Sport

Unerwartetes Happy-End

Nach drei Dopingfällen im vergangenen Herbst erhielt das Schweizer Radprofi-Team vorerst keine Lizenz für die neue UCI ProTour. Mit ausgewechselten Management wurde der Neustart geprobt – bis im Februar dem Phonak-Rekurs gegen den ProTour-Ausschluss stattgegeben wurde. Pascal Meisser

«We race for better hearing» – mit diesem Slogan schafften sich die grün-gelb-weiss eingekleideten Phonak-Fahrer inner- und ausserhalb des Pelotons Sympathien. Die Mannschaft galt zumindest innerhalb der Branche als Vorzeigemodell. Pünktliche Bezahlung der Löhne, saubere Organisation und die gute Atmosphäre unter den Teammitgliedern waren weitherum bekannt – und in der Radsportwelt alles andere als üblich.
Umso grösseres Aufsehen erregten die Vorkommnisse im vergangenen Jahr, als innerhalb von zwei Monaten Dopingfälle und -anschuldigungen den Ruf des Teams zunichte machten. Es begann vor den Olympischen Spielen mit dem früheren Weltmeister Oscar Camenzind, der des Epo-Missbrauchs überführt wurde. Teammanager Urs Freuler, auch er zu seinen Aktivzeiten schon wegen Dopingmissbrauchs gesperrt, sah darin aber keinen Grund zur Struktur- und Systemüberprüfung innerhalb der Mannschaft. Dass nur wenige Wochen später die Nachricht von zwei weiteren Dopingverdächtigungen gegen Phonak-Fahrer kursierten, überraschte bloss, weil es diesmal noch prominentere Leistungsträger traf: Teamleader Tyler Hamilton, Olympiasieger im Zeitfahren, sowie den Vuelta-Dritten Santiago Pérez. Beide wurden vom Radsportweltverband UCI des Dopings bezichtigt.

Image
In die Dopingfalle gefahren:
Tyler Hamilton.

 

Freundschaftsdienste

Statt sich an die teaminterne Antidopingcharta zu halten und die Fahrer sofort zu entlassen, stemmte sich Andy Rihs gegen den Entscheid und zog das Testverfahren medienwirksam in Zweifel. Er trug so massgebend dazu bei, dass Phonak von der UCI bei der Vergabe der ProTour-Lizenzen (siehe Kasten) in erster Instanz nicht berücksichtigt wurde und deshalb während einiger Wochen vor dem Aus stand.
Es mag überraschen, dass ein Unternehmer eines international erfolgreichen Medizinaltechnologie-Konzerns derart emotional und scheinbar entgegen jeder Vernunft handelt. Erklärbar wird das Verhalten, wenn man die Hintergründe der Verpflichtung von Tyler Hamilton kennt: Im Herbst 2003 machte sich Rihs Gedanken über den Fortbestand seiner Equipe, nachdem das grosse Ziel, die Teilnahme an der Tour de France, erneut verpasst worden war. Rihs, ein Meister des Lobbyings, hatte nichts unversucht gelassen, um sich beim Tour-de-France-Chef Jean-Marie Leblanc zu empfehlen. Er sprang mit seiner Phonak France sogar als Sponsor beim kriselnden Etappenrennen Paris–Nizza ein, das – wie die Weltcuprennen Paris–Roubaix und Flandernrundfahrt – von der Société du Tour de France organisiert wird. Ausserdem galt Rihs schon bald als Freund von Leblanc. Doch all diese Bemühungen blieben ohne Erfolg. Darauf wechselte Rihs die Strategie: Nun sollten nicht mehr die Beziehungen, sondern die richtigen Fahrer den Startplatz bei der Tour de France sichern. Tyler Hamilton, der trotz gebrochenem Schulterblatt in jenem Jahr die Tour als Vierter beendete, schien dazu ideal.

Doch noch ein Ticket

Der Phonak-Chef machte dem Amerikaner, der als Helfer von Lance Armstrong bekannt wurde, einen Wechsel zum eigenen Team schmackhaft und reiste zu diesem Zweck nach Colorado, wo Hamilton im Winter wohnt. Sie gingen in den Rocky Mountains zusammen Ski fahren und führten viele Gespräche. Es kam so weit, dass die Beziehung zwischen den beiden nicht mehr nur rein geschäftlich, sondern mehr und mehr auch freundschaftlich geprägt war.
Aber auch für den Phonak-Gründer Andy Rihs gilt: An erster Stelle kommt der Erfolg. So entliess er nicht nur Hamilton, als er diesen Weg als letzten Schritt zur Rettung der ProTour-Lizenz sah, sondern trennte sich auch vom umstrittenen Teammanager Urs Freuler, als ihm klar wurde, dass nur so die Glaubwürdigkeit des Teams wiederhergestellt werden kann. Mit dem Belgier John Lelangue kam ein ehemaliger Mitarbeiter der Tour de France-Organisation. Ein möglicherweise geschickter Schachzug, der allerdings durch den überraschenden Entscheid des internationalen Sportgerichtshof CAS in Lausanne Anfang Februar nichtig gemacht wurde. Die Richter des CAS hiessen den Rekurs von Phonak gut und erteilten den Schweizern eine ProTour-Lizenz für vorerst zwei Jahre. Damit ist das Team in diesem Jahr definitiv an der Tour de France startberechtigt – auch ohne Beziehungen.

Image Image
1| Hoffnungsträger:
Der neue Teamchef John Lelangue.
2| Sündenbock:
Der gefeuerte Manager Urs Freuler.
3| Lobbyist:
Phonak-Besitzer
Andy Rihs.

 

Reformprojekt «ProTour»

pm. In diesen Tagen erfolgt der Startschuss zu einem der grössten Reformprojekte des Radsportweltverbandes UCI. Mit der ProTour entsteht eine geschlossene Profi-Liga: Nur Mannschaften, die sich für vier Jahre verpflichten und zudem den Ethik-Code gegen Dopingmissbrauch unterzeichnen, kamen für eine der maximal zwanzig Lizenzen in Frage. Diese Lizenz berechtigt zur Teilnahme an allen wichtigen Rennen.
Die ProTour löst das Weltcupsystem ab, das Ende der achtziger Jahre ins Leben gerufen wurde. Völlig akzeptiert war der Weltcup bei den Rennfahrern allerdings nie. Der Siegeskreis beschränkte sich meist auf ein paar wenige Athleten. In den neunziger Jahren stand der Weltcup zudem im Zeichen der von UCI-Präsident Hein Verbruggen angestrebten Globalisierung des Radsports. In Amerika, Kanada und Grossbritannien durchgeführte Weltcuprennen endeten mit einem Misserfolg
Abo
Kein Flash-Player installiert.

Nachrichten

15.05.2012:
11.05.2012:
8.05.2012:
Bild
Bild
Bild
Bild
Bild
Bild
© 2011 velojournalImpressum