Szene
Neue Bauten – neues Glück?
Industrievertreter wie Velofreaks hatten dieses Jahr das Vergnügen, am gleichen Wochendende dem Abgesang auf die alten Hallen der Ifma in Köln und der Einweihung der neuen Eicma in Mailand beiwohnen zu können. Zwei Messen im Vergleich. Peter Hummel
Die
Ifma-Messe in Köln war dieses Jahr von der Fläche und vom
Fachbesucheraufmarsch her erneut kleiner. Viele Aussteller kommen denn
auch nur noch hierher, um neben den grossen Einkaufsverbänden Präsenz
zu markieren. In Kontrast dazu steht das anhaltende Publikumsinteresse.
Wegen ihres Einzugsgebietes gilt die Ifma immer noch als wichtigste
Fahrradmesse. Oder anders gesagt: Es ist die richtige Ausstellung zur
falschen Zeit! Einmal mehr haben diesen Herbst Industrie-Exponenten
nämlich darüber nachgedacht, dass eine Frühjahrs-Ifma für alle
Beteiligten eine viel grössere Entfaltung haben könnte:
Saisonlancierung für die Konsumenten, Ordermesse (längerfristig statt
der Fernosttermine) für die Hersteller. Bereits jetzt beweist ja die
Ifma, dass sie mit ihren grosszügigen Testparcours und schönen
Sondershows, heuer etwa zu Cruisern, fürs breite Publikum besondere
Attraktionen zu bieten hat. Und Cannondale hat mit dem witzigen Stand
rund um den Bahnhof Cannondale als eine der wenigen Ausnahmen gezeigt,
wie auch reputierte Firmen wieder einen dem Alltagscharakter der Ifma
gerecht werdenden Auftritt hinkriegen könnten.
Eröffnung mit Pomp und Berlusconi
Zeitgleich fand diesen Herbst erstmals die Eicma in Mailand in neuen
Hallen statt, zu deren Eröffnung sich sogar Staatschef Silvio
Berlusconi herbemüht hatte. Die Mailänder Messegesellschaft trumpft
auf: Es sei das grösste, modernste und schönste Messegelände der Welt.
Die Grösse ist in der Tat beeindruckend: Auf den 400000 Quadratmetern
hätten locker sechzig Fussballfelder Platz. Die Velomesse Eicma belegte
allerdings nur gerade zwei der insgesamt zwanzig Hallen.
Auf die
BesucherInnen wirkt die neue Messe freilich nicht ganz so glanzvoll.
Die einzige Metrostation verlangt einen Anmarsch von einem Kilometer
bis zum Messegelände, in den Hallen selbst gibts kaum Tageslicht, sie
sind untereinander schlecht verbunden, und die Gastronomie kommt über
Autobahnraststättenverpflegung nicht hinaus.
Neu ist nicht gleich besser
Trostlos präsentierte sich das Freigelände: Auf einem Parkplatz hinter
den Hallen wurden auf die Schnelle ein paar Dreckhaufen hingekarrt und
Rampen aufgestellt, auf denen die BMX-Jungs weitgehend unter sich
blieben. Das neue Mailänder Messegelände ist ein Beweis dafür, dass mit
Neubauten nicht einfach alles besser wird: Jetzt dauert die Anfahrt vom
Zentrum doppelt so lange wie früher. Man darf gespannt sein, was die
Ifma Köln nächstes Jahr zu bieten hat, wenn auch sie in neue Hallen
umziehen wird. Soviel vorweg: Auch dort werden die Wege lang sein – vom
Messebahnhof Deutz bis zum neuen Nordeingang weit über einen Kilometer.
Zur Ifma sollen erst mal Shuttlebusse eingesetzt werden.
Retro- und Stadträder
h+h. Die Eicma in Mailand hat in den neuen Hallen kommerziell auf
Anhieb funktioniert. An der Endverbrauchermesse waren alle relevanten
Firmen vertreten, wobei die italienischen Hersteller ein aufwändiges
Heimspiel zelebrierten. Bemerkenswert, dass die grossen Rennradmarken
überhaupt nicht alle auf der Eurobike die Katze aus dem Sack gelassen
hatten (siehe vj 5/05). Neben den allgegenwärtigen Carbonrahmen
entdeckte man auch wieder Stahl- und Titanrahmen, vermehrt sogar im
Retro-Look. Der letzte Schrei in Italien sind nostalgische Stadträder
mit alten und modernen Komponenten. Wie nicht anders gewohnt, durften
auf der Eicma auch Designideen nicht fehlen. Diesmal galten sie dem
Alltagsrad, das in Italien neue Wertschätzung erfährt. Auch Stilstudien
fehlten nicht – ein Anziehungspunkt für viele der 115000 BesucherInnen.
Diese Zahl war ein Rekord. Und die Messe soll noch grösser werden:
Costantino Ruggiero, Direktor der Eicma und des Zweiradverbandes Ancma,
hat die Absicht bekundet, die Velomesse wieder mit der Moto-Eicma
zusammenzulegen.
  
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1+2| L’ITA
Als herausragend entpuppte sich das Konzept L’ITA, das auf die
Initiative von MIC-Direktor Amadeo Colombo zurückgeht. Der italienische
Shimano-Importeur konnte vierzehn namhafte Hersteller zur Entwicklung
eines neuen Urban Bikes bewegen, ja geradezu begeistern. Bei den
Entwürfen ist es nämlich mehrfach gelungen, die Vorteile der drei
Bici-Haupttypen – die effiziente Geometrie des Renners, die
Beweglichkeit des Mountainbikes und den Komfort eines Stadtrades – in
einem eigenständigen Wurf statt lediglich in Form eines bescheidenen
Kompromisses umzusetzen. Da beweist etwa ein integrierter Scheinwerfer,
dass funktionales Zubehör nicht die ganze Optik verunstalten muss (Bild
2). Die L’ITA-Räder knüpfen an die Condorino-Tradition der
siebziger Jahre an, dem italienischen Halbrenner, der sich durch
Eleganz und Leichtigkeit auszeichnete – Alta Moda des Alltagsrades
eben. BranchenkennerInnen attestierten dieser Kollektion denn auch
bereits das Zeug zu einem durchschlagskräftigeren Nachfolger der nicht
vom Fleck kommenden Smover-Idee.
3+4| Fioravanti
Eine nicht minder bestechende City-Lösung präsentierte die
Designschmiede Fioravanti: Vorgefertigte, V-förmige Rahmenteile können
wahlweise für Damen- oder Herrenmodelle verwendet werden. Im Gegensatz
zu den produktionsreifen L’ITA-Modellen handelt es sich hier noch um
Designmuster, die allerdings bis ins Detail fertig gestylt sind, was
sich unter anderem auch in einem formschön gestalteten
Doppelscheinwerfer äussert, der die Räder ziert.
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