
Weniger Gänge – das widerspricht eigentlich der Maxime der letzten Jahrzehnte Veloentwicklung, doch beim aktuellen Stadtvelo geht der Trend zurück zur Einfachheit und damit auch zur Zuverlässigkeit. Zwar hat das technische «Wettrüsten» unterdessen Rennvelos mit dreissig Gängen hervorgebracht, doch bedeuten mehr Gänge automatisch auch ein besseres Fahrrad? velojournal wollte es wissen und testete Achtgänger. Ausser beim BMC «Shuttle» ist bei allen Testvelos die Shimano-8-Gang-Nabenschaltung im Einsatz. Das schöne an dieser Technik ist, dass die ganze Mechanik geschützt in der Radnabe versorgt liegt und das Getriebe auch Schalten im Stillstand, etwa an der Ampel, ermöglicht. Zudem ist der Verschleiss von Kette und Zahnrädern bei Nabenschaltungen wesentlich geringer und die Montage eines Kettenschutzes sehr gut möglich, was wiederum die Kleider vor Öl- und Schmutzspuren verschont.
Ins Innere der Nabe können aber auch Bremsen (Shimano Rollerbrake, eine
Art Trommelbremse) und der Dynamo (Nabendynamo) verlegt werden. Diese
Kombination darf als neuer Standard für zuverlässige Stadtvelos
bezeichnet werden. Das Mehrgewicht, das diese Komponenten auf die Waage
bringen, wird für ein solches Plus an Zuverlässigkeit und Komfort in
Kauf genommen. Der Nabendynamo gewährleistet eine wetterunabhängige,
hundert Prozent zuverlässige Stromproduktion und lässt sich mit
sensorgesteuerten Scheinwerfern kombinieren. Die Rollerbrake bremst bei
Nässe ebenso gut wie bei Trockenheit und benötigt keine Pflege,
abgesehen von etwas Fett, aber dies auch nur alle ein bis zwei Jahre.
Es müssen also nicht einmal Bremsbeläge gewechselt werden. Zudem
besitzt die Vorderbremse eine Art ABS-System, das ein Blockieren des
Vorderrades und damit den unfreiwilligen «Abgang» über den Lenker
verhindert. Allerdings: Dieses ABS stösst bei sportlichen Fahrern nicht
nur auf Gegenliebe. Einige vermissen bei dieser Bremse den
entscheidenden «Biss». Deshalb – und wohl auch aus Gewichtsgründen –
findet sich an einigen Velos noch die ganz konventionelle V-Brake.
Augenfällig ist an den getesteten Velos der Verzicht auf Federung. Die
Vorteile von weniger Gewicht und weniger Wartung stehen aber in einem
günstigen Verhältnis zum reduzierten Fahrkomfort. Komfort spielt ja auf
den gewöhnlich kurzen Stadtdistanzen eine eher untergeordnete Rolle.
Einen eigenen Weg geht BMC mit dem «Shuttle»: An diesem Velo findet man
eine auf neun Gänge reduzierte Kettenschaltung, die am Tretlager nur
ein einfaches Kettenblatt verwendet (statt deren drei). Dafür ist das
Velo mit Scheibenbremsen ausgerüstet. Der bedienungsfreundliche,
sportliche Stadtflitzer ist leichter als die Modelle mit
Nabenschaltung, verlangt aber mehr Pflege. Die montierten Schutzbleche
und Ständer sind der Minimal-Ausrüstungsstandard der Stadtvelos.
Lichtanlage, Gepäckträger und Schloss wählen sich die KäuferInnen nach
eigenen Vorlieben zusätzlich aus.
Auch Tour de Suisse stellt mit
dem «DownTown» nur ein Basismodell auf die Räder und überlässt es den
KundInnen, ihr Velo zu vervollständigen. Die Kreuzlinger Firma montiert
das Velo «just in time» nach Kundenwunsch, zum Beispiel mit einer
Batterie- oder Dynamobeleuchtung, mit ansteckbaren oder fix montierten
Schutzblechen, Schloss und Gepäckträger.
Eine Annäherung ans
Rennvelo wagen Raleigh mit dem «Nightflight» und Simpel mit dem
«Wegwärts Sport»: Dank dünnen Reifen, einer sportlich ausgelegten
Rahmengeometrie und Sitzposition entsteht ein sportives, leichtfüssiges
Alltagsvelo. Die beidenModelle stellen zusammen mit dem «Shuttle» und
dem «DownTown» die flitzig, wendige Fraktion dar, während der Koga
«RoadTourer» und das Cresta «Unica» die laufruhigere, gemächlichere
Gruppe bilden. Cresta ergänzt die Sorglos-Infrastruktur von
Nabenschaltung, Nabendynamo und Rollerbrake mit dem grossvolumigen
Big-Apple-Pneu. Mit wenig Luftdruck gefahren, absorbiert er feine
Erschütterungen und bietet ein hohes Mass an Fahrkomfort – ohne
aufwändige Federtechnik. Dank ihrer Breite kann man mit diesen Pneus
unbesorgt über die Tramschienen brettern.
Koga hat Noblesse zum
Programm gemacht: Das zeigt sich nicht nur bei der optischen
Erscheinung, sondern auch bei Kleinigkeiten wie dem einklappbaren
Schlüssel oder den angenehmen Lederhandgriffen und dem
Echtleder-Sattel. Die Liebe zum Detail erkennt man auch am verstärkten
Kettenschutz, an der schön verarbeiteten Aluminiumgabel und dem
reichhaltigen Zubehör. Koga ist zwar das teuerste Velo im Test, mit
seiner Ausstattung aber dennoch preiswert.
Freude und Ärger liegen allerdings oft nahe beieinander – auch bei den getesteten Stadtvelos. Und der Teufel steckt mitunter im Detail. Geärgert hat zum Beispiel die Lichtverkabelung über die Schutzbleche, eine alte Technik, die noch von fast allen Herstellern eingesetzt wird. Sie gefährdet die Zuverlässigkeit der an sich überdurchschnittlich guten Lichtsysteme. Wenig abzugewinnen vermag man auch dem Dynamoscheinwerfer und dem Sensor-Batterierücklicht – eine Lösung, die Cresta einen Punkt kostete. Da bei der Montage die Verkabelung zum Rücklicht gespart wurde, muss man nun ständig auf den Zustand der Rücklichtbatterien achten. Dafür erfreuten Cresta, Tour de Suisse und Koga mit guten bis sehr guten Bedienungsanleitungen. Dass hingegen eine renommierte Firma wie BMC gar keine Bedienungsanleitung beilegt ist unverständlich.
Die getesteten Acht- und Neungänger sind ausgereifte, für den Alltages-Einsatz konzipierte Produkte. Für 1000 Franken gibt es Basismodelle mit minimaler Ausstattung. Die komplett ausgerüsteten Velos kosten dann alle um 1500 Franken. Bei Koga Miyata bekommt man für den Mehrpreis ein paar Exklusivitäten mit dazu. Klar: Man kann für den täglichen Arbeits- und Schulweg auch ein altes klappriges Velo einsetzen, aber die neue Generation der Stadtvelos bietet bei minimaler Wartung mehr Sicherheit und vor allem mehr Freude am Fahren.
Um
die Veloschaltungen vergleichen zu können, misst man am besten die so
genannte Entfaltung des schnellsten und des leichtesten Ganges. Die
Entfaltung beschreibt, welche Strecke das Velo pro Pedalumdrehung
zurücklegt.
Die Testergebnisse finden Sie in folgender PDF-Datei:
Weblinkswww.bmc-racing.comwww.cresta-swiss-bike.ch www.koga.com www.raleigh-bikes.de www.simpel.ch www.tds-rad.ch |