
«Madaaaaaaaaam!», ruft es von der Strasse her. Und ein weiteres Mal:
«Maaaadam! Come! Sit!» Der da den Verkehrslärm zu übertönen versucht,
ist ein Velorikscha-Fahrer. Es scheint ihm höchst unlogisch, dass
jemand bei dieser Hitze, diesem Lärm, diesem Chaos und dem grossen
Angebot an Rikschas zu Fuss unterwegs ist. Erst recht eine Fremde.
Diese Madame muss jetzt einsteigen, und sei es nur für ein paar Meter
und gerade mal zwanzig Rupien (rund sechzig Rappen). Madame ist
plötzlich müde. Nicht ob des Gehens, sondern weil das ewige Neinsagen
an den Nerven zehrt. Sie steigt auf den roten Polstersitz und erfährt,
dass er Arjun heisst.
Arjuns
Baumwollhemd steckt in der Bundhose. Er wirkt alt, aber nicht ganz so
ausgezehrt wie viele seiner Berufskollegen. 48 Jahre alt, und erst vor
einem Jahr sei er Rikscha-Fahrer geworden – und somit einer von über 20
000 Velotaxi-Männern in Jaipur, der pittoresken Hauptstadt Rajasthans.
Sie fahren mit primitiven Rädern und viel Muskelkraft. Sie sind oft
schlecht oder gar nicht ausgebildet, und dies ist eine der wenigen
Arbeiten, zu denen sie Zugang finden. «Zuvor hab ich an einem Kiosk
gearbeitet», erzählt Arjun. «Wir haben Chai angeboten, Fruchtsaft und
Biskuits. Ich habe bis zu sechzehn Stunden am Tag gearbeitet und dafür
zwanzig bis vierzig Rupien verdient.» 33 Rupien entsprechen gegenwärtig
einem Schweizer Franken. Seit er Rikscha fährt, verdient der
Familienvater, in dessen Haushalt auch seine verwitwete Mutter lebt,
zwischen fünfzig und dreihundert Rupien an einem Tag.
Rikscha-Gewerkschaft
Dass
er überhaupt umsatteln konnte, verdankt Arjun der «Jaipur Cycle Riksha
Chalak Union», einer im Jahr 2003 gegründeten
Velorikscha-Fahrer-Gewerkschaft. «Gewerkschaft» ist zwar etwas hoch
gegriffen, aber die Organisation, die bereits fünfhundert Mitglieder
zählt und Büro sowie Veloproduktionswerkstatt in einem engen
Hinterhofgebäude in der Altstadt Jaipurs hat, ermöglicht ihren Fahrern
den Weg in die Selbständigkeit. «Normalerweise mieten die Fahrer ihre
Rikschas», erklärt der 17-jährige Ajit Gupta, der das Gewerkschaftsbüro
der vom Vater gegründeten Organisation führt. «Sie können sich kein
eigenes Velotaxi leisten und bleiben so ewig von ihren Vermietern
abhängig. Da hat sich mein Vater überlegt, dass wir anstatt nur
Velorikschas zu produzieren und zu verkaufen, etwas machen könnten, das
den Fahrern hilft.»
Dank der Unterstützung durch eine lokale
Stiftung konnte die Hilfe zur Selbsthilfe verwirklicht werden: Die
Gewerkschaft gibt jedem neuen Mitglied ein Fahrrad und 500 Rupien
Startkapital. Danach müssen die Fahrer monatlich 600 Rupien abbezahlen,
bis das Fahrrad, das einen Wert von 5800 Rupien hat, zu ihrem Eigentum
wird.
Arjun, der im August 2005 beigetreten ist, kann sich ein
Dreivierteljahr nach Eröffnung seines Mitgliederkontos bereits
Rikscha-Eigentümer nennen. Der Vater von vier Kindern («eigentlich
wärens sieben, aber drei sind bei der Geburt gestorben») weiss nur
Positives über die Union zu sagen. Über die Arbeit an sich berichtet
er: «Ich fange morgens um sieben an und höre auf, wenn ich genug
verdient habe, manchmal also erst in der Nacht. Das Wetter ist nie
gnädig. Entweder ist es sehr heiss, so wie jetzt, oder sehr, sehr kalt.
Hart ist es immer.»
Grundmodell ist hundert Jahre alt
Die
Strenge der Arbeit hat auch mit den Fahrrädern zu tun: Die
Rikscha-Modelle entsprechen noch immer dem, was sie ganz am Anfang
waren, vor rund hundert Jahren: Achtzig bis neunzig Kilogramm schwere,
aerodynamisch ungünstige Ein-Gang-Karrossen sind die Normalität.
Immerhin gibt es seit kurzer Zeit aber auch da Fortschritte: Durch die
Kooperation mit einem indischen und einem New Yorker Verkehrsinstitut
konnte das «India Cycle Riksha Improvement Project» verbesserte
Velorikschas entwerfen. Die neuen Modelle sind dreissig Prozent
leichter, haben eine einfache Gangschaltung und eine für die
Körperhaltung bessere Rahmenform. Im Verkehr sind sie allerdings erst
in Delhi, Agra, Jaipur und zwei kleineren Städten.
Dass die
Qualität der Velorikschas nicht schon vor Jahrzehnten verbessert wurde,
ist symptomatisch für den Stellenwert, den das Gefährt und vor allem
seine Fahrer in der Gesellschaft Indiens haben. Viele kommen vom Land
und verdienen in der Landwirtschaft noch weniger. Gemessen an den
Konsequenzen für ihre Gesundheit ist es allerdings eine schlechte
Bilanz, die die Fahrer für die wenigen Rupien vergegenwärtigen. Nicht
nur, dass die strenge Kraftarbeit ihre Körper auszehrt und sie nie
genug werden essen können, um den gesteigerten Kalorienbedarf zu decken
– was den Fahrern vermehrt zusetzt, ist auch die Luft.
Die
diesbezüglichen Prognosen sehen nicht gut aus: Die Luft in den
indischen Städten leidet unter der rapiden Zunahme an Privatfahrzeugen,
speziell der hohen Zahl an dieselbetriebenen (siehe Kasten). Auch
Jaipurs Werte, so hat die Studie ergeben, sehen schlecht aus.
Arjun
weiss um das Luftproblem. Er lenkt seine Rikscha sachte durch den
Abendverkehr. Es ist laut, es stinkt, man versteht jeden, der sich ein
schützendes Tuch über Nase und Mund gebunden hat. Von links überholt
eine Autorikscha – und streift prompt Arjuns Hinterrad. Er flucht
nicht, wirft dem breitbeinig dasitzenden Tuk-Tuk-Fahrer aber einen
bösen Blick zu. Am Ziel angelangt, sagt er: «Schreiben Sie, dass ich
müde bin. Aber auch dankbar.»