Film
Im rollenden Reich der Mitte
Mit «Beijing Bicycle» startet velojournal die Serie «Das Fahrrad im Film». Vorgestellt wird jeweils ein Spielfilm, in welchem das Velo eine bemerkenswerte Rolle spielt. Wie in der nachfolgenden Besprechung, die den Wandel in China aufzeigt. Bruno Angeli
Das Fahrrad gehört zu China wie die berühmte, 6250 Kilometer lange
Mauer. Doch China verändert sich dramatisch schnell in Richtung Konsum-
und Automobilgesellschaft. «Beijing Bicycle» ist der zweite aus einer
Reihe von sechs Filmen, die unter der Bezeichnung «Tales of a Changing
China» (Märchenerzählungen über ein sich veränderndes China) diese
Verschiebungen aufzeigen. Das widersprüchliche Bild von Millionen
VelofahrerInnen und neben dem neuen Luxus brachten Produzentin Peggy
Chiao und Regisseur Wang Xiaoshuai dazu, diesen Film zu realisieren.
Regisseur Wang meint zum Stellenwert des Fahrrads im heutigen China:
«Als ich klein war, war die Tatsache, mehrere Räder zu besitzen, ein
Zeichen von Wohlstand oder von Pfiffigkeit. Vor der Zeit, als sich
China öffnete, war der Status einer Familie daran abzulesen, ob man die
<4 Grossen> besass: eine Uhr, eine Nähmaschine, ein Radio und ein
Rad. Heute sind die <4 Grossen> nicht mehr dieselben Objekte.
Obwohl das Velo einiges von seinem Ruhm eingebüsst hat, ist es immer
noch ein wichtiges Fortbewegungsmittel geblieben, denn es gibt nach wie
vor wenig Motorräder oder Autos. Es ist zwar nicht mehr der Gegenstand,
den sich alle wünschen, aber dennoch gibt es das Bedürfnis danach, da
man es täglich braucht, auch wenn man es gerne ersetzen würde. Im
Unterschied zur Nähmaschine oder zum Radio ist das Rad nach und nach zu
einem Symbol für Mangel an Wohlstand geworden.»
Velo als Statussymbol oder Arbeitsgerät
«Beijing Bicycle» erzählt die Geschichte des 16-jährigen Fahrradkuriers
Guei in Peking und davon, wie Existenz und Glück ganz von seinem
Gefährt abhängen. Als es ihm gestohlen wird und er zudem einen Auftrag
vermasselt, wird er entlassen. Dabei hat er sich so ins Zeug gelegt und
das silberfarbene Bike beinahe abbezahlt. Der starrköpfige Bursche vom
Land kann seinen Chef dazu überreden, einen Deal einzugehen: Wenn er
das Bike wiederfindet, bekommt er seinen Job zurück. Das beinahe
Unmögliche tritt ein: Er entdeckt sein Rad, das nun aber vom Studenten
Jian gefahren wird. Der Städter gibt an, es auf dem Flohmarkt erstanden
zu haben. Er wird das Rad nicht freiwillig hergeben. Damit kann er sich
in seiner velovernarrten Clique zeigen, und nicht zuletzt gibt es ein
Mädchen, das er damit beeindrucken will. Zwischen den jungen Männern
entbrennt ein «Kampf», es fliessen auf beiden Seiten Tränen.
Schliesslich entscheiden sich die beiden zum «Bike-Sharing». Der
Kompromiss hält jedoch nicht lange. Er scheitert an den Verhältnissen,
in denen die beiden stecken. Der Kampf eskaliert, es bleibt kein
Gewinner zurück.
«Beijing Bicycle» wurde von der Kritik und vom Publikum gut aufgenommen
und gewann diverse Auszeichnungen (darunter der Silberne Bären 2001 an
den Filmfestspielen von Berlin). Aufgrund der Thematik drängt sich ein
Vergleich mit dem neorealistischen Klassiker «Fahrraddiebe» von 1949
auf. Doch nur schon der zeitliche Abstand und der kulturelle
Unterschied zeigen, dass es sich um ein eigenständiges Werk und nicht
um ein Remake handelt. Eine Parallele zu Vittorio de Sicas Film lässt
sich jedoch in den schönen, malerisch eingefangenen Bildern ausmachen.
«Beijing Bicycle» – die DVD
Volksrepublik China / Frankreich 2000
Regie: Wang Xiaoshuai.
Drehbuch: Wang Xiaoshuai, Tang Danian, Peggy Chiao, Hsu Hsiao-Ming.
Kamera: Liu Jie. Schnitt: Liao Ching-Song.
Produktion: Eastern Television, Asiatic Films, Beijing Film Studio, Arc Light Films, Public Television Service, Pyramide Production.
Mit: Cui Lin (Guei), Li Bin (Jian), Zhou Xun (Qin), Gao Yuanyuan (Xiao), Li Shuang (Da Huan), Zhao Yiwei (Vater).
Sprachen: Deutsch, Chinesisch, deutsche Untertitel.
Bonus-Tracks: Originaltrailer, Bio-/Filmografie des Regisseurs Wang Xiaoshuai, Kommentartafeln des Regisseurs zum Film, Trailershow.
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