Spezial

Ablasshandel für umweltschädigende Flüge

Myclimate versucht das Fliegen umweltfreundlicher zu machen, indem die kleine Organisation CO2-Zusatztickets verkauft. Ein subversiver Ablasshandel. Ein Test zeigt, dass beim Buchen einer Reise der Klimaschutz und das verträgliche Reisen sonst noch kaum erwähnt werden. Susan Boos und Esther Banz

 Sie wirken unverschämt frisch, impertinent professionell und unanständig jung. Corinne Moser, 27, Umweltwissenschaftlerin, und Patrick Bürgi, 28, Maschinenbauingenieur. Vor drei Jahren haben sie Myclimate mitbegründet, ein «spin-off» der ETH Zürich. Man kann sie als postmoderne Ablass-händlerInnen bezeichnen – erfolgreiche JungunternehmerInnen, die gutes Gewissen verkaufen. Fliegen ist schlecht fürs Klima. Wer trotzdem fliegen will, kann ein symbolisches Zusatzticket kaufen, mit dem das produzierte Kohlendioxid kompensiert werden soll. Und das ist viel: Ein Flug Zürich–New York hinterlässt einen Berg von über zwei Tonnen CO2. Das Ablassticket kostet 97 Franken.
Die Firma – eigentlich ein Verein – floriert. Der Jahresumsatz betrug 2004 bereits 160000 Franken. Schlechtes Gewissen verkauft sich gut. Moser und Bürgi aber wissen: «Was wir tun, ist ein Tropfen auf den heissen Stein», es sei nur die «second-best solution», die zweitbeste Lösung. Besser sei es, eine Emission ganz zu vermeiden – also gar nicht zu fliegen.
Aber es existiert nun mal ein Kyoto-Protokoll, an dessen Ziele sich der Flugverkehr allerdings nicht halten muss. Die Airlines zahlen auch keine Mineralölsteuer und keine Mehrwertsteuer. Dies, obwohl sie das Klima tüchtig drangsalieren. Bezieht man alle Faktoren ein, ist der Flugverkehr für vierzehn bis zwanzig Prozent aller klimarelevanten Emissionen in der Schweiz verantwortlich.

Reaktion auf Konferenzbesuch

Und wie kam es zur Myclimate-Gründung? Bürgi und Moser studierten an der ETH Zürich. Mit anderen StudentInnen und Professoren wollten sie nach Costa Rica an eine Nachhaltigkeitskonferenz reisen und fanden es absurd, für eine Woche und just zum Thema Nachhaltigkeit per Flugzeug zu reisen. So entstand die Idee: Wenn schon fliegen, dann CO2-neutral. Sie überzeugten zehn Prozent der KonferenzteilnehmerInnen mitzumachen und starteten ihr erstes Projekt: am Instituto Centroamericano de Administración de Empresas, in dem die Konferenz stattfand. Die Hochschule produzierte ihr Warmwasser mit einem Dieselgenerator, einer Dreckschleuder. Mit dem CO2-Fluggeld ersetzten die ETH-StudentInnen den Generator durch Sonnenkollektoren, womit sie in fünf Jahren 325 Tonnen Kohlendioxid einsparen.
Im November 2002 gründeten sie den Verein Myclimate. Heute hat dieser dreihundert Mitglieder. Das Büro in der Nähe des Bahnhofs Zürich Enge ist spartanisch eingerichtet. Von hier aus macht Myclimate immer dann Lärm wenn dies nötig ist: Sie zerzausten öffentlich den «Bericht über die Luftfahrtpolitik», den das Bundesamt für Zivilluftfahrt vor einem Jahr in die Vernehmlassung geschickt hatte.
Wer bei Myclimate einen CO2-Ablassbatzen zahlt, unterstützt Klimaschutzprojekte, zum Beispiel in Eritrea. Dort investiert Myclimate zusammen mit dem Ökozentrum Langenbruck in Sonnenenergie. 200 Kollektoren für Schulen, Spitäler und Haushalte werden vor Ort gebaut. Das schafft Arbeitsplätze und kompensiert in zehn Jahren 1960 Tonnen Kohlendioxid. Ähnliche Projekte laufen in Indien und Südafrika. Myclimate setzt nur auf Projekte, die wirklich nachhaltig sind, die ganze Gemeinden einbeziehen und Jobs schaffen. Doch zertifizieren lassen kann Myclimate die Projekte nicht, obwohl die eigenen Kriterien strenger sind, als jene des Kyoto-Protokolls. Die Projekte sind zu klein und die Zertifizierung wäre viel zu teuer.

Partner

Myclimate hat Verbündete. Seit einem Jahr propagiert die Reisebaumeister-Gruppe – der viertgrösste Reiseanbieter der Schweiz – ihre Idee. In allen Prospekten räumt der Reiseanbieter Myclimate gratis Inserateplatz ein. Wer hier bucht, erhält in den Reiseunterlagen einen Myclimate-Prospekt. Letztlich ist es aber den KundInnen überlassen, ob sie ein CO2-Zusatzticket erstehen. Die Mitmach-quote liegt noch im Promillebereich.
Auch bei den Hilfswerken denkt man übers saubere Fliegen nach. Brot für alle bucht für seine Flüge bereits Zusatztickets, Helvetas ist ebenfalls interessiert. Und die Verursacher selbst? Swiss sei gegenüber Initiativen wie der von Myclimate grundsätzlich positiv eingestellt. Doch Konkreteres unternimmt die Fluggesellschaft nicht.
Neben Myclimate bemüht sich auch der international vernetzte Basler Arbeitskreis Tourismus und Entwicklung (akte) um eine Sensibilisierung für fairen und nachhaltigen Tourismus. Doch sind die Bemühungen dort, wo Reiseziele festgelegt und gebucht werden, also in den Reisebüros, wahrnehmbar? Und fruchten die Pionierleistungen der beiden Reiseveranstalter SSR (heute STA) und Hotelplan, die bereits Ende der achtziger (SSR) respektive Anfang der neunziger Jahre (Hotelplan) interne Umweltstellen eingerichtet haben? STA hat diese Stelle bereits wieder abgeschafft, bei Hotelplan gibt es sie noch, und ein Blick in Hotelplan-Kataloge stimmt zuversichtlich: Da wird auf mehreren Seiten über das freiwillige Engagement informiert, auch die VerkäuferInnen seien speziell geschult und somit für ökologische und soziale Kriterien sensibilisiert. Doch im Alltag, beim Buchen einer Reise, fällt zu Klimaschutz und zu verträglichen Reisen kein Wort – niemand spricht die Reiselustigen darauf aktiv an.

1000000 Mal um die Erde

  • Eine Person, die in der Schweiz lebt, legt im Durchschnitt pro Jahr 5285 Flugkilometer zurück. Das ergibt für die Schweiz 37 Milliarden Personenflugkilometer, was etwa einer Million Erdumrundungen entspricht.
  • Davon wurden bisher 16 Millionen Kilometer mit CO2-Zusatztickets von Myclimate kompensiert, was einem halben Promille der geflogenen Kilometer entspricht.
  • Die Umweltproblematik durch den Flugverkehr ist relevant, aber nicht dominant. In der Schweiz kommen zirka zehn Prozent der CO2-Emissionen vom Fliegen. Wenn man die Klimawirksamkeit berücksichtigt, also auch andere Emissionen des Fliegens und den Umstand, dass die Emissionen in 10000 Meter Höhe geschehen, kommt man auf einen Beitrag von etwa zwanzig Prozent an den Treibhauseffekt. Individuell dominiert bei Vielreisenden aber das Fliegen die Energiebilanz. Dass gerade Fliegen alle anderen Anstrengungen ruinieren kann, ist längst bekannt.

 

Im Internet

www.myclimate.org

(velojournal bedankt sich bei den WOZ-Redaktorinnen für die Abdruckrechte dieser zum Thema publizierten Texte.)

Abo
Kein Flash-Player installiert.

Bild
Bild
Bild
Bild
Bild
Bild
© 2011 velojournalImpressum