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Höhenflüge auf zwei Rädern im Vinschgau

Wie ein gewaltiges Geflecht durch Täler und über Höhen durchzieht ein Radwegnetz die Alpen. Gute Verkehrsbeziehungen mit Bahn und Bus erschliessen es, und ein breites Angebot an Touren und Unterkunftsmöglichkeiten sorgen dafür, dass der Velospass hier kaum Grenzen kennt. Johannes von Arx

Im Minutentakt fahren sie ein, aus und durch, die Radler. Alleine, im Duo oder gleich im Dutzend. Kein Wunder, denn hier in Glurns, dem kleinsten Städtchen des Alpenraums, das noch mit einer fast kompletten Stadtmauer aufwarten kann, stossen die Strassen aus drei Ländern aufeinander. Aber nicht bloss Fernstrassen, sondern auch Radwege. Und die sind alles andere als bescheiden: Wer die geschichtsträchtige Route Via Claudia Augusta von Donauwörth nach Norditalien abfährt, legt immerhin rund 900 Kilometer zurück.
Seit vor einem Jahr im Alpental Vinschgau die sechzig Kilometer lange Bahn Mals–Meran mit Schweizer Know-how und Stadler-Rollmaterial wieder in Betrieb genommen wurde, und seit gleichzeitig auch die Postauto-Direktverbindung Zernez–Ofenpass–Müstair–Glurns–Mals geschaffen wurde, entwickelt sich die Dreiländer-Grossregion zu einem Mega-Velo-Mekka. Weil die Schweizer General- und Halbtaxabonnemente bis Mals gültig sind und dank interessanten RailAway-Angeboten ist die Anreise attraktiv und günstig. Vor Ort kostet ein Kombiticket für Velomiete und Tageskarte pro Person bloss vierzehn Euro pro Tag.
Der über den Erwartungen liegende Erfolg der neuen Vinschgerbahn hat aber auch seine Schattenseiten, fahren doch in der Hochsaison die Züge mit rekordverdächtiger Velo-Zuladung, was wiederum der Pünktlichkeit abträglich ist. So empfiehlt es sich, vom sehr effizienten Mietservice an den sechs Stationen sowie in Reschen Gebrauch zu machen. Insgesamt stehen 1000 (!) gefederte Touren- und MTB-Velos mit oder ohne Gepäckträger sowie Helme und Anhänger bereit.

Talfahrt mit Zwischenstopp
Der Renner ist die Velotour durchs Haupttal, den Vinschgau. Von Glurns (910 m.ü.M.) bzw. vom gut hundert Meter höher gelegenen Mals aus geht es entlang der Etsch durch ausgedehnte Apfelkulturen über weite Strecken sanft abwärts. Bloss drei Talstufen sind steiler, besonders die letzte, die zum bereits deutlich italienisch geprägten Meran (325 m.ü.M.) hinabführt. Schade allerdings, alles in einem Zug hinunterzupreschen, denn es gibt unterwegs viele Sehenswürdigkeiten, wie etwa den imposanten Marmorsteinbruch in Laas, mehrere Burgen und Schlösser, darunter auch jenes von Reinhold Messner auf Juval, rund 400 Meter über dem Talboden bei Staben.
Wer etwas schwitzen will, dem sei die Fahrt entlang der Etsch hinauf zum Haidersee (1460 m.ü.M.) empfohlen. An dessen Westufer lädt ein lauschiges Plätzchen zum Baden im gar nicht so kalten Wasser. Noch etwas höher passieren wir den Reschensee, bekannt durch den aus dem Wasser herausragenden alten Kirchturm von Graun. Über den 1507 Meter hohen, stark befahrenen Reschenpass zu radeln, empfiehlt sich nur, wenn man Nauders (Österreich) besuchen will. Spätestens dort aber ist fertig lustig, denn die Weiterfahrt ins Inntal hinab Richtung Landeck führt über eine Strasse mit starkem 40-Tönner-Verkehr. Wenn schon weiter Richtung Norden, dann mit Vorteil über das schweizerische Martina.
Dass heute im Rätischen Dreieck und in den angrenzenden Gebieten ein derart umfangreiches Radwegnetz von mehr als 2000 Kilometern existiert, ist dem Dreiländer-Interreg-Projekt zu verdanken. 120 Touren umfasst die «Rad & Bike Arena» – die grösste der Alpen. Übersichts- und Detailkarten sowie das Angebot von 200 velofreundlichen Hotels sind übersichtlich zusammengestellt. Eine Fülle von Ideen macht die Wahl zur Qual. Bei einer wird auch die Tour selbst zur Qual: beim Aufstieg zum Stilfserjoch – 1850 Höhenmeter sind keine Kleinigkeit. Etwas harmloser ist der Aufstieg von Sta. Maria im Münstertal mit 1400 Metern. Wer diese Panoramastrasse verkehrsfrei geniessen will, merke sich den 3. September – dann ist Trampen am Stilfserjoch ein slowUp-Happening ohne Töff und Auto.
Ebenfalls happig, aber weniger steil ist die Fahrt von Zernez durch den Nationalpark und das Biosphärenreservat (Biosfera Val Müstair – Parc Naziunal). In Müstair muss man dabei unbedingt  in die im 8. Jahrhundert erbaute Klosterkirche mit dem weltweit umfangreichsten und besterhaltenen frühmittelalterlichen Bilderzyklus hineinschauen: ein Unesco-Weltkulturerbe!

Im Internet
www.rad-bike-arena.com
www.suedtirol.info/radfahren
www.vinschgau.is.it
www.nationalparkregion.ch
www.vinschgauerbahn.it
www.railaway.ch

Info-Telefon: 0039-0473-737000

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