
Als Barbara Heeb 1996 als erste Schweizerin den Weltmeistertitel im
Strassenrennen gewann, wurde sie nicht nur als Siegerin gefeiert. In
ihr sahen viele auch eine Hoffnungsträgerin, die dem Frauenradsport in
der Öffentlichkeit zu einem höheren Stellenwert verhelfen könnte.
Dieser Wunsch wurde jedoch bald von der Realität eingeholt, und auch
die Medaillenerfolge von Nicole Brändli in den folgenden Jahren trugen
nicht dazu bei, dass der Frauenradsport über den Status einer
Randsportart hinauskam.
Erst als im vergangenen Jahr Karin Thürig mit WM-Gold und
Olympia-Bronze im Einzelzeitfahren auf sich aufmerksam machte, keimte
neue Hoffnung auf. Allerdings zeigte sich ein ähnliches Phänomen wie
acht Jahre zuvor bei Barbara Heeb: Im Zentrum der Berichterstattung
stand nicht der Frauenradsport als Disziplin, sondern die Person von
Karin Thürig. Bei der Luzernerin hat dies damit zu tun, dass sie eine
polysportive Vergangenheit hat (Volleyball, Aerobic, Triathlon) und
erst vor zwei Jahren als Quereinsteigerin zum Radsport stiess.
Im Gegensatz zu Barbara Heeb, die sich während ihrer ganzen Karriere
als Einzelkämpferin verstand, versucht Karin Thürig, ihren
Öffentlichkeitsbonus in den Dienst der Sache zu stellen: Sie setzt sich
zu Gunsten des Frauenradsports ein. «Neben allen anderen Vorteilen, die
eine Mannschaft bietet, war der Einsatz für die Sportart ein Grund,
mich diese Saison dem Univega-Team anzuschliessen», so Karin Thürig.
Das von Swissbike-Geschäftsführer Thomas Campana geleitete Univega Pro
Cycling Team (u.a. auch mit Priska Doppmann) ist eine von drei
Schweizer Sportgruppen, die in dieser Saison neu mit einer
internationalen Profilizenz des Radsportweltverbandes UCI starten. Auch
das Team next125 mit unbekannteren Fahrerinnen sowie das vom früheren
Swiss-Cycling-Präsidenten Fritz Bösch gesponserte Team Bigla mit Nicole
Brändli haben eine solche Profilizenz.
Über die Integration der
Spitzenradfahrerinnen in Profiteams freuen sich allerdings selbst in
der Szene nicht alle uneingeschränkt. Hans Traxel, seit Jahren
verantwortlich für die Frauennationalmannschaft, findet es zwar gut,
dass die besten Schweizer Radlerinnen in Teams integriert sind. Die
Erfahrung der Vergangenheit hat ihn aber Skepsis gelehrt: «Es spricht
für sich, dass gerade mal zwei Frauen vom Radfahren leben können.
Deshalb würde es mich überraschen, wenn diese drei Teams nächstes oder
übernächstes Jahr immer noch existieren», so Hans Traxel.
Die
Teamverantwortlichen sehen dies natürlich anders. «Unser Hauptsponsor
ist nicht nur mit Geld, sondern auch mit Herz dabei», sagt Campana. Die
deutsche Univega-Zentrale hat ihm für zwei Jahre finanzielle
Unterstützung zugesichert, dazu kommt eine Option auf zwei weitere
Jahre. Und obwohl die Saison gerade erst begonnen hat, ist er mit dem
bisherigen Medienecho, das nicht zuletzt auf die Verpflichtung von
Karin Thürig zurückzuführen ist, zufrieden. Mit zunehmendem Interesse
rechnet Campana auch auf internationaler Ebene. Zwar hat der UCI noch
nicht erreicht, dass die wichtigsten Fraurenrennen am Fernsehen
übertragen werden, doch heuer wird mit einem Pilotprojekt wenigstens
ein Anfang gemacht, wenn der parallel zum Männerrennen ausgetragene
Weltcupklassiker «Flèche wallonne» weltweit ausgestrahlt wird.