Szene

Sättel: Das Geschäft mit der Angst

Immer öfter finden sich in den Medien Beiträge, in denen der Velosattel als Gefahr für die männliche Potenz eingestuft wird. Geht man der Sache aber genauer nach, wird rasch klar, dass jeweils nur ein Teil der Wahrheit erzählt wird – offensichtlich aus Marketinggründen. Urs Rosenbaum

Zuerst war es lange Jahre ein klassisches Sommerlochthema. Regelmässig fanden sich zur heissen Jahreszeit, wenn die öffentlichen Grossereignisse ruhen, in der Presse Storys über Männer-Fahrradhosen. Denn dort vermutete man einen Zustand, der jenem der aktuellen Weltlage entsprach: Es rege sich nichts. Da die Welle aus den USA nach Deutschland geschwappt war, wird als Auslöser der (besiegte ) Hodenkrebs von Lance Armstrogn vermutet. Und: der Schuldige für die behauptete Impotenz wurde mit beeindruckender Regelmässigkeit im Velosattel gefunden. Seit einigen Jahren scheint es, als würde der Sommer niemals enden. Mit dem Thema Impotenz durch Fahrradsättel lässt sich offensichtlich die Auflage steigern. Und nach den Massenmedien haben nun auch die Fahrrad-Fachmagazine das Problem für sich entdeckt. Exakt dann, wenn Otto Normalverbraucher wieder mal mit dem Gedanken spielt, sich mit dem Velofahren zu beschäftigen, prägen Titel wie «Vorsicht Impotenz!» in fünf Zentimeter hoher Schrift den Umschlag eines Heftes und werben so absatzfördernd für einen Satteltest.
Natürlich zielen die Fachmagazine nicht an der Aufmerksamkeit der männlichen Leserschaft vorbei. Dank Viagra-Diskussion und Lifestyle-Magazinen ist seit einigen Jahren der Sinn
des modernen Mannes für sein Stehvermögen geschärft, und die Angst um dessen Verlust ist zu einem Milliardengeschäft geworden. Kräftig geschürt wird die anscheinend gefährliche Verbindung von Velosattel und Impotenz im Deutschland von Dr. Frank Sommer, der sich in vielen Medien und mit Sendungsbewusstsein sowie medizinischer Glaubwürdigkeit um die männliche Standfestigkeit kümmert. Die so erlangte Bekanntheit nützt auch seinem Buch, in dem er ein selbst entwickeltes und namensrechtlich geschütztes Fitnessprogramm für mehr Manneskraft im Bett beschreibt und dazu anleitet. Das muss er auch, denn allein von seiner Arbeit als Privatdozent mit wenigen fixen Präsenzstunden an der Uni Köln schwillt sein Bankkonto eben noch nicht auf potentes Format an.

Keine Langzeitfolgen nachweisbar

Doch was ist dran an der Geschichte um Fahrradsättel und Impotenz? Unbestritten ist, dass der Druck auf den Schritt die Funktion von Blut- und Nervenbahnen im männlichen Glied beeinträchtigen kann. Die Betonung liegt dabei ganz klar auf «kann». Denn sogar die medizinischen Studien, auf die sich die warnenden Urologen berufen, ergeben, dass nur eine Minderheit der Radfahrer von Potenzproblemen betroffen ist. So hat etwa 1997 eine Untersuchung beim norwegischen Extremwettkampf Great Trial of Strength ergeben, dass nach 540 Kilometern nonstop im Sattel knapp ein Viertel der Athleten Potenzprobleme hatte. Ganz abgesehen davon, dass wohl kurz nach der Zieleinfahrt zahlreiche Fahrer vor lauter Erschöpfung keine Erektion hinkriegten, normalisierte sich die sexuelle Leistungsfähigkeit bei allen Teilnehmern innert weniger Wochen wieder. Und bis heute gibt es weltweit noch keinen einzigen dokumentierten Fall von dauerhaftem Potenzverlust durch Velofahren. Gemässigtere Ärzte sprechen deshalb auch von einem zeitweiligen Impotenzrisiko bei einem Pensum von ungefähr 400 Velokilometern pro Woche.

Gesunde Manneskraft

Wenns schmerzt am Hinterteil, so tötet das also weniger die dauerhafte Lust im Bett, dafür umso mehr die am pedalieren im Velosattel. Wäre das allein der Grund dafür, mit Velofahren aufzuhören, hätte das fatale Folgen für die Gesundheit. Praktisch alle Mediziner bestätigen, dass Velofahren das gelenkschonendste Herz-Kreislauftraining ist. Und was die sexuelle Attraktivität betrifft: Eine gute Kondition, stramme Waden und ein straffes Hinterteil können durchaus geschätzte Folgen regelmässiger Velofahrten sein. Dass Mann deswegen seine stolze Kraft verliert, muss er ebenso wenig fürchten, wie dass ihm der Arm erlahmt, wenn ihm dieser beim drauf abstützen einschläft.

 
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