Test

Veloplausch dank Ritzeltausch

Weniger als zehn Gänge, dafür mehr Bedienungskomfort und Zuverlässigkeit. Dies zeichnet sich als neuer Standard bei den Stadtvelos ab. Der velojournal-Test zeigt: Wer keine langen Steigungen zu bewältigen und keine Anhänger zu ziehen hat, fährt auch mit weniger Gängen gut. Marius Graber

 Weniger Gänge – das widerspricht eigentlich der Maxime der letzten Jahrzehnte Veloentwicklung, doch beim aktuellen Stadtvelo geht der Trend zurück zur Einfachheit und damit auch zur Zuverlässigkeit. Zwar hat das technische «Wettrüsten» unterdessen Rennvelos mit dreissig Gängen hervorgebracht, doch bedeuten mehr Gänge automatisch auch ein besseres Fahrrad? velojournal wollte es wissen und testete Achtgänger. Ausser beim BMC «Shuttle» ist bei allen Testvelos die Shimano-8-Gang-Nabenschaltung im Einsatz. Das schöne an dieser Technik ist, dass die ganze Mechanik geschützt in der Radnabe versorgt liegt und das Getriebe auch Schalten im Stillstand, etwa an der Ampel, ermöglicht. Zudem ist der Verschleiss von Kette und Zahnrädern bei Nabenschaltungen wesentlich geringer und die Montage eines Kettenschutzes sehr gut möglich, was wiederum die Kleider vor Öl- und Schmutzspuren verschont.

Neue Standards

Ins Innere der Nabe können aber auch Bremsen (Shimano Rollerbrake, eine Art Trommelbremse) und der Dynamo (Nabendynamo) verlegt werden. Diese Kombination darf als neuer Standard für zuverlässige Stadtvelos bezeichnet werden. Das Mehrgewicht, das diese Komponenten auf die Waage bringen, wird für ein solches Plus an Zuverlässigkeit und Komfort in Kauf genommen. Der Nabendynamo gewährleistet eine wetterunabhängige, hundert Prozent zuverlässige Stromproduktion und lässt sich mit sensorgesteuerten Scheinwerfern kombinieren. Die Rollerbrake bremst bei Nässe ebenso gut wie bei Trockenheit und benötigt keine Pflege, abgesehen von etwas Fett, aber dies auch nur alle ein bis zwei Jahre. Es müssen also nicht einmal Bremsbeläge gewechselt werden. Zudem besitzt die Vorderbremse eine Art ABS-System, das ein Blockieren des Vorderrades und damit den unfreiwilligen «Abgang» über den Lenker verhindert. Allerdings: Dieses ABS stösst bei sportlichen Fahrern nicht nur auf Gegenliebe. Einige vermissen bei dieser Bremse den entscheidenden «Biss». Deshalb – und wohl auch aus Gewichtsgründen – findet sich an einigen Velos noch die ganz konventionelle V-Brake.
Augenfällig ist an den getesteten Velos der Verzicht auf Federung. Die Vorteile von weniger Gewicht und weniger Wartung stehen aber in einem günstigen Verhältnis zum reduzierten Fahrkomfort. Komfort spielt ja auf den gewöhnlich kurzen Stadtdistanzen eine eher untergeordnete Rolle.

Stadtflitzer nach Wunsch

Einen eigenen Weg geht BMC mit dem «Shuttle»: An diesem Velo findet man eine auf neun Gänge reduzierte Kettenschaltung, die am Tretlager nur ein einfaches Kettenblatt verwendet (statt deren drei). Dafür ist das Velo mit Scheibenbremsen ausgerüstet. Der bedienungsfreundliche, sportliche Stadtflitzer ist leichter als die Modelle mit Nabenschaltung, verlangt aber mehr Pflege. Die montierten Schutzbleche und Ständer sind der Minimal-Ausrüstungsstandard der Stadtvelos. Lichtanlage, Gepäckträger und Schloss wählen sich die KäuferInnen nach eigenen Vorlieben zusätzlich aus.
Auch Tour de Suisse stellt mit dem «DownTown» nur ein Basismodell auf die Räder und überlässt es den KundInnen, ihr Velo zu vervollständigen. Die Kreuzlinger Firma montiert das Velo «just in time» nach Kundenwunsch, zum Beispiel mit einer Batterie- oder Dynamobeleuchtung, mit ansteckbaren oder fix montierten Schutzblechen, Schloss und Gepäckträger.
Eine Annäherung ans Rennvelo wagen Raleigh mit dem «Nightflight» und Simpel mit dem «Wegwärts Sport»: Dank dünnen Reifen, einer sportlich ausgelegten Rahmengeometrie und Sitzposition entsteht ein sportives, leichtfüssiges Alltagsvelo. Die beidenModelle stellen zusammen mit dem «Shuttle» und dem «DownTown» die flitzig, wendige Fraktion dar, während der Koga «RoadTourer» und das Cresta «Unica» die laufruhigere, gemächlichere Gruppe bilden. Cresta ergänzt die Sorglos-Infrastruktur von Nabenschaltung, Nabendynamo und Rollerbrake mit dem grossvolumigen Big-Apple-Pneu. Mit wenig Luftdruck gefahren, absorbiert er feine Erschütterungen und bietet ein hohes Mass an Fahrkomfort – ohne aufwändige Federtechnik. Dank ihrer Breite kann man mit diesen Pneus unbesorgt über die Tramschienen brettern.
Koga hat Noblesse zum Programm gemacht: Das zeigt sich nicht nur bei der optischen Erscheinung, sondern auch bei Kleinigkeiten wie dem einklappbaren Schlüssel oder den angenehmen Lederhandgriffen und dem Echtleder-Sattel. Die Liebe zum Detail erkennt man auch am verstärkten Kettenschutz, an der schön verarbeiteten Aluminiumgabel und dem reichhaltigen Zubehör. Koga ist zwar das teuerste Velo im Test, mit seiner Ausstattung aber dennoch preiswert.

Lust und Frust

Freude und Ärger liegen allerdings oft nahe beieinander – auch bei den getesteten Stadtvelos. Und der Teufel steckt mitunter im Detail. Geärgert hat zum Beispiel die Lichtverkabelung über die Schutzbleche, eine alte Technik, die noch von fast allen Herstellern eingesetzt wird. Sie gefährdet die Zuverlässigkeit der an sich überdurchschnittlich guten Lichtsysteme. Wenig abzugewinnen vermag man auch dem Dynamoscheinwerfer und dem Sensor-Batterierücklicht – eine Lösung, die Cresta einen Punkt kostete. Da bei der Montage die Verkabelung zum Rücklicht gespart wurde, muss man nun ständig auf den Zustand der Rücklichtbatterien achten. Dafür erfreuten Cresta, Tour de Suisse und Koga mit guten bis sehr guten Bedienungsanleitungen. Dass hingegen eine renommierte Firma wie BMC gar keine Bedienungsanleitung beilegt ist unverständlich.

Fazit

Die getesteten Acht- und Neungänger sind ausgereifte, für den Alltages-Einsatz konzipierte Produkte. Für 1000 Franken gibt es Basismodelle mit minimaler Ausstattung. Die komplett ausgerüsteten Velos kosten dann alle um 1500 Franken. Bei Koga Miyata bekommt man für den Mehrpreis ein paar Exklusivitäten mit dazu. Klar: Man kann für den täglichen Arbeits- und Schulweg auch ein altes klappriges Velo einsetzen, aber die neue Generation der Stadtvelos bietet bei minimaler Wartung mehr Sicherheit und vor allem mehr Freude am Fahren.

Übersetzungen im Vergleich

ImageUm die Veloschaltungen vergleichen zu können, misst man am besten die so genannte Entfaltung des schnellsten und des leichtesten Ganges. Die Entfaltung beschreibt, welche Strecke das Velo pro Pedalumdrehung zurücklegt.
So erreicht das BMC «Shuttle» mit seinem vorderen Kettenblatt mit 44 Zähnen und den hinteren Ritzeln mit 11 bis 34 Zähnen und einem Raddurchmesser von 2,01 Meter eine Entfaltung von 8,04 bis 2,60 Meter (Zähnezahl vorne durch Zähnezahl hinten x Raddurchmesser x 3.14).
Bei den Velos mit Getriebeschaltungen – wie unserer Testreihe – ist die Rechnung komplizierter: Neben der Primärübersetzung müssen auch noch die Übersetzungsverhältnisse der Nabe miteinbezogen werden. Bei der Shimano Nexus 8-Gang-Nabe ist das eine Übersetzung von 1:1,61 im schnellen Gang und 1:0,53 im leichtesten Gang. Das ergibt zum Beispiel beim Raleigh mit seinen 44 Zähnen vorne und 19 Zähnen hinten und dem Raddurchmesser von 685 mm eine Entfaltung von 8,02 bis 2,64 Meter (Zähnezahl vorne durch Zähnezahl hinten x Übersetzungsverhältnis Nabe x Radumfang).
Zum Vergleich: Eine 27-Gang-Kettenschaltung bei einem Tourenvelo hat eine Entfaltung von 8,60 bis 1,40 Meter. Alle getesteten Velos haben eine ähnlich grosse Entfaltung wie ein Tourenvelo, muss aber auf einige kleine Gänge am Berg verzichten. Dies müsste nicht so sein. Durch eine Änderung der Zähnezahl des Kettenblatts oder des Ritzels kann die Primärübersetzung angepasst werden. Dann stehen auch mehr kleine Gänge zur Verfügung. Die ideale Entfaltung hängt sehr von den Vorlieben der FahrerInnen und des Geländes ab. Daher bieten viele Fachhändler die Möglichkeit, die Übersetzung durch Ritzeltausch anzupassen.
Siehe: www.velojournal/Entfaltungsrechner


Die Testergebnisse finden Sie in folgender PDF-Datei:

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Weblinks
www.bmc-racing.com
www.cresta-swiss-bike.ch
www.koga.com
www.raleigh-bikes.de
www.simpel.ch
www.tds-rad.ch
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