Film
Der Eindruck von Wahrheit
«Fahrraddiebe» – im Original «Ladri di biciclette» – ist der wohl berühmteste Vertreter der so genannten neorealistischen Filme, die zwischen 1943 und 1952 in Italien gedreht wurden – und er ist noch heute sehenswert. Bruno Angeli
Den Begriff Neorealismus brachte der italienische Autor und Filmemacher
Cesare Zavattini auf. Er definierte damit eine Gattung des
Unterhaltungsfilms, wie er von Rossellini, Visconti, De Sica und vielen
anderen beinahe zehn Jahre lang erfolgreich produziert wurde. Diese
Filme sind eine künstlerische Annäherung an die Wirklichkeit und
verzichten auf Pathos oder darauf, beschönigend zu sein. De Sica ging
dabei sehr weit. Er arbeitete bei seinem Meisterwerk «Fahrraddiebe» mit
Laiendarstellern. Für die Besetzung der Hauptdarsteller gab der
Regisseur dabei besonderen Talenten den Vorzug: Da die Hauptfiguren
gemäss Drehbuch weite Fussmärsche zu absolvieren hatten, wählte der
Regisseur die zu besetzenden Akteure aufgrund ihrer Gangart aus.
Gedreht wurde ohne künstliche Lichtquellen, und man verzichtete auf
jegliche Bauten oder auf ein Filmstudio. Nur auf ein Drehbuch wollte
der frühere Filmstar De Sica nicht verzichten. Wichtigster Autor war
dabei Cesare Zavattini, der den Stoff, der auf einer Romanvorlage von
Luigi Bartolini basiert, für die Leinwand bearbeitete.

Italien kurz nach dem zweiten Weltkrieg: Antonio Ricci (Lamberto
Maggiorani) hat es schwer, seine Familie durchzubringen. Er bekommt
aber eine Chance und kann eine Stelle als Plakatkleber antreten.
Allerdings benötigt er dazu ein Velo. Er und seine Frau tauschen in
einem Pfandleihhaus ihre Bettwäsche gegen ein Fahrrad ein. Das Glück
ist allerdings bloss von kurzer Dauer, denn am ersten Arbeitstag wird
das Velo gestohlen. Mit seinem Sohn Bruno (Enzo Staiola) macht er sich
auf die aussichtslos scheinende Suche nach dem Fahrraddieb. Als sie ihn
schliesslich aufspüren, können sie ihm die Tat nicht nachweisen. Ricci
sieht keinen Ausweg und wird selber zum Velodieb. Er wird vor den Augen
seines Sohnes erwischt und von einer entfesselten Menschenmenge
verfolgt.
Glaubwürdig und gesellschaftskritisch

Eine unspektakuläre Geschichte. Und trotzdem wurde dieser Streifen zum
Meisterwerk. An dieser Stelle lassen wir André Bazin den Vortritt. Der
bedeutendste französische Filmkritiker nach dem zweiten Weltkrieg war
von De Sicas Werk mehr als angetan. Er veröffentlichte 1953 einen Text
über den italienischen Regisseur. Nachzulesen ist der folgende Auszug
auch im Standardwerk «Was ist Film?» (Alexander Verlag): «… Das macht
in meinen Augen die Grösse und den Reichtum von ‹Ladri di biciclette›
aus. Er genügt auf zweifache Weise der Gerechtigkeit: einmal durch eine
glaubwürdige Beschreibung des Elends des Proletariats, aber auch durch
die implizite und beharrliche Berufung auf einen menschlichen Anspruch,
den jede Gesellschaft die Pflicht hat zu respektieren. Er verurteilt
diese Welt, in der die Armen sich gegenseitig bestehlen müssen, um zu
überleben. […] Diese notwendige Verurteilung reicht jedoch nicht aus,
denn es steht nicht nur eine gegebene historische Organisationsform
oder eine bestimmte ökonomische Konstellation zur Debatte, sondern die
angeborene Gleichgültigkeit des gesellschaftlichen Organismus an sich
gegenüber dem Abenteuer des individuellen Glücks.»
Bemerkenswert für einen Film aus dieser Zeit ist die Tatsache, dass
eine explizite politische Message in «Fahrraddiebe» fehlt – es wird
keinerlei Propaganda verbreitet. De Sica schafft es ganz nebenbei,
Existenzialismus und Kommunismus italienischer Prägung
zusammenzubringen. Dies in einer Zeit, da ein Nebeneinander
unterschiedlicher Philosophien undenkbar schien.
«The Bicycle Thief» – DIE DVD
Originaltitel: «Ladri di biciclette»
Italien 1948.
Regie: Vittorio De Sica.
Drehbuch: Cesare Zavattini, nach einem Roman von Luigi Bartolini.
Kamera: Carlo Montuori.
Mit: Lamberto Maggiorani, Elena Altieri, Enzo Staiola, Giulio Chiari, Gino Saltamerenda.
Sprachen: Italienisch, englische Untertitel.
Special Features: Theatrical, Trailer.
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