
In Andermatt sind wir aufgebrochen, über den Oberalp- und den
Lukmanierpass nach Bellinzona gefahren. Es ist sechs Uhr morgens.
Unregelmässig bimmelt eine Kirchenglocke durch die Gassen. Zum Fenster
herein kommt eine Schwade Kaffeeduft. Es ist zwanzig Grad warm. Höchste
Zeit, in die Höhe zu radeln – auf den San Bernardino. Und schon am
zweiten Tag Superlative: am meisten Kilometer, am meisten Höhenmeter.
Dabei beginnt es ganz leicht. Die Kantonsstrasse schaukelt sanft ins
Tal hinein, weit weg noch sind die Berge, die seinen Abschluss bilden.
Nebenan fauchen die Lastwagen auf der Autobahn, später herrscht Ruhe.
Die ersten Kehren führen hinauf in die Dörfer Soazza und Pian San
Giacomo.
Die Autobahn hat etwas Gutes: In den Dörfern ist wieder
Ruhe eingekehrt, sie dürfen wieder verschlafen sein. Die Strasse ist
eine gepflegte Antiquität. In jahrelanger Arbeit wurden das
Kopfsteinpflaster, die Trockenmauern und der Holzzaun restauriert. Bei
Pian San Giacomo verschwindet die motorisierte Moderne im Tunnel, das
Tal weitet sich. Liebevoll sind die Kehren in die Alpweiden hinein
gelegt, es radelt sich meistens ganz leicht. Kühe stehen auf der
Strasse und blicken den Radlern erstaunt nach. Und dann ist man oben.
Rechts glitzert ein See im felsigen Boden, am Ufer schmelzen die
letzten Schneereste. Ganz im Stil der alten Postkutschenstrasse ist
auch das Hospiz auf der Passhöhe. Man sieht ihm sein Alter an, die
Fassade ist von Wind und Wetter gezeichnet wie das Gesicht eines
Berglers.
Mit Wehmut denkt man an den San Bernardino zurück, wenn
man die Julierstrasse hinaufradelt. Dort herrscht klar die Moderne.
Kein Wunder: Hier befindet sich einer der Hauptzubringer zur
touristischen Hochburg Engadin. Den Tourismus gibt es seit hundert, die
Strasse seit zweitausend Jahren. «Schon die alten Römer …», kann man
wieder einmal sagen. Auch die waren mobil und hatten Strassenkultur.
Auf der Passhöhe steht, durch die Jahrhunderte leicht schief gedrückt,
ein römischer Meilenstein. Die Oberseite ist so ausgewaschen, dass sie
eine Schüssel bildet, in der klares Wasser liegt. Ein Buchfink nimmt
ein Bad und wetzt sich den Schnabel am Stein, während all die Audis,
Renaults und Subarus vorbeifahren.
Märklin – in natürlicher Grösse
Das
Engadin, der Flüelapass und Davos sind schon erradelt, im Landwassertal
kann man sich ein wenig erholen. In Bergün ist eine Mittagsrast
angesagt. Hier muss man sich seelisch und körperlich auf das Kommende
vorbereiten. Für die Seele ein wenig Ruhe, für den Körper Pizzoccheri.
Es folgt etwas seltsam Faszinierendes. Die Felswände ringsum sind
gewaltig, die Wildbäche rauschen, die Luft ist parfümert von den
Nadelbäumen und den Blumen, die üppig am Strassenrand blühen, und
gleichzeitig ist das Stück hinauf nach Preda auch ein Monument kühnster
Technik, ein Beispiel dafür, wie der Mensch sich die Erde untertan
macht. Vor über hundert Jahren haben sie hier eine Bahnlinie gebaut,
die mit Kehrtunnels im Inneren des Bergs und mit Viadukten die
vierhundert Meter hohe Geländestufe hinauf nach Preda in Spiralen
überwindet. Auch die Strasse schlängelt sich da hinauf, verschlingt
sich mit der Bahnlinie. Diese Kombination von urtümlicher Landschaft
und selbstbewusst hingestelltem Menschenwerk macht diese Strecke so
einzigartig. Auf dem Rad hat man das Gefühl, durch eine
Modelleisenbahn-Landschaft zu radeln und weiss nicht mehr, ob man ein
Zwerg ist oder ein Riese.
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San Bernardino: Leider kann man im schönen Hospiz nicht übernachten. |
Durch den Nationalpark
Die
Route führt hinein in den Schweizer Nationalpark. Links und rechts sind
ernste Nadelwälder, erodierende Schlünde, tiefe Schluchten, nirgends
Häuser oder Hütten. Die Schlussrampe führt direkt in den Himmel, und
dann hinunter ins Münstertal, romanisch Val Müstair, wo man sich schon
in Tirol oder in Südtirol wähnt. Die Architektur ist schwungvoller,
barock, ein bisschen kitschig, katholisch. Eine etwas andere Kultur,
aber immer noch im selben Kanton. Santa Maria ist sehr eng gebaut, die
Strasse ganz schmal, und mitten im Dorf geht es rechts ab zum Umbrail,
dem höchsten Schweizer Pass übrigens. Der Anfang ist gnadenlos, man
braucht nach der Sause vom Ofen herunter eine ganze Weile, um den neuen
Rhythmus zu finden. Weil sich sowieso der meiste Verkehr über das nahe
Stilfserjoch quält, kann es sich das Tiefbauamt leisten, auch diesen
Pass zu schützen vor schnellen Motoren. Wer hier fährt, tut es um des
Genusses willen. Ein ganzes Stück, etwa vier Kilometer, hat die Strasse
einen guten Naturbelag. Das wird auch in der Zukunft so bleiben.
Vielleicht denkt man hier an die schier unglaubliche Tatsache, dass in
ganz Graubünden von 1900 bis1925 ein Fahrverbot für Autos galt. Was
heute bleibt: Der Umbrail ist der feinste, der stillste Pass auf der
Reise, und bei der Passhöhe ist ein kleines, gepflegtes Gasthaus. Welch
ein Unterschied zum lauten Rummel auf dem Stilfserjoch!
Italienische Exkurse
Weil
das Bündner Territorium so bizarre Umrisse hat, kommt man nicht darum
herum, hie und da nach Italien auszuweichen. So lernt man die Bergstadt
Bormio kennen, das schäbige Livigno, aber auch das Juwel Chiavenna. Auf
der Reise hat man kurze, lange, schöne und hässliche Pässe befahren,
doch nun kommt einer, den man als verrückt bezeichnen muss. Das beginnt
nach Chiavenna mit einer erbarmungslosen Rampe und geht weiter mit
elend steilen Kurven. Eine Gnade ist das faux plat bei Campodilcino.
Das Prinzip, das die Ingenieure am Albula für die Bahn angewandt haben,
wurde hier von den Strassenbauern übernommen: Kehrtunnel. Die Aufgabe
wurde weniger schön gelöst, nur steil und eng ist es. Man radelt und
radelt und weiss nicht mehr, wo unten ist und wo oben. Es ist so, als
würde man ein Hochhaus hinaufradeln, immer wieder herauskommen auf
einen Balkon und hinunterblicken auf die Balkone der unteren
Stockwerke, wo sich die Kollegen abmühen.
Dann wird alles gut: die
Schussfahrt nach Thusis ist ein Genuss und die Rückkehr über den
Oberalppass wie der gelöste Schluss-Satz einer Symphonie. Oder einer
Passion. Der Radlerpassion.assets/images/ausgaben/2006_04assets/images/ausgaben/2006_04
Im Internet
Andere Touren:
www.graubuenden.ch, Rubrik Bike/Velo; www.veloland.ch
Allgemeine Infos:
www.graubuenden.ch
Auf einen Blick:
Die komplizierte Geografie, die luxuriösen Strassen und die exzellenten
öffentlichen Verkehrsmittel machen den grössten Schweizer Kanton zu
einem Paradies für VelofahrerInnen, die dem Passfahren schon verfallen
sind oder auf den Geschmack kommen möchten. Die vorgeschlagene Route
ist eine Möglichkeit von vielen. Die Zahlen der königlichen Rundtour ab
Andermatt sind beeindruckend: Insgesamt 15 Pässe, 800 Kilometer und 15
000 Höhenmeter. Auch wenig Geübte sollen sich nicht abschrecken lassen,
denn Teilstücke oder zahlreiche andere Varianten sind
selbstverständlich möglich, und viele Abschnitte können durch die
Benützung des öffentlichen Verkehrs gemildert werden.
Autofrei: Am Sonntag, dem 3. September 2006, ist die Strecke Bergün–Albulapass–La Punt für den motorisierten Verkehr gesperrt. Infos: www.slowup.ch.
Dokumentation:
Rudolf Geser, 100 Alpenpässe mit dem Rennrad, München 2005, 287 Seiten,
52.20 Franken. Gerd Schiele, Mit dem Velo über 45 Alpenpässe der
Schweiz, CD-Rom.
Streckenprofil: