Film

Animation mit Charakter

Ein Zeichentrickfilm zum Thema Velo, der auch von einem Arthouse-Publikum mit Freude aufgenommen wird, ist eine Seltenheit. «Das grosse Rennen von Belleville» ist eine Perle, allerdings nicht sonderlich radsportfreundlich. Bruno Angeli
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Champion hat es geschafft: Er nimmt an der Tour de France teil.
Die Triplettes: Damentrio mit eintönigen Essgewohnheiten.
Mit dem Zeichentrickfilm «Les Triplettes de Bellville», wie dieser Streifen im Original heisst, bewies Regisseur Sylvain Chomet, dass eine europäische Produktion durchaus neben Disney- oder Animéproduktionen aus Grossstudios bestehen kann. Der skurril anmutende Zeichenstil und die eigenwilligen, bisweilen sogar bis ins Groteske überzeichneten Figuren üben eine einnehmende Faszination aus.
Der Film ist zwar ab sechs Jahren freigegeben, richtet sich aber eindeutig an ein erwachsenes Publikum. Der Streifen beinhaltet fast keine Dialoge und strotzt vor filmischen Einfällen, Reminiszenzen und subtilem Humor – Ingredienzien, die Kinder schwer nachvollziehen können. Regisseur Chomet ist von den Stummfilmstars Charles Chaplin und Buster Keaton beeinflusst. Er schwärmt auch für Rowan Atkinson, und aus der Welt des Animationsfilms bewundert er Tex Avery. Er zollt in seinem Film aber auch  Künstlern wie Fred Astaire, Josephine Baker, Django Reinhardt und vielen anderen seinen Tribut.
Es war allerdings nicht die Absicht des Regisseurs, einen Fahrradfilm zu machen: «Das grosse Rennen von Belleville» ist nichts für hartgesottene Rennvelofans. Die Figur des Champions ist kein Held und erst recht keine geeignete Identifikationsfigur für den Rennfahrernachwuchs. Chomets Darstellung der pedalenden Berufszunft ist zynisch. Die Athleten ähneln eher überzüchteten Rennpferden denn menschlichen Wesen. Chomets Gesellschaftskritik beschränkt sich dankenswerterweise nicht auf die Pedaleure. So wird die Stadt Belleville von dicken Menschen bevölkert. Die Freiheitsstatue leidet an Fettsucht und aus «Hollywood» wird «Hollyfood». Chomets Sinn für Gerechtigkeit lässt auch seine Landsleute etwas von seinem Spott abbekommen. Die französischen Mafiosi trinken dauernd Rotwein und fahren ausgebaute 2 CVs.

Begeisterung und Obsession
Erzählt wird die Story von einem kleinen Jungen, der Champion genannt wird und den nichts wirklich zu begeistern vermag. Er lebt bei seiner Grossmutter Madame Souza, die den Waisenknaben aufzieht und mit dem Hund Bruno, einem durchgeknallten Tier, das wegen eines erlebten Traumas jeden vorbeifahrenden Zug anbellt, zusammen lebt. Madame Souza bemerkt, wie interessiert der Kleine vor dem Fernseher sitzt, wenn über die Tour de France berichtet wird. Sie schenkt ihm ein Dreirad. Champion ist begeistert und dreht damit fortan seine Kreise. Später bekommt er ein Rennrad, und die Begeisterung weicht einer Obsession. Der einst pummelige Junge wird von Madame Souza mit Hilfe einer Trillerpfeife und mit viel Ehrgeiz zu einem strammen und kraftstrotzenden Radrennfahrer herangezogen. Champion ist bereit für seine grösste Herausforderung: für die Tour de France. Doch das Ziel in Paris wird er nicht erreichen. Champion wird zusammen mit zwei weiteren Rennfahrern von französischen Mafiosi entführt. Die Entführten werden in die Konsummetropole Belleville verschleppt, wo sie gezwungen werden, illegale Schaurennen zu fahren.

Schwarzer Humor
Grossmutter und Hund verfolgen auf einem Tretboot die Entführer über den grossen Teich. In Belleville machen sie die Bekanntschaft mit ehemaligen Variété-Künstlerinnen, den Triplettes. An dieser Stelle folgt eine der unvergesslichen Szenen: die politisch nicht ganz korrekte, aber genüsslich inszenierte Froschjagd der Triplettes. Gestärkt machen sie sich anschliessend daran, Champion aus den Klauen der Wettmafia zu befreien.
Das übertriebene Spiel Chomets mit den Klischees kann man ihm verzeihen. Wer Filme abseits des Mainstreams mag und auf schwarzen Humor steht, wird mit dem Streifen «Das grosse Rennen von Belleville» auf seine Kosten kommen. Da es unmöglich erscheint, beim einmaligen Sehen alles zu entdecken, ist der Kauf der DVD auch für tolerante Velofans zu empfehlen.

Das grosse Rennen von Belleville auf DVD

Frankreich/Kanada, 2003
Regie/Drehbuch/Animation: Sylvain Chomet
Musik: Ben Charest
Laufzeit: 78 Minuten
Altersempfehlung: ab 6 Jahren
Sprachen: Deutsch/Französisch (Dolby Digital 5.1).
Untertitel: Deutsch
Extras: Deutscher Kinotrailer, Making of, Interview mit Sylvain Chomet, drei kommentierte Szenen, Zeichenunterricht mit Sylvain Chomet, Musikvideo «Les Triplettes de Belleville», Fotogalerie.


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