Sport

Renaissance in Oerlikon

Vor drei Jahren drohte der offenen Rennbahn in Zürich Oerlikon ein ruhmloses Ende. Dank dem freiwilligen Engagement von sieben Radsportanhängern ist die Bahn wieder zu neuem Leben erweckt worden. Pascal Meisser

Als im April 2002 die Direktion der Hallenstadion AG bekannt gab, dass man künftig auf die Durchführung des traditionellen Sechstagerennens verzichten werde, schien auch die über neunzigjährige Geschichte der Rennbahn dem Ende nah. In der Radsportszene wurde befürchtet, dass sich niemand finden würde, der als Nachfolger des Hallenstadions den Betrieb und den Unterhalt des Betonovals übernehmen würde. Es dauerte allerdings nur ein paar Monate, bis sich sieben Radsportbegeisterte in der Interessengemeinschaft Offene Rennbahn Oerlikon (IGOR) zusammenfanden und ein Low-Cost-Konzept für die Weiterführung des Rennbetriebs entwarfen. Sie mieteten das älteste Sportstadion der Schweiz, wobei der Vertrag mit der Stadt Zürich vorerst auf drei Jahre beschränkt wurde.

Mit Fleiss zum Rekord

Heute, wenige Monate vor dem Vertragsablauf, steht bereits fest: Die Arbeit der IGOR ist eine Erfolgsstory. Während die Hallenstadion AG Jahr für Jahr für den Unterhalt der Bahn ein Defizit von mehreren hunderttausend Franken bejammerte, gelang es IGOR, das Jahresbudget von 150000 Franken nicht nur ausgeglichen, sondern jedes Jahr mit einem kleinen Überschuss zu gestalten – dank dem Einsatz vieler Freiwilliger. Zum Beispiel die Eltern von Bahnweltmeister Franco Marvulli, die regelmässig aus eigenen Stücken die Garderoben und Duschen reinigen.
Enthusiasmus und Aufbruchstimmung sind zurückgekehrt, immer wieder wird mit dem kleinen Gewinn die Infrastruktur der Bahn restauriert oder verbessert. So wurde kürzlich in der Zielkurve eine neue Tribüne mit Sitzplätzen eingerichtet. Zudem versucht IGOR immer wieder, die Rennbahn als polysportives Stadion zu propagieren. Vergangenes Jahr gelang es ihnen beinahe, das Zürcher Schwingfest ins Rad-Oval zu holen. Und dieses Jahr findet in Oerlikon die Steher-Europameisterschaft statt, im kommenden Jahr soll möglicherweise ein Einzelzeitfahren der Tour de Suisse auf der Rennbahn enden.
Auch auf sportlicher Ebene ist das Programm im Vergleich zu früher kaum wiederzuerkennen. Anstelle einer Hand voll Meetings fanden im vergangenen Jahr wetterbedingt 18 von 23 geplanten Dienstagabendrennen statt. Und auch das Publikum lässt sich wieder von der Atmosphäre begeistern. Waren es früher höchstens dreihundert Unentwegte, die auf der Bahn anzutreffen waren, verzeichneten die Betreiber 2004 durchschnittlich 750 Zuschauer, wobei im August mit 2100 ZuschauerInnen ein neuer Rekord aufgestellt wurde.

Beliebte Betonschleife

«Die Profiteure dieser Entwicklung sind die Jungen, die wieder neue Anreize erhalten, auf die Bahn zu kommen», glaubt der frühere Fernsehreporter Willy Kym, der heute Sprecher der IGOR ist. Die Zahlen scheinen ihm Recht zu geben: Im Nachwuchs-Einführungskurs, der zur Zulassung auf die Bahn für alle lizenzierten Rennfahrer obligatorisch ist, verzeichnete Junioren-Nationaltrainer Alois Iten nicht mehr nur ein gutes Dutzend, sondern zwischen dreissig und vierzig Teilnehmer. «Ein solcher Aufschwung ist auch dringend notwendig», findet Kym, «will man die Schweizer Medaillen-Tradition der Bahnfahrer an den Titelkämpfen auch in Zukunft fortsetzen.».

Im internet

www.rennbahn-oerlikon.ch
www.uci.ch

Bahn für alle

Was viele nicht wissen: Seit zwei Jahren steht die Rennbahn nicht nur lizenzierten Fahrerinnen und Fahrern zur Verfügung, sondern auch Hobbyfahrerinnen und -fahrern. Empfohlen wird ein Einführungskurs, in welchem man von IGOR-Präsident und Junioren-Nationaltrainer Alois Iten in die Geheimnisse des Bahnfahrens eingeweiht wird. Die Kosten für einen Schnupperkurs betragen 50 Franken inklusive Velo und allfällige Defekte. Anschliessend kann man gegen einen Betrag von 150 Franken ein ganzes Jahr lang ausserhalb der Wettkampfzeiten uneingeschränkt auf der Bahn herumkurven.
Informationen zum Bahnfahren und den Schnupperkursen erteilt Alois Iten, Tel. 01 312 15 36.
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