
Die Meisterschaft von Zürich, eines der bekanntesten und
traditionsreichsten Schweizer Radrennen, stand in den letzten
Jahrzehnten immer mal wieder vor dem Aus. Dieser Anlass, der am 2.
Oktober bereits zum 92. Mal stattfindet, leidet seit Beginn der
neunziger Jahre wiederholt unter organisatorischen und finanziellen
Mängeln. Das lag unter anderem daran, dass der Besitzer des Rennens
(Radfahrer-Verein Zürich) mit der Wahl der jeweiligen Rennveranstalter
nicht immer eine sehr glückliche Hand bewies. Nach dem Tod des
legendären Sepp Voegeli, der auch während Jahren die Tour de Suisse
leitete, übernahm ab 1992 der Basler Serge Lang die Organisation. Ab
1999 folgte eine dreijährige Periode mit dem ehemaligen
Tour-de-Romandie-Chef Daniel Perroud. Insbesondere in der Ära Perroud
wurden offenbar verschiedene Abmachungen mit dem Weltverband UCI sowie
dem RV Zürich nicht eingehalten, sodass die UCI drohte, der
Züri-Metzgete den Weltcupstatus abzuerkennen – ein Entscheid, der das
Ende dieses Rennens bedeutet hätte. Erst die Übertragung der
Organisation an die renommierte deutsche Agentur upsolut brachte
schliesslich ein wenig Ruhe in diese Angelegenheit.
Weniger ruhig präsentiert sich hingegen die Situation auf nationaler
Ebene. Mit Sorgenfalten nimmt man im Schweizer Radsportverband zur
Kenntnis, dass die Zahl der durchgeführten Strassenrennen von Jahr zu
Jahr geringer und der jährliche Rennkalender entsprechend dünner wird.
Traditionelle jährliche Fixpunkte wie die Ostschweizer Rundfahrt oder
die Tour de Suisse féminin sind entweder ganz von der Bildfläche
verschwunden oder reinen Profi-Events gewichen.
«Wir sind uns dieser Problematik sehr bewusst, und wir überlegen uns
intensiv, wie wir diesen Trend brechen können», sagt Lorenz Schläfli.
Der Geschäftsführer von Swiss Cycling ortet das Hauptproblem in der
zunehmenden Schwierigkeit, überhaupt eine Bewilligung zur
Strassenbenützung zu bekommen. Dies erlebt er auch regelmässig bei der
Suche nach Veranstaltern der Strassen-Schweizermeisterschaft, für die
der Verband verantwortlich ist: «Unser Ziel ist eine dreitägige
Wochenendveranstaltung, bei der sowohl ein Zeitfahren wie auch die
Strassenrennen sämtlicher Kategorien durchgeführt werden können.»
Offenbar ist dies nicht ganz einfach zu erreichen: Während dieses Jahr
nur mit Mühe ein Veranstalter gefunden werden konnte, ist man nun mit
einem Organisator in Verhandlung, der aufgrund fehlender Bewilligungen
keine Möglichkeit sieht, das Zeitfahren an einem Freitag zu
organisieren.
Doch nicht nur Bewilligungen halten Vereine und
ihre Exponenten davon ab, Rennen zu organisieren. Die zunehmende
Mobilität führt dazu, dass es immer mehr Helferinnen und Helfer
braucht, die beispielsweise einen ganzen Tag lang am Strassenrand
stehen und dafür verantwortlich sind, dass kein Auto den Rennfahrern
entgegenfährt. Gleichzeitig stellt Swiss Cycling einen massiven
Mitgliederrückgang bei den Vereinen fest. Da stellen sich viele
Organisatoren natürlich die Frage, woher sich freiwillige Helfer
rekrutieren lassen. Wie gross der Bedarf an unentgeltlicher Mitarbeit
ist, lässt sich am Beispiel der diesjährigen Schweizermeisterschaft in
Cham zeigen: Für die dreitägige Veranstaltung wurden über hunert
Freiwillige benötigt: Leute aus dem eigenen Verein, aus befreundeten
Klubs und Schulklassen.
Wie
wichtig die Arbeit der Freiwilligen ist, zeigt ein Fall, der sich vor
zwei Jahren bei der Stauseerundfahrt in Klingnau ereignet hatte: Ein
92-jähriger Mann verunfallte tödlich, als er beim Überqueren eines
Fussgängerstreifens mit einem Rennfahrer kollidierte. Beim
anschliessenden Gerichtsfall stand der Vorwurf der fahrlässigen Tötung
im Raum, schliesslich wurden die zwei betroffenen Streckenposten aber
freigesprochen. Herbert Notter, OK-Präsident der Stausee-rundfahrt, war
über dieses Urteil sehr erleichtert, obwohl sich der Prozess auf die
weitere Suche nach freiwilligen HelferInnen kaum positiv ausgewirkt
haben dürfte. Dazu kamen Sicherheitsforderungen der vom Radrennen
betroffenen Gemeinden, wodurch sich laut Notter «die Kosten für die
Sicherheit von einem Jahr aufs andere um ein Mehrfaches erhöhten». In
einer Sportart, in der sich bereits die Sponsorensuche als schwierig
entpuppt, kann allein dies ein Grund sein, keine Rennen mehr
durchzuführen.
«Wenn solche Zwischenfälle vor dem Gericht landen,
kann dies weitreichende Konsequenzen für Veranstalter haben»,
befürchtet auch Schläfli. Er hat deshalb Verständnis für Organisatoren,
die sich aus Furcht vor Klagen zurückziehen, «denn ein Rundkurs auf
öffentlichen Strassen kann nie zu hundert Prozent gesichert werden», so
Schläfli. Er kann sich gut vorstellen, dass dereinst schon aus
juristischen Gründen gefordert werden muss, dass Strassenrennen nur
noch auf einem komplett abgesperrten Rundkurs durchgeführt werden
dürfen.