Politik

Nein zum Helmzwang für Kinder

Der Vorstand der IG Velo Schweiz bestätigt seine Opposition gegen das Helmobligatorium auch im Falle von Kindern und Jugendlichen. Die vordergründig verlockende Massnahme bringt wenig und zerstört vieles. Christoph Merkli

Die Beratungsstelle für Unfallverhütung (BfU) hat das Sommerloch genutzt, um das Helmobligatorium für Kinder und Jugendliche bis vierzehn Jahre zu lancieren. Diese Idee wurde schon vor einigen Jahren im Rahmen des Verkehrssicherheitsprogramms des Bundes, «via sicura», diskutiert, dann aber von der zuständigen Expertengruppe verworfen. Der Vorstand der IG Velo Schweiz zeigt sich in einer ersten Stellungnahme zum neuen BfU-Vorstoss ebenfalls kritisch. Was auf den ersten Blick vernünftig klingt, erweist sich bei genauerem Hinsehen als unverhältnismässig, unzweckmässig oder gar kontraproduktiv.
Damit ein Obligatorium verordnet werden kann, müssen die damit verbundene Einschränkung und die Nebenwirkungen in einem vernünftigen Verhältnis zum Nutzen stehen. Die Faktenlage zum Nutzen eines Obligatoriums respektive des Helmtragens generell ist für die Schweiz äusserst dünn. Gerade bei Kindern kann nach wie vor kein Zusammenhang zwischen Kopfverletzungen und Helmtragquote hergestellt werden.

Fernsehen ist sicherer
Der absolute Rückgang der Kopfverletzungen hängt mit der erfreulichen Entwicklung der Unfallzahlen zusammen. Der Erziehungswissenschafter Marco Hüttenmoser geht davon aus, dass der wahre Grund für die Abnahme der Kinderunfälle darin liegt, dass Kinder immer häufiger vor dem Fernseher sitzen, statt draussen zu spielen. Das zeigt sich in jenen Ländern, die das Helmobligatorium eingeführt haben. Hier ist der Rückgang der generellen Velonutzung auffallend hoch, nicht aber der Rückgang der Kopfverletzungen bei Velounfällen.
Die Durchsetzung eines Helmobligatoriums in der Schweiz hätte vermutlich bizarre Folgen. Für jede Fahrt – und sei sie noch so kurz – müsste der Helm aufgesetzt werden. Velohelme können aber in Sachen Handlichkeit nicht mit Autogurten gleichgesetzt werden, denn Letztere sind im Gegensatz zum Helm Bestandteil des Autos. Die Polizei hätte alle Hände voll zu tun, um Kinder ohne Helm von der Strasse zu holen. Zudem bringen nur korrekt aufgesetzte Helme tatsächlich Schutz.

Andere Massnahmen sind angebracht
Je umständlicher  Velofahren wird, desto häufiger wird darauf verzichtet. Dies wirkt sich gerade bei Kindern und Jugendlichen verheerend aus. Wer sich als Kind daran gewöhnt, herumchauffiert zu werden, wird sich auch später kaum mit eigener Muskelkraft fortbewegen. Schon heute werden Kinder zunehmend mit dem Auto in die Schule gefahren. Die IG Velo Schweiz befürchtet, dass das heute bei Kindern sehr populäre Verkehrsmittel Velo an Attraktivität verliert. Dies wäre gesundheitspolitisch ein zu hoher Preis für die Velohelmpflicht.
Die IG Velo Schweiz setzt auf die Helm-Empfehlung. Dies als eine Massnahme unter vielen, um die Sicherheit der Velofahrer zu erhöhen, denn ein Helm verhindert ja keinen Unfall. Viel wichtiger sind unfallverhütende Massnahmen wie Temporeduktionen, velofreundliche Infrastrukturen und Ausbildung. Der erfreuliche Trend bei den Unfällen (vgl. Seite 11) zeigt, wo der Hebel angesetzt werden muss. Die IG Velo Schweiz sieht sich bestärkt in ihrer Forderung, das Geschwindigkeitsniveau in den Siedlungen – zum Beispiel mit Tempo-30-Zonen – konsequent zu senken.

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