
Ein zünftiger Bergfloh hat flinke Beine, immer genügend Puste und vor allem ein gutes Auge für die Landschaft. Im Bündnerland lassen sich diese Eigenschaften bestens kombinieren.
Ich starte morgens um 10 Uhr in Samedan und fahre auf dem Radweg durch Engadiner Wälder und Wiesen Richtung Wochenende. Doch bald ist Schluss mit der velozyklistischen Eigenbrötlerei: In Pontresina endet der Radweg, ab jetzt fährt der Velosoph auf der ordinären asphaltierten Strasse. An Samstagen und Sonntagen jagen Hunderte von Motorrädern und automobilen Touristen die Passstrasse hoch. Wir Velofahrer werden eingelullt in das nie versiegende, heulende Gedröhn, doch wird mit sensationellen Ausblicken belohnt, wer das Röhren der Motoren wegdenken kann. Auf dem Parkplatz nach der Alp Nuova ist die Aussicht besonders schön: Fotogen türmt sich der Morteratschgletscher in die Höhe. Zwar ist die Eismasse in den letzten Jahrzehnten dramatisch zurückgegangen, majestätisch ist die Aussicht aber allemal. Nach 700 Höhenmetern erreiche ich den Pass und erlabe mich an einem Teller Pizzoccheri.
Anstatt hinunter ins Puschlav zu fetzen, beende ich die schmissige Talfahrt schon nach wenigen Minuten und biege nach links ab. Eine kleine Asphaltstrasse führt zum Forcola di Livigno herauf. Der Pass ist billig – mit 250 Höhenmetern ist er schnell erreicht. Vor dem Zoll staut sich die motorisierte Klientel, ansonsten aber hat der Radler die Landschaft weitgehend für sich.
Ein Besuch in Livigno lohnt sich für jene, die günstig Schnaps und
Zigaretten kaufen möchten. Ich aber lasse das Zollfrei-Eldorado links
liegen und kurve den Passo d’Eira und den benachbarten Passo di
Foscagno hoch. Das Panorama hält sich in Grenzen, aber nach Bormio
hinunter dürfen über 1000 Höhenmeter vernichtet werden.
Kurz nach
Bormio, direkt neben der Passstrasse, erblicke ich das Hotel Bagni
Vecchi – ein alter Kasten zum Verlieben. Che grandezza, che bellezza!
Stolz, aber nicht protzig klebt die Anlage am Hang. Die Zimmer sind
schlicht, den heutigen Bedürfnissen angepasst, sodass der Charme der
verwinkelten alten Mauern intakt bleibt. Genial sind die hauseigenen
Bäderanlagen Bagni Medioevali, Bagni Romani und Bagni Imperiali,
Letztere mit kleinem Openairpool, von dem sich ein sehr schöner Blick
ins Tal geniessen lässt. Der exklusivste Teil ist aber zweifelsohne die
Grotta Sudatoria aus dem Jahr 1770. Ein über fünfzig Meter langer
Stollen führt mitten durch den Fels zu den hinten liegenden, kleinen
Heisswasserpools. Dank einer Lufttemperatur von 48 Grad Celsius hat die
Grotte sogar richtigen Saunacharakter.
Da im Hotel kein Platz für
ein Restaurant besteht, werden wir mit dem Kleinbus ins nahe gelegene
Schwesterhaus Bagni Nuovi gefahren, ein Fünfsternehotel mit herrlichem
Speisesaal. Ich mustere meine Fahrradklamotten und fürchte, mein Outfit
sei nicht in optimalem Mass fünfsternkompatibel. Doch scheint das kein
Problem zu sein. Die Kellner haben sich längst daran gewöhnt, dass die
Velo und Motorrad fahrenden Gäste des Bäderhotels nicht lupenrein
first-class-konform erscheinen.
Die vier Pässe am ersten Tag waren ein homöopathischer Einsteig, die wirklichen Renner folgen erst. Der Aufstieg zum Umbrailpass ist steil, dauert zwei Stunden und führt über zahlreiche Spitzkehren ganz nach meinem Gusto. Der Umbrailpass geniesst den Ruf, einer der ganz wenigen Schweizer Alpenpässe mit Erdbelag zu sein. Von einem Sonderfall zu sprechen, wäre aber übertrieben: Die nicht asphaltierten Kilometer lassen sich an einer Hand abzählen und präsentieren sich in hervorragender Qualität.
Nach dem Mittagshalt in Santa Maria folgt mit dem Ofenpass der letzte und längste der sechs Pässe. Durch die herrliche Landschaft des Münstertals fahre ich quer durch den Nationalpark und erreiche die Passhöhe im Verlauf des Nachmittags. Doch wer geglaubt hat, die Sache sei nun geritzt, hat sich getäuscht: Der Rückweg von Zernez nach Samedan hat es in sich. Der Südwestwind fetzt das Engadin herab und macht den Schlussspurt mühsam. Von wegen sechs Alpenpässe – diese letzten dreissig Kilometer erscheinen mir anstrengender als der ganze Rest. In Samedan stürze ich mich in die Bahnhofsbäckerei und besteige den Zug zurück. Noch bevor er sich in Bewegung setzt, falle ich groggy in tiefen Schlaf.
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km
|
m.ü.M
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| Samedan |
0
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1721
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| Berninapass |
21
|
2328
|
| Abzweiger Forcola |
24
|
2054
|
| Forcola di Livigno |
29
|
2315
|
| Livigno |
44
|
1840
|
| Passo d’Eira |
47
|
2210
|
| Ponte del Rezz |
50
|
2021
|
| Passo di Foscagno |
54
|
2291
|
| Bormio |
76
|
1230
|
| Umbrailpass |
91
|
2505
|
| Santa Maria |
106
|
1375
|
| Ofenpass |
122
|
2149
|
| Zernez |
142
|
1472
|
| Samedan |
174
|
1721
|