
Die Beratungsstelle für Unfallverhütung (BfU) hat das Sommerloch
genutzt, um das Helmobligatorium für Kinder und Jugendliche bis
vierzehn Jahre zu lancieren. Diese Idee wurde schon vor einigen Jahren
im Rahmen des Verkehrssicherheitsprogramms des Bundes, «via sicura»,
diskutiert, dann aber von der zuständigen Expertengruppe verworfen. Der
Vorstand der IG Velo Schweiz zeigt sich in einer ersten Stellungnahme
zum neuen BfU-Vorstoss ebenfalls kritisch. Was auf den ersten Blick
vernünftig klingt, erweist sich bei genauerem Hinsehen als
unverhältnismässig, unzweckmässig oder gar kontraproduktiv.
Damit
ein Obligatorium verordnet werden kann, müssen die damit verbundene
Einschränkung und die Nebenwirkungen in einem vernünftigen Verhältnis
zum Nutzen stehen. Die Faktenlage zum Nutzen eines Obligatoriums
respektive des Helmtragens generell ist für die Schweiz äusserst dünn.
Gerade bei Kindern kann nach wie vor kein Zusammenhang zwischen
Kopfverletzungen und Helmtragquote hergestellt werden.
Fernsehen ist sicherer
Der
absolute Rückgang der Kopfverletzungen hängt mit der erfreulichen
Entwicklung der Unfallzahlen zusammen. Der Erziehungswissenschafter
Marco Hüttenmoser geht davon aus, dass der wahre Grund für die Abnahme
der Kinderunfälle darin liegt, dass Kinder immer häufiger vor dem
Fernseher sitzen, statt draussen zu spielen. Das zeigt sich in jenen
Ländern, die das Helmobligatorium eingeführt haben. Hier ist der
Rückgang der generellen Velonutzung auffallend hoch, nicht aber der
Rückgang der Kopfverletzungen bei Velounfällen.
Die Durchsetzung
eines Helmobligatoriums in der Schweiz hätte vermutlich bizarre Folgen.
Für jede Fahrt – und sei sie noch so kurz – müsste der Helm aufgesetzt
werden. Velohelme können aber in Sachen Handlichkeit nicht mit
Autogurten gleichgesetzt werden, denn Letztere sind im Gegensatz zum
Helm Bestandteil des Autos. Die Polizei hätte alle Hände voll zu tun,
um Kinder ohne Helm von der Strasse zu holen. Zudem bringen nur korrekt
aufgesetzte Helme tatsächlich Schutz.
Andere Massnahmen sind angebracht
Je
umständlicher Velofahren wird, desto häufiger wird darauf verzichtet.
Dies wirkt sich gerade bei Kindern und Jugendlichen verheerend aus. Wer
sich als Kind daran gewöhnt, herumchauffiert zu werden, wird sich auch
später kaum mit eigener Muskelkraft fortbewegen. Schon heute werden
Kinder zunehmend mit dem Auto in die Schule gefahren. Die IG Velo
Schweiz befürchtet, dass das heute bei Kindern sehr populäre
Verkehrsmittel Velo an Attraktivität verliert. Dies wäre
gesundheitspolitisch ein zu hoher Preis für die Velohelmpflicht.
Die
IG Velo Schweiz setzt auf die Helm-Empfehlung. Dies als eine Massnahme
unter vielen, um die Sicherheit der Velofahrer zu erhöhen, denn ein
Helm verhindert ja keinen Unfall. Viel wichtiger sind unfallverhütende
Massnahmen wie Temporeduktionen, velofreundliche Infrastrukturen und
Ausbildung. Der erfreuliche Trend bei den Unfällen (vgl. Seite 11)
zeigt, wo der Hebel angesetzt werden muss. Die IG Velo Schweiz sieht
sich bestärkt in ihrer Forderung, das Geschwindigkeitsniveau in den
Siedlungen – zum Beispiel mit Tempo-30-Zonen – konsequent zu senken.