Velotransport auf den Schiffen der Bielersee-Schifffahrts-Gesellschaft
AG (BSG) hingegen kostet weiterhin acht Franken. Das ist verwirrend,
denn beide Gesellschaften fahren mit je neun Schiffen gemeinsam auf den
drei Mittelland-Seen. Johanna Lott Fischer, Präsidentin der Pro Velo
Neuenburg, erklärt: «Früher war man als Radfahrer auf Schiffen ein
unerwünschtes Hindernis. Heute fühlt man sich bei der LNM wie eine
Königin.» Allerdings nur, wenn die Radlerin auch das Schiff der
«richtigen» Gesellschaft erwischt.
Noch nie ein Velo abgewiesen
Dieser
plötzliche Sinneswandel der Neuenburger Schiffsbetreiber ist kein
Zufall. Jean-Jacques Wenger, seit April Direktor bei der LNM,
verkörpert perfekt den dynamischen, pragmatischen Manager. Schon in
seiner zweiten Woche auf dem Direktionsstuhl hat er den Velotransport
kurzerhand auf der ganzen Flotte für kostenlos erklärt. Es gab Leute,
die Bedenken äusserten, denn am Velotransport verdiente man immerhin
30000 Franken jährlich. «Na und?», so Wengers Reaktion. Er wolle Fehler
aus der Vergangenheit korrigieren. Vor allem Familien hatten an den
acht Franken für die Velos zu beissen. Angesprochen auf die Verwirrung
mit den BSG-Schiffen, sagt Wenger: «Natürlich ist es schade, dass die
Bieler zurückhaltender sind. Wir machen halt, was wir für richtig
halten.»
Die Einführung des kostenlosen Velotransports ist ein
Erfolg: ein grosses Echo in der Presse, positive Reaktionen von Schulen
und Familien und vor allem – 23 Prozent mehr Passagiere. Besonders
stolz ist Wenger auf den Umstand, dass unter seiner Leitung noch nie
ein Velo abgewiesen werden musste; bis jetzt liess sich immer eine
Lösung finden, auch wenn am Schluss siebzig Fahrräder auf Deck waren.
Der gute Service wird mit dem Angebot der Neueburger Gratisvelos noch
abgerundet.
Auf Einnahmen angewiesen
Christine
Schulz vom Marketing der BSG ist mit dem Entscheid aus Neuenburg nicht
glücklich: «Wir wurden überrumpelt vom Entscheid der LNM.» Den Tarif
von acht Franken pro Velo hätten die BSG und die LNM erst Anfang Jahr
zusammen eingeführt. Die BSG sei eben auf alle Einnahmen angewiesen.
Immerhin will sich Schulz bemühen, wieder eine gemeinsame Lösung zu
finden. Mit ihren Tarifen ist die BSG schweizweit gesehen nicht allein:
Alle Schifffahrtsbetriebe ausser der LNM verlangen Geld für den
Velotransport, doch die Preise variieren (siehe Tabelle).
Erfreulich
ist, dass alle sechzehn Gesellschaften auf Schweizer Seen Velos
grundsätzlich akzeptieren – solange Platz vorhanden ist. Die
Schweizerische Bodensee Schifffahrt (SBS) informiert auf ihrer Website
detailliert. Oliver Fehr von SBS-Marketing bestätigt: «Wir haben nur
die besten Erfahrungen mit Velotransporten gemacht.» Auf den
SBS-Schiffen waren zeitweise sogar Veloständer montiert, was sich
allerdings nicht bewährt habe.
Bei der
Zürichsee-Schifffahrtsgesellschaft wird der Preis für den
Fahrradtransport gemäss ZVV-Tarifzone berechnet, das Velo benötigt für
Schiff und Zug damit nur ein Ticket. Anders in Luzern und Thun: Hier
müssen fürs Schiff separate Tickets gekauft werden. – Verglichen mit
der Navigation Lacs de Neuchâtel et Morat ziehen sämtliche
Schifffahrtsgesellschaften in der Schweiz den Kürzeren – nicht nur
wegen des Preises.