Politik
Schafft 100000 Veloabstellplätze!
Der Anteil am Veloverkehr in den Agglomerationen könnte höher sein, wenn es genug qualitativ hochwertige Abstellplätze gäbe. Gemäss Experten fehlen in der Schweiz mindestens 100000 sichere Veloabstellplätze. Eine Tagung der IG Velo widmete sich diesem Problem. Pete Mijnssen
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Die Berner Gemeinderätin Regula Rytz überbrachte die Grussbotschaft mit dem Velo. |
Oben: IG-Velo-Präsidentin Jacqueline Fehr lässt sich das neuste Doppelparker-Modell erklären.
Unten:Lockeres Pausengespräch zwischen AstraMann Niklaus Schranz und Andreas Blumenstein vom Büro für Mobilität.
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Zu Beginn der
Tagung in Bern stellte der Direktor des Bundesamtes für Strassen
(Astra) die rhetorische Frage: «Was geht die Veloparkierung den Bund
an?» Seine klare Antwort folgte sofort: Der Langsamverkehr in den
Agglomerationen dient der Entlastung der an ihre Grenzen stossenden
Verkehrssysteme. Das hat das Astra erkannt und will deshalb den
Langsamverkehr fördern. Vor allem an den Schnittstellen zum
öffentlichen Verkehr, wo das Angebot an Abstellanlagen eine zentrale
Rolle spielt. Mit dem neuen Finanzausgleich will der Bundesrat die
Grundlagen schaffen, damit Gelder zugunsten des Langsamverkehrs
fliessen können.
Die verschiedenen Akteure aus dem Bereich des
Veloverkehrs befassten sich mit dem aktuellen Stand von Angebot und
Nachfrage. Ziel war es, Wege aufzuzeigen, wie rasch zusätzliche und
qualitativ hochwertige Abstellplätze gebaut werden können. Die Runde
war sich nämlich einig, dass der heutige Verkehrsanteil von rund sechs
Prozent am Gesamtverkehr in den Agglomerationen auf mindestens zehn
Prozent gesteigert werden muss. Und dies verlangt mehr Abstellplätze.
Die SBB planen, für alle Velo fahrenden KundInnen, die heute schon zehn
Prozent ausmachen, einen Abstellplatz zur Verfügung zu stellen. Markus
Dössegger, Leiter kombinierte Mobilität, erklärte, die SBB würden mit
dem Projekt Facelifting RV 05 die Federführung übernehmen und jährlich
bis zu 1200 neue Veloabstellplätze schaffen. Bis 2016 wollen sie 60
Fernverkehr- und 620 Regionalbahnhöfe modernisieren und im Rahmen
dieser Anpassungen insgesamt 20000 überdeckte Veloabstellplätze
integrieren.
Der Teufel steckt im Detail
In den Referaten ging es darum, welche Ansprüche an Veloabstellanlagen
gestellt werden. Heute seien noch viele Abstellanlagen an zentralen
Standorten und Umsteigepunkten falsch platziert und falsch konstruiert.
Es handle sich oft um unsichere oder überfüllte Anlagen, wurde
kritisiert. Beschädigungen, Vandalismus oder Diebstahl kämen immer
wieder vor. Roger Nordmann, Nationalrat und Vorstandsmitglied der IG
Velo Schweiz, formulierte die Anforderungen, um die Bedürfnisse der
«kleinen Königin» Velo zufriedenzustellen. Weil das Fahrrad «in
jeglicher Hinsicht nachhaltig» sei, brauche es auch
Abstellmöglichkeiten nahe am Gleis in ästhetisch gelungenen Stationen.
Dass die Anbindung des Veloverkehrs von Beginn der Planung an mit den
BenutzerInnen gemeinsam erfolgen sollte, verstehe sich von selbst.
Dass die schönsten Masterpläne nichts nützen, wenn das Velo dann doch
vergessen geht, zeigten kleine Differenzen zwischen der Berner
Baudirektorin Regula Rytz und Christoph Bähler, bis 2004
Velobeauftragter der Stadt Bern. Letzterer monierte, dass auch die
rot-grüne Stadtregierung im Masterplan Verkehr oft erst an letzter
Stelle ans Velo gedacht habe. Als Beispiel einer verunglückten Planung
wurde die Bollwerk-Anlage zitiert, die nicht genügend ausgelastet ist.
Marketingexperte Peter Masciadri meinte, mit einer besseren
Bedürfnisanalyse und Umsetzung hätte die Auslastung markant erhöht
werden können.
Holland und Nordrhein-Westfalen machens vor
Wie weit Holland ist, schilderte Ursula Lehner-Lierz. Der Vorsprung,
basierend auf den Masterplänen der frühen neunziger Jahre, ist
beeindruckend. In Holland wurde nicht nur das Konzept der Velostationen
weiterentwickelt, wie das praktisch und architektonisch gelungene
Beispiel des Bahnhofplatzes in Leiden zeigt. Die Veloförderung sei in
Holland eben auch breit abgestützt: Von 130 Städten betreiben achtzig
Prozent eine aktive Veloparkierungspolitik. Und last, not least: Dank
Stationen, Gratisvelowachen und Velodienstleistungen in den
Innenstädten ging der grassierende Veloklau um ein Viertel zurück.
Ähnliche Wege geht Nordrhein-Westfalen, das als das deutsche
Velokompetenzzentrum gilt. Auch hier werden bei den Radstationen die
Dienstleistungen gross geschrieben und auch als Mittel gegen verödete
Bahnhofsareale eingesetzt.
Berner Velopolitik
Oskar Balsiger, Präsident einer Expertengruppe der Strassen- und
Verkehrsfachleute VSS, zeigte auf, wie mit griffigen Rahmenbedigungen
das Velo im Kanton Bern gefördert wird. So sieht die Bauverordnung bei
Neubauten für Wohnungen zwingend zwei bis drei Abstellplätze vor. Damit
hat es der frühere Velobeauftragte geschafft, dass seine Enkel nicht
wie er beim Besuch der Grossmutter Schilder antreffen wie «Velo
anstellen verboten aber Auto erlaubt». Letzteres wird aber nur dann
weniger attraktiv, wenn die Autoabstellplätze auch bewirtschaftet
werden. Balsiger griff als Einziger auch das Problem der Motorräder in
Veloabstellanlagen auf. Einen kritischen Blick warf er auch auf die
Zweckentfremdung von Veloabstellräumen in Privatliegenschaften, die oft
gewerblich genutzt werden. Ein weiteres ungelöstes Problem bzw. eine
Gesetzeslücke sei die Entsorgung der «Veloleichen».
Steilpass für den Langsamverkehr
Nachgefragt bei Rudolf Dieterle, Direktor des Bundesamtes für Strassen.velojournal:
In Ihrem Referat sprechen Sie davon, dass Parlament, Kantone und
Gemeinden den «Steilpass» desder Bundesrates aufnehmen sollen. Wie ist
das gemeint?
Dieterle: Mit der Verankerung
der Aufgabe «Agglomerationsverkehr» in Artikel 86 der Bundesverfassung
hat das Volk auch Ja gesagt zu einer integrierten Verkehrsbetrachtung.
Dazu gehört der motorisierte Individualverkehr ebenso wie der
öffentliche Verkehr auf Schiene und Strasse und auch der
Langsamverkehr. Der Bundesrat schlägt deshalb in der Botschaft zum
neuen Finanzausgleich vor, dass in Zukunft auch die Infrastruktur für
den Langsamverkehr mit maximal fünfzig Prozent subventioniert werden
soll. Voraussetzung ist, dass die entsprechenden Projekte in den von
den Kantonen zu erstellenden Agglomerationsprogrammen enthalten sind
und weitere vom Bund festgelegte Anforderungen erfüllen. Ein Beispiel:
An die Planung und den Bau einer Velostation können nur Bundesbeiträge
ausgerichtet werden, wenn sie in einem solchen Programm aufgeführt ist.
Bildlich gesprochen spielen also die Agglomerationsprogramme den
Steilpass, die Tore müssen aber die Kantone und Agglomerationen
schiessen.
velojournal: Welche Langsamverkehr-Anteile sind heute vorhanden, und welche sollen erreicht werden?
Dieterle:
Der heutige LV-Anteil an der Verkehrsleistung unterscheidet sich von
Agglomeration zu Agglomeration, liegt gesamtschweizerisch aber zwischen
sieben und acht Prozent. Mit Blick auf eine nachhaltige Bewältigung des
künftigen Agglomerationsverkehrs und des prognostizierten
Verkehrswachstums besteht das Ziel, diesen Anteil zu halten und, wenn
möglich, auf rund zehn Prozent auszubauen. Hier ist anzumerken, dass
die aktuelle Datenbasis noch sehr dürftig ist. Wir sind daran, sie zu
verbessern.
velojournal: Worin unterscheidet sich das Leitbild Langsamverkehr vom Agglomerationsprogramm?
Dieterle:
Das Leitbild greift auf der konzeptionellen Ebene. Es geht um die
Rahmenbedingungen der Förderung des Langsamverkehrs. Die
Agglo-Programme hingegen sind konkrete Umsetzungspläne für eine Region.
velojournal: Was geschieht mit dem Leitbild, das nun seit bald drei Jahren in den Schubladen ruht?
Dieterle:
Die Grundanliegen des Leitbildes fanden breite Unterstützung.
Langsamverkehr ist als eigenständige Mobilitätsform und als Teil der
kombinierten Mobilität, also der Transportketten, heute anerkannt.
Umstritten aber ist der Finanzierungsschlüssel zwischen Bund, Kantonen
und Privaten. Gegenwärtig überarbeitet das Bundesamt für Strassen das
Leitbild. Wir planen die Fertigstellung auf Herbst 2006.
velojournal: Wie ist der Zeitplan für die Beratung des Agglo-Programms?
Dieterle:
Die ständerätliche Spezialkommission hat mit ihren Diskussionen über
den neuen Finanzausgleich bereits begonnen. Wir gehen davon aus, dass
die Neuerungen Anfang 2008 in Kraft treten.
Interview: Pete Mijnssen