Spezial

Tour des Grisons

Wer gern über asphaltierte Pässe radelt, ist mit dem Grenzgebiet Graubünden/Veltlin gut bedient. Ein besonderer Leckerbissen ist die Strecke von Samedan via Bormio zurück nach Samedan – eine anspruchsvolle, zweitägige Fahrt über nicht weniger als sechs Alpenpässe. Markus Greter

Ein zünftiger Bergfloh hat flinke Beine, immer genügend Puste und vor allem ein gutes Auge für die Landschaft. Im Bündnerland lassen sich diese Eigenschaften bestens kombinieren.

Pass Nummer 1: Der Berninapass

Ich starte morgens um 10 Uhr in Samedan und fahre auf dem Radweg durch Engadiner Wälder und Wiesen Richtung Wochenende. Doch bald ist Schluss mit der velozyklistischen Eigenbrötlerei: In Pontresina endet der Radweg, ab jetzt fährt der Velosoph auf der ordinären asphaltierten Strasse. An Samstagen und Sonntagen jagen Hunderte von Motorrädern und automobilen Touristen die Passstrasse hoch. Wir Velofahrer werden eingelullt in das nie versiegende, heulende Gedröhn, doch wird mit sensationellen Ausblicken belohnt, wer das Röhren der Motoren wegdenken kann. Auf dem Parkplatz nach der Alp Nuova ist die Aussicht besonders schön: Fotogen türmt sich der Morteratschgletscher in die Höhe. Zwar ist die Eismasse in den letzten Jahrzehnten dramatisch zurückgegangen, majestätisch ist die Aussicht aber allemal. Nach 700 Höhenmetern erreiche ich den Pass und erlabe mich an einem Teller Pizzoccheri.

Pass Nummer 2: Der Forcola di Livigno

Anstatt hinunter ins Puschlav zu fetzen, beende ich die schmissige Talfahrt schon nach wenigen Minuten und biege nach links ab. Eine kleine Asphaltstrasse führt zum Forcola di Livigno herauf. Der Pass ist billig – mit 250 Höhenmetern ist er schnell erreicht. Vor dem Zoll staut sich die motorisierte Klientel, ansonsten aber hat der Radler die Landschaft weitgehend für sich.

Nummer 3 und 4: Passo d’Eira und di Foscagno

Ein Besuch in Livigno lohnt sich für jene, die günstig Schnaps und Zigaretten kaufen möchten. Ich aber lasse das Zollfrei-Eldorado links liegen und kurve den Passo d’Eira und den benachbarten Passo di Foscagno hoch. Das Panorama hält sich in Grenzen, aber nach Bormio hinunter dürfen über 1000 Höhenmeter vernichtet werden.
Kurz nach Bormio, direkt neben der Passstrasse, erblicke ich das Hotel Bagni Vecchi – ein alter Kasten zum Verlieben. Che grandezza, che bellezza! Stolz, aber nicht protzig klebt die Anlage am Hang. Die Zimmer sind schlicht, den heutigen Bedürfnissen angepasst, sodass der Charme der verwinkelten alten Mauern intakt bleibt. Genial sind die hauseigenen Bäderanlagen Bagni Medioevali, Bagni Romani und Bagni Imperiali, Letztere mit kleinem Openairpool, von dem sich ein sehr schöner Blick ins Tal geniessen lässt. Der exklusivste Teil ist aber zweifelsohne die Grotta Sudatoria aus dem Jahr 1770. Ein über fünfzig Meter langer Stollen führt mitten durch den Fels zu den hinten liegenden, kleinen Heisswasserpools. Dank einer Lufttemperatur von 48 Grad Celsius hat die Grotte sogar richtigen Saunacharakter.
Da im Hotel kein Platz für ein Restaurant besteht, werden wir mit dem Kleinbus ins nahe gelegene Schwesterhaus Bagni Nuovi gefahren, ein Fünfsternehotel mit herrlichem Speisesaal. Ich mustere meine Fahrradklamotten und fürchte, mein Outfit sei nicht in optimalem Mass fünfsternkompatibel. Doch scheint das kein Problem zu sein. Die Kellner haben sich längst daran gewöhnt, dass die Velo und Motorrad fahrenden Gäste des Bäderhotels nicht lupenrein first-class-konform erscheinen.

Pass Nummer 5: Der Umbrailpass

Die vier Pässe am ersten Tag waren ein homöopathischer Einsteig, die wirklichen Renner folgen erst. Der Aufstieg zum Umbrailpass ist steil, dauert zwei Stunden und führt über zahlreiche Spitzkehren ganz nach meinem Gusto. Der Umbrailpass geniesst den Ruf, einer der ganz wenigen Schweizer Alpenpässe mit Erdbelag zu sein. Von einem Sonderfall zu sprechen, wäre aber übertrieben: Die nicht asphaltierten Kilometer lassen sich an einer Hand abzählen und präsentieren sich in hervorragender Qualität.

Pass Nummer 6: Der Ofenpass

Nach dem Mittagshalt in Santa Maria folgt mit dem Ofenpass der letzte und längste der sechs Pässe. Durch die herrliche Landschaft des Münstertals fahre ich quer durch den Nationalpark und erreiche die Passhöhe im Verlauf des Nachmittags. Doch wer geglaubt hat, die Sache sei nun geritzt, hat sich getäuscht: Der Rückweg von Zernez nach Samedan hat es in sich. Der Südwestwind fetzt das Engadin herab und macht den Schlussspurt mühsam. Von wegen sechs Alpenpässe – diese letzten dreissig Kilometer erscheinen mir anstrengender als der ganze Rest. In Samedan stürze ich mich in die Bahnhofsbäckerei und besteige den Zug zurück. Noch bevor er sich in Bewegung setzt, falle ich groggy in tiefen Schlaf.

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Streckenprofil

 
km
m.ü.M
Samedan
0
1721
Berninapass
21
2328
Abzweiger Forcola
24
2054
Forcola di Livigno
29
2315
Livigno
44
1840
Passo d’Eira
47
2210
Ponte del Rezz
50
2021
Passo di Foscagno
54
2291
Bormio
76
1230
Umbrailpass
91
2505
Santa Maria
106
1375
Ofenpass
122
2149
Zernez
142
1472
Samedan
174
1721
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