Spezial

Bündner Passion

Graubünden – das sind drei Sprachen, dutzende von Schluchten und Seen, 150 Täler und tausend Berge. Und noch etwas, speziell für Radler: Von den siebzehn Zweitausender-Pässen der Schweiz befinden sich zehn in Graubünden. Auf einer verschlungenen Tour lassen sie sich entdecken. Dres Balmer (Text), Alex Buschor (Fotos)

 In Andermatt sind wir aufgebrochen, über den Oberalp- und den Lukmanierpass nach Bellinzona gefahren. Es ist sechs Uhr morgens. Unregelmässig bimmelt eine Kirchenglocke durch die Gassen. Zum Fenster herein kommt eine Schwade Kaffeeduft. Es ist zwanzig Grad warm. Höchste Zeit, in die Höhe zu radeln – auf den San Bernardino. Und schon am zweiten Tag Superlative: am meisten Kilometer, am meisten Höhenmeter. Dabei beginnt es ganz leicht. Die Kantonsstrasse schaukelt sanft ins Tal hinein, weit weg noch sind die Berge, die seinen Abschluss bilden. Nebenan fauchen die Lastwagen auf der Autobahn, später herrscht Ruhe. Die ersten Kehren führen hinauf in die Dörfer Soazza und Pian San Giacomo.
Die Autobahn hat etwas Gutes: In den Dörfern ist wieder Ruhe eingekehrt, sie dürfen wieder verschlafen sein. Die Strasse ist eine gepflegte Antiquität. In jahrelanger Arbeit wurden das Kopfsteinpflaster, die Trockenmauern und der Holzzaun restauriert. Bei Pian San Giacomo verschwindet die motorisierte Moderne im Tunnel, das Tal weitet sich. Liebevoll sind die Kehren in die Alpweiden hinein gelegt, es radelt sich meistens ganz leicht. Kühe stehen auf der Strasse und blicken den Radlern erstaunt nach. Und dann ist man oben. Rechts glitzert ein See im felsigen Boden, am Ufer schmelzen die letzten Schneereste. Ganz im Stil der alten Postkutschenstrasse ist auch das Hospiz auf der Passhöhe. Man sieht ihm sein Alter an, die Fassade ist von Wind und Wetter gezeichnet wie das Gesicht eines Berglers.
Mit Wehmut denkt man an den San Bernardino zurück, wenn man die Julierstrasse hinaufradelt. Dort herrscht klar die Moderne. Kein Wunder: Hier befindet sich einer der Hauptzubringer zur touristischen Hochburg Engadin. Den Tourismus gibt es seit hundert, die Strasse seit zweitausend Jahren. «Schon die alten Römer …», kann man wieder einmal sagen. Auch die waren mobil und hatten Strassenkultur. Auf der Passhöhe steht, durch die Jahrhunderte leicht schief gedrückt, ein römischer Meilenstein. Die Oberseite ist so ausgewaschen, dass sie eine Schüssel bildet, in der klares Wasser liegt. Ein Buchfink nimmt ein Bad und wetzt sich den Schnabel am Stein, während all die Audis, Renaults und Subarus vorbeifahren.

Märklin – in natürlicher Grösse
Das Engadin, der Flüelapass und Davos sind schon erradelt, im Landwassertal kann man sich ein wenig erholen. In Bergün ist eine Mittagsrast angesagt. Hier muss man sich seelisch und körperlich auf das Kommende vorbereiten. Für die Seele ein wenig Ruhe, für den Körper Pizzoccheri. Es folgt etwas seltsam Faszinierendes. Die Felswände ringsum sind gewaltig, die Wildbäche rauschen, die Luft ist parfümert von den Nadelbäumen und den Blumen, die üppig am Strassenrand blühen, und gleichzeitig ist das Stück hinauf nach Preda auch ein Monument kühnster Technik, ein Beispiel dafür, wie der Mensch sich die Erde untertan macht. Vor über hundert Jahren haben sie hier eine Bahnlinie gebaut, die mit Kehrtunnels im Inneren des Bergs und mit Viadukten die vierhundert Meter hohe Geländestufe hinauf nach Preda in Spiralen überwindet. Auch die Strasse schlängelt sich da hinauf, verschlingt sich mit der Bahnlinie. Diese Kombination von urtümlicher Landschaft und selbstbewusst hingestelltem Menschenwerk macht diese Strecke so einzigartig. Auf dem Rad hat man das Gefühl, durch eine Modelleisenbahn-Landschaft zu radeln und weiss nicht mehr, ob man ein Zwerg ist oder ein Riese.

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San Bernardino: Leider kann man im schönen
Hospiz nicht übernachten.

Durch den Nationalpark
Die Route führt hinein in den Schweizer Nationalpark. Links und rechts sind ernste Nadelwälder, erodierende Schlünde, tiefe Schluchten, nirgends Häuser oder Hütten. Die Schlussrampe führt direkt in den Himmel, und dann hinunter ins Münstertal, romanisch Val Müstair, wo man sich schon in Tirol oder in Südtirol wähnt. Die Architektur ist schwungvoller, barock, ein bisschen kitschig, katholisch. Eine etwas andere Kultur, aber immer noch im selben Kanton. Santa Maria ist sehr eng gebaut, die Strasse ganz schmal, und mitten im Dorf geht es rechts ab zum Umbrail, dem höchsten Schweizer Pass übrigens. Der Anfang ist gnadenlos, man braucht nach der Sause vom Ofen herunter eine ganze Weile, um den neuen Rhythmus zu finden. Weil sich sowieso der meiste Verkehr über das nahe Stilfserjoch quält, kann es sich das Tiefbauamt leisten, auch diesen Pass zu schützen vor schnellen Motoren. Wer hier fährt, tut es um des Genusses willen. Ein ganzes Stück, etwa vier Kilometer, hat die Strasse einen guten Naturbelag. Das wird auch in der Zukunft so bleiben. Vielleicht denkt man hier an die schier unglaubliche Tatsache, dass in ganz Graubünden von 1900 bis1925 ein Fahrverbot für Autos galt. Was heute bleibt: Der Umbrail ist der feinste, der stillste Pass auf der Reise, und bei der Passhöhe ist ein kleines, gepflegtes Gasthaus. Welch ein Unterschied zum lauten Rummel auf dem Stilfserjoch!

Italienische Exkurse
Weil das Bündner Territorium so bizarre Umrisse hat, kommt man nicht darum herum, hie und da nach Italien auszuweichen. So lernt man die Bergstadt Bormio kennen, das schäbige Livigno, aber auch das Juwel Chiavenna. Auf der Reise hat man kurze, lange, schöne und hässliche Pässe befahren, doch nun kommt einer, den man als verrückt bezeichnen muss. Das beginnt nach Chiavenna  mit einer erbarmungslosen Rampe und geht weiter mit elend steilen Kurven. Eine Gnade ist das faux plat bei Campodilcino. Das Prinzip, das die Ingenieure am Albula für die Bahn angewandt haben, wurde hier von den Strassenbauern übernommen: Kehrtunnel. Die Aufgabe wurde weniger schön gelöst, nur steil und eng ist es. Man radelt und radelt und weiss nicht mehr, wo unten ist und wo oben. Es ist so, als würde man ein Hochhaus hinaufradeln, immer wieder herauskommen auf einen Balkon und hinunterblicken auf die Balkone der unteren Stockwerke, wo sich die Kollegen abmühen.
Dann wird alles gut: die Schussfahrt nach Thusis ist ein Genuss und die Rückkehr über den Oberalppass wie der gelöste Schluss-Satz einer Symphonie. Oder einer Passion. Der Radlerpassion.assets/images/ausgaben/2006_04assets/images/ausgaben/2006_04 Im Internet

Andere Touren:
www.graubuenden.ch, Rubrik Bike/Velo; www.veloland.ch

Allgemeine Infos:
www.graubuenden.ch

INFORMATION

ImageAuf einen Blick: Die komplizierte Geografie, die luxuriösen Strassen und die exzellenten öffentlichen Verkehrsmittel machen den grössten Schweizer Kanton zu einem Paradies für VelofahrerInnen, die dem Passfahren schon verfallen sind oder auf den Geschmack kommen möchten. Die vorgeschlagene Route ist eine Möglichkeit von vielen. Die Zahlen der königlichen Rundtour ab Andermatt sind beeindruckend: Insgesamt 15 Pässe, 800 Kilometer und 15 000 Höhenmeter. Auch wenig Geübte sollen sich nicht abschrecken lassen, denn Teilstücke oder zahlreiche andere Varianten sind selbstverständlich möglich, und viele Abschnitte können durch die Benützung des öffentlichen Verkehrs gemildert werden.

Beste Reisezeit: Juni bis Oktober.
 

 

Autofrei: Am Sonntag, dem 3. September 2006, ist die Strecke Bergün–Albulapass–La Punt für den motorisierten Verkehr gesperrt. Infos: www.slowup.ch.

Dokumentation: Rudolf Geser, 100 Alpenpässe mit dem Rennrad, München 2005, 287 Seiten, 52.20 Franken. Gerd Schiele, Mit dem Velo über 45 Alpenpässe der Schweiz, CD-Rom.

Streckenprofil:
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