Schwerpunkt
Velo im Zug: Das ewige Dilemma
Die Cisalpino-Züge mit klassischem Rollmaterial nach Venedig und Genua–La Spezia locken mit einem grosszügigen Bike-Mitnahmeangebot. Doch weder die heutigen noch die künftigen CIS-Neigezüge sind velotauglich. Wenigstens vorderhand nicht. Johannes von Arx
Citynightline wagte es, Liegewagen umzubauen, damit auf jedem Zug
zwanzig Velos mit ans Ziel fahren können. Die Reaktion folgte sofort:
Waren es im ersten Jahr, 2001, auf drei Destinationen noch gut 4300
Fahrräder, so transportierten die Nachtzüge 2004 bereits deren 18241.
Allerdings sind in der Zwischenzeit weitere Destinationen dazugekommen.
«Es war wirklich ein Wagnis», blickt Peter Plan, Marketingleiter von
Citynightline zurück. «Aber es war eine Erfolgsgeschichte, weil wir mit
diesem Service Menschen auf den Zug aufmerksam machen konnten, die
sonst nicht gekommen wären.» Sogar Geschäftskunden seien auf den
Geschmack gekommen und hätten später Privatreisen mit dem Velo
unternommen. Überraschend sei auch gewesen, dass die Biker nicht
einfach die billigsten Liegesitzplätze belegt hätten, sondern auch
Abteile im Liegewagen und sogar Deluxe-Abteile.
Kaum Platz im Neigezug
Anders als bei der mit herkömmlichen Wagen fahrenden Citynightline
präsentiert sich die Situation bei der italienisch-schweizerischen
Gesellschaft Cisalpino (CIS). Hier fahren – namentlich auf
italienischen Teilstrecken – deutlich mehr Geschäftsreisende mit als
auf den Richtung Norden führenden Citynightline-Strecken. Die kompakten
CIS-Triebzüge bieten – wie auch die Schweizer Neigezüge, die ICN –
keinen oder kaum Platz, um Velos einzuladen. Noch schlechter wird die
Situation, wenn die neue CIS-2-Generation in die Schweiz fahren wird,
mit Neigezügen, die bis zu 250 km/h erreichen können. velojournal
befragte Cisalpino-Direktor Lucio Gastaldi zur Zukunft des Bikes in der
Bahn.
Cisalpino-Direktor Lucio Gastaldi gibt Auskunft
velojournal: Fahren Sie in Ihrer Freizeit auch Velo?
Lucio Gastaldi: Ja, gelegentlich mache ich mit meiner Frau kleinere Velotouren in der näheren Umgebung.
velojournal: Wären
Sie da nicht auch schon froh gewesen, das Velo in den Cisalpino
verladen zu können, um die abwechslungsreichen Landschaften in der
Nachbarschaft erfahren zu können?
Lucio Gastaldi:Ich
habe grosses Verständnis für die Velofans, die von einem solchen
Angebot Gebrauch machen möchten. Ich persönlich bin sehr viel unterwegs
und versuche, mit möglichst leichtem Gepäck zu reisen. Wenn ich die
Landschaften per Velo entdecken will, miete ich mir eines vor Ort.
velojournal: Der
Veloselbstverlad ist eine zentrale Dienstleistung für das immer grösser
werdende Segment der RadsportlerInnen. Die Zuwachsraten bei
Citynightline sind enorm. Gehören nicht auch Veloabstellmöglichkeiten
in die Cisalpino-Züge?
Lucio Gastaldi: Wir
stecken in einem Dilemma: Einerseits möchten wir die VelofahrerInnen,
meist treue Bahnfahrer, mitnehmen. Andererseits befahren unsere Züge
stark ausgelastete Strecken, auf denen wir möglichst viele Sitzplätze
benötigen. Letztes Jahr haben wir mehr als vier Millionen Fahrgäste
transportiert, der Anteil an VelofahrerInnen war gering. Ausserdem gibt
es die Möglichkeit, die konventionellen Züge «Canaletto» und «Cinque
Terre» zu benützen, die einen Gepäckwagen mit Veloplätzen haben. Diese
Gepäckwagen fahren bewusst bis zu den Zieldestinationen Venedig und
Genua–La Spezia mit, um dem Bedürfnis der VelotouristInnen gerecht zu
werden. Für Gruppen organisieren wir auch überwachte Velotransporte.
velojournal: Besonders
beliebt, etwa in den Doppelstöckern der SBB, bei der DB und den ÖBB,
sind die Mehrzweckabteile für Gepäck, Kinderwagen und Velo, ausgerüstet
mit Klappsitzen. Könnte dies nicht eine Lösung für den Cisalpino sein?
Lucio Gastaldi:Die
neuen Neigezüge sind Hochgeschwindigkeitszüge mit modularer
Sitzanordnung. Im Moment sind keine Veloabstellplätze vorgesehen. Die
Bauweise lässt uns aber die Möglichkeit offen, zu einem späteren
Zeitpunkt die Gepäckablagen zu vergrössern oder vereinzelte
Veloabstellplätze einzurichten – die Abklärungen sind im Gang.
Interview: Johannes von Arx