
Im Minutentakt fahren sie ein, aus und durch, die Radler. Alleine,
im Duo oder gleich im Dutzend. Kein Wunder, denn hier in Glurns, dem
kleinsten Städtchen des Alpenraums, das noch mit einer fast kompletten
Stadtmauer aufwarten kann, stossen die Strassen aus drei Ländern
aufeinander. Aber nicht bloss Fernstrassen, sondern auch Radwege. Und
die sind alles andere als bescheiden: Wer die geschichtsträchtige Route
Via Claudia Augusta von Donauwörth nach Norditalien abfährt, legt
immerhin rund 900 Kilometer zurück.
Seit vor einem Jahr im
Alpental Vinschgau die sechzig Kilometer lange Bahn Mals–Meran mit
Schweizer Know-how und Stadler-Rollmaterial wieder in Betrieb genommen
wurde, und seit gleichzeitig auch die Postauto-Direktverbindung
Zernez–Ofenpass–Müstair–Glurns–Mals geschaffen wurde, entwickelt sich
die Dreiländer-Grossregion zu einem Mega-Velo-Mekka. Weil die Schweizer
General- und Halbtaxabonnemente bis Mals gültig sind und dank
interessanten RailAway-Angeboten ist die Anreise attraktiv und günstig.
Vor Ort kostet ein Kombiticket für Velomiete und Tageskarte pro Person
bloss vierzehn Euro pro Tag.
Der über den Erwartungen liegende
Erfolg der neuen Vinschgerbahn hat aber auch seine Schattenseiten,
fahren doch in der Hochsaison die Züge mit rekordverdächtiger
Velo-Zuladung, was wiederum der Pünktlichkeit abträglich ist. So
empfiehlt es sich, vom sehr effizienten Mietservice an den sechs
Stationen sowie in Reschen Gebrauch zu machen. Insgesamt stehen 1000
(!) gefederte Touren- und MTB-Velos mit oder ohne Gepäckträger sowie
Helme und Anhänger bereit.
Talfahrt mit Zwischenstopp
Der
Renner ist die Velotour durchs Haupttal, den Vinschgau. Von Glurns (910
m.ü.M.) bzw. vom gut hundert Meter höher gelegenen Mals aus geht es
entlang der Etsch durch ausgedehnte Apfelkulturen über weite Strecken
sanft abwärts. Bloss drei Talstufen sind steiler, besonders die letzte,
die zum bereits deutlich italienisch geprägten Meran (325 m.ü.M.)
hinabführt. Schade allerdings, alles in einem Zug hinunterzupreschen,
denn es gibt unterwegs viele Sehenswürdigkeiten, wie etwa den
imposanten Marmorsteinbruch in Laas, mehrere Burgen und Schlösser,
darunter auch jenes von Reinhold Messner auf Juval, rund 400 Meter über
dem Talboden bei Staben.
Wer etwas schwitzen will, dem sei die
Fahrt entlang der Etsch hinauf zum Haidersee (1460 m.ü.M.) empfohlen.
An dessen Westufer lädt ein lauschiges Plätzchen zum Baden im gar nicht
so kalten Wasser. Noch etwas höher passieren wir den Reschensee,
bekannt durch den aus dem Wasser herausragenden alten Kirchturm von
Graun. Über den 1507 Meter hohen, stark befahrenen Reschenpass zu
radeln, empfiehlt sich nur, wenn man Nauders (Österreich) besuchen
will. Spätestens dort aber ist fertig lustig, denn die Weiterfahrt ins
Inntal hinab Richtung Landeck führt über eine Strasse mit starkem
40-Tönner-Verkehr. Wenn schon weiter Richtung Norden, dann mit Vorteil
über das schweizerische Martina.
Dass heute im Rätischen Dreieck und
in den angrenzenden Gebieten ein derart umfangreiches Radwegnetz von
mehr als 2000 Kilometern existiert, ist dem Dreiländer-Interreg-Projekt
zu verdanken. 120 Touren umfasst die «Rad & Bike Arena» – die
grösste der Alpen. Übersichts- und Detailkarten sowie das Angebot von
200 velofreundlichen Hotels sind übersichtlich zusammengestellt. Eine
Fülle von Ideen macht die Wahl zur Qual. Bei einer wird auch die Tour
selbst zur Qual: beim Aufstieg zum Stilfserjoch – 1850 Höhenmeter sind
keine Kleinigkeit. Etwas harmloser ist der Aufstieg von Sta. Maria im
Münstertal mit 1400 Metern. Wer diese Panoramastrasse verkehrsfrei
geniessen will, merke sich den 3. September – dann ist Trampen am
Stilfserjoch ein slowUp-Happening ohne Töff und Auto.
Ebenfalls
happig, aber weniger steil ist die Fahrt von Zernez durch den
Nationalpark und das Biosphärenreservat (Biosfera Val Müstair – Parc
Naziunal). In Müstair muss man dabei unbedingt in die im 8.
Jahrhundert erbaute Klosterkirche mit dem weltweit umfangreichsten und
besterhaltenen frühmittelalterlichen Bilderzyklus hineinschauen: ein
Unesco-Weltkulturerbe!
Im Internet
www.rad-bike-arena.com
www.suedtirol.info/radfahren
www.vinschgau.is.it
www.nationalparkregion.ch
www.vinschgauerbahn.it
www.railaway.ch
Info-Telefon:
0039-0473-737000