Dr. V. Love
Dr. V. Love
Der Mann, der die Velos bewegt
Sehr geehrter Dr. V. Love
Nun
kommen sie nach dem Winter wieder zum Vorschein: die Veloleichen, die
während der kalten Jahreszeit auf Trottoirs und Abstellplätzen vor sich
hinrosteten und zum Saisonbeginn die dringend benötigten Plätze
verstopfen. Ganz zu schweigen vom Veloschrott, der jeweils aus den
Flüssen gezogen wird. Wie kann man der Zweckentfremdung von
Veloendlagerstätten entgegenwirken?
Ihr Karl S. aus M.
Lieber Karl S.
Die Objekte, von denen Sie sprechen, heissen im
Fachjargon «selten bewegte Velos an grösseren Abstellplätzen». Sowohl
dieser unterkühlte Beamtenausdruck wie auch Ihr herablassendes Wort
«Schrott» verhüllen, dass hinter jedem verlassenen Fahrrad eine
Geschichte steckt. Nehmen wir das Velo des alten Heinrichs: Er stellte
es bei der Saalsporthalle ab, fiel hundert Meter weiter vorne auf den
Kopf und konnte sich danach an nichts mehr erinnern. Das schöne, alte
Schwinn der zwanzigjährigen Ramona, welche die Züge am HB sah und
beschloss, nach Usbekistan auszuwandern (fragen Sie mich nicht, weshalb
– es geht hier um Poesie). Das alte Armeevelo, das sich in die
Fliegerbombe verliebte und ihr in den Fluss folgte.
Sie sehen:
Fahrräder sind nie Schrott. Vielleicht Ruinen oder Monumente
vergangener Zeiten, Zeugen nie erzählter Geschichten, verkannte Poeten.
Herrenlos, verachtet von der Gesellschaft, werden sie und ihre
Geschichten dem Nichts preisgegeben. Ich schlage deshalb vor, all die
von ihnen verschmähten Rosthaufen samt der zugehörigen Geschichten im
Landesmuseum auzustellen, egal ob die Fahrräder aus dem Mittelalter
stammen oder nicht. Das schafft nicht nur Platz auf den Abstellplätzen,
sondern auch Arbeit für unterbeschäftigte Journalisten. Und wenn dann
die erwähnte Ramona älter und reifer zurückkommt und ihre Schweizer
Wurzeln wieder entdecken will, findet sie anstelle von Kriegsgerät und
Betten, in die heute niemand mehr hineinpasst, ihr altes Schwinn und
ihre eigene Geschichte im Landesmuseum wieder. Sie kehrt – wahrhaftig –
in ihre Heimat zurück.
Ihr Dr. V. Love
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