
Die Fixies sind regelrechte Schönheiten und tauchen seit einigen Jahren
immer häufiger in den grossen amerikanischen Städten auf. Doch
eigentlich sind sie für die Rennbahn konstruiert. Wie kam es zur
städtischen Track-Kultur? Schwer zu sagen, denn Legenden und
historische Wahrheit liegen nahe beieinander. Ausserdem ist die Szene
noch immer stark in Bewegung.
Die Zentren der Fixies-Freaks liegen in New York, Philadelphia und
Pittsburgh, also allesamt in Städten an der Ostküste mit einer aktiven
und grossen Velogemeinde. Philadelphia ist für Fixed-Gear-Biker
besonders attraktiv: Die Stadt ist flach und eine traditionelle Bastion
des Radsports. Weniger als hundert Kilometer entfernt liegt das
Trexlertown-Velodrome, eine bekannte Radrennbahn. In dieser Umgebung
entstand die urbane Track-Szene. Der ehemalige Bahnrennfahrer und
Velokurier Pete LaVerghetta erzählt, wie junge Rennfahrer in den
Sechziger- und Siebzigerjahren begannen, ihr Training in den Städten
und auf dem Land zu fahren. So verliessen die Track-Bikes zum ersten
Mal die Rennbahnen.
Die steigende Nachfrage nach Velokurieren auf den verstopften Strassen
der USA in den Achtziger- und Neunzigerjahren bot den schlecht
bezahlten Bahnrennfahrern eine Möglichkeit zu trainieren und
gleichzeitig Geld zu verdienen. Viele der Velokurierpioniere waren
aktive oder ehemalige Bahnrennfahrer. Das Training diktierte die Wahl
des Rades, nicht das Stilbewusstsein der Fahrer. Pete LaVerghetta:
«Viele konnten sich ein zweites Fahrrad schlicht nicht leisten.»
Zwar fahren heute viele Velokuriere mit Mountainbikes durch die
Strassen der grossen US-Städte, dennoch verbreiten sich die Fixed-Gears
weiter. Viele sehen die steigende Popularität der Track-Bikes als eine
Art Velo-Gegenreaktion auf die Hightech-Mountainbike-Kultur der
Neunzigerjahre – eine Reaktion, die ebenfalls aus der Kurierszene
stammt. Track-Velos sehen klassisch und elegant aus, haben kaum
technischen Schnickschnack, sind billig, einfach zu warten und werden
kaum je gestohlen. John Stehlin, ein überzeugter Track-Aficionado und
Mechaniker in einem Veloladen in Philadelphia, ist überzeugt, dass die
Velokuriere «die Kultur der Fixies massgeblich bestimmt haben».
Die
starke Präsenz von Velokurieren unter den Fixed-Gear-Fahrern hat
prägende stilistische und soziale Einflüsse hinterlassen. Alte
Velokäppis, Piercings und Tätowierungen, abgeschnittene und
zerschlissene Hosen prägen das rebellische Erscheinungsbild vieler
«bikesexuals», wie die Track-Enthusiasten manchmal auch genannt werden.
Die sozialen Anlässe innerhalb der Szene werden von Kurieren dominiert,
so auch das «Alley cat race». Bei diesem Orientierungslauf treffen sich
Kuriere aus verschiedenen Orten zu einem Stadtrennen. Sie absolvieren
Parcours und meistern verschiedene Hindernisse und Aufgaben. «Bei
diesen Anlässen geht es weniger um den Sieg, sondern um das Bier und
die Party danach», sagt John. Für den harten Kern der Szene, der vor
allem aus jungen Männern besteht, bieten diese Anlässe Gelegenheit,
sich zu profilieren.
Bryan VanArsdale, der Geschäftsführer des Veloladens Bicycle Therapy in
Philadelphia, liebt zwar die Track-Bikes auch, ist aber bei diesen
Anlässen nicht anzutreffen: «Für die Jüngeren sind die Fixed-Gear-Bikes
ein Macho-Statussymbol.» Vor allem die älteren Track-Fahrer
identifizierten sich mehr mit dem Fahrgefühl als mit dem übertriebenen
Stilbewusstsein der Jüngeren. Lee Rogers, der Besitzer von Bicycle
Therapy, belächelt die jungen Rebellen: «Diese Bikes sind die
Transportmittel der Müesli-Proletarier-Cracks.» Viele der
Track-Aficionados hätten ihre Velos selbst aus alten Rahmen und Teilen
zusammengezimmert.
Philadelphia bietet ihnen nicht nur eine grosse
Zahl von spezialisierten Veloläden, sondern auch Werkstätten. Die
Neighborhood Bike Works in West Philadelphia zum Beispiel bietet
dreimal pro Woche eine offene Werkstatt an. Dort können Amateure ihre
Velos billig unter der Aufsicht von Freiwilligen, oft aktive und
ehemalige Velokuriere, zusammenbauen. Bryan VanArsdale und Lee Rogers
stellen fest, dass viele Biker, die ihre Velos selbst montieren, wenig
Ahnung haben. «Ihre Bikes nutzen sich deshalb schnell ab oder fallen
sogar auseinander», warnt er vor der Unfallgefahr.
Auch «Curtis» Matthew Woods, der Besitzer des kurligen Veloladens Via
Bicycle, empfiehlt Bremsen. Er versteht aber auch, dass «viele der
jungen Track-Fahrer sich etwas beweisen müssen und deshalb ohne Bremsen
herumfahren». Doch um so sicher zu fahren, brauche man einige hundert
Kilometer Erfahrung. Fixed-Gears lehrten die FahrerInnen aber auch
korrektes Verhalten im Verkehr. Sie zwingen dazu, wacher zu sein und
vorausschauender zu fahren, da nur mit den Füssen oder einem riskanten
Schleudermanöver gebremst werden kann.
Oft lassen
Gefahrensituationen die älteren Fahrer vorsichtiger werden – und sie
montieren Bremsen. Die Jüngeren aber brauchen den Kick ohne Bremsen.
Für Curtis ist ein weiteres Element zentral: «Viele kaufen ihr erstes
Track-Bike wegen des Stils. Danach erst verlieben sie sich in das
Fahrgefühl.» Mike, auch er ein ehemaliger Velokurier, der bei Bicycle
Therapy sein Brot verdient, bringt dieses Gefühl auf den Punkt: «Auf
einem Fixed-Gear-Velo musst du dauernd in die Pedalen treten. Du kannst
nie nachlassen. Mit der Zeit fühlt sich das Fahren immer leichter an,
du musst dich kaum mehr anstrengen. Es ist wie Meditation.» Es scheint
dieses Gefühl zu sein, das die Szene im Inneren zusammenhält.
Anderseits steigt mit der Popularität des Fixed-Gear-Kultes auch seine
kommerzielle Verwertbarkeit. Während Via Bicycle fast nur billige, alte
Velos verkauft und aussieht, als sei seit zwanzig Jahren nichts mehr am
Laden gemacht worden, kommt Bicycle Therapy modern und poliert daher.
Auch hier sind alle Angestellten ehemalige Velokuriere und selbst
angefressene Track-Biker. Aber gleichzeitig verschwenden sie keinen
Gedanken daran, dass sie für ein Bianchi Pista, den Klassiker unter den
Industrie-Fixies, bis zu 1500 Dollars berechnen. Vor allem hippe
Studenten kaufen diese teuren Velos als Einsteigermodelle. Doch auch
viele Cracks in der Szene fahren dieses Modell. Wer die Webseiten
besucht, versteht schnell, dass der gemeinsame Stil den sichtbaren Kitt
der Szene bildet.
www.sheldonbrown.com/fixed/index.html
www.fixedgeargallery.com
www.oldskooltrack.com
www.bicycletherapy.com
www.neighborhoodbikeworks.org