Dr. V. Love
Dr. V. Love
Lieber Dr. V. Love
Der Frühling
liegt in der Luft, aber keiner merkt es. Warum bin ich die Einzige, die
pfeifend auf der Strasse radelt, den Leuten zuzwinkert und sich so auf
das Frühlingsflirten vorbereitet? Nur abgelöschte, muffige Gesichter
und Gestalten in den Strassen. Keine Regungen. Mir scheint, die Leute
glauben gar nicht mehr daran, dass es wieder Frühling wird.
B. G. aus Z.
Liebe Frau Gradienza
Mir ist ehrlich gesagt nicht ganz klar, wo Sie Anfang März den Frühling
in der Luft herumschwirren sahen. Ausser Schneeflocken sah ich
jedenfalls nichts. Aber Optimismus braucht der Mensch, sonst stirbt er.
Zu den muffigen Gesichtern und abgelöschten Gestalten: Die Sonne
schenkt dem Körper lebenswichtige Vitamine. Fehlen diese, und ist es
zudem auch noch kalt, beschränkt sich der Organismus auf die
lebenswichtigsten Funktionen. Die Haut wird fahl, das Lächeln schlapp,
die Stimme müde. Noch schlimmer sind die Effekte für das Hirn:
Vereinfacht gesagt, umhüllen die Vitamine das Gehirn mit einer
Isolationsschicht gegen den Durchzug, der dort jahrein, jahraus
herrscht (vom Mund her über die Nase durch die Ohren). Ohne Isolation
wird das Gehirn zu Halbgefrorenem, und es kommt nichts Gescheites mehr
aus den Körperöffnungen. Das führt allmählich zu einer inneren
Vergiftung, mental und körperlich.
Aber geben Sie die Hoffnung
nicht auf! Denn das Lächeln einer Frau auf dem Velo enthält
verschiedene essenzielle Vitamine (und ist erst noch billiger als die
marktüblichen Pillen). Also: Weiterlächeln. Und falls Sie eine richtige
Vitaminbombe sein wollen, sollten Sie dazu das alte Lied «Irgendwänn,
irgendwo, chunnt de Früehlig ja dänn scho» singen. Die vom Salzwinter
malträtierte, quietschende Velokette verstärkt den Effekt noch
zusätzlich.
Und wenn dann die Vögel wieder zu zwitschern beginnen
und die Ketten wieder wie geschmiert laufen, wird aus dem vitaminären
Frühlingsgequietsche eine explosive Sommerserenade.
Mit den besten Frühlingswünschen
Ihr Dr. V. Love
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