
«We race for better hearing» – mit diesem Slogan schafften sich die
grün-gelb-weiss eingekleideten Phonak-Fahrer inner- und ausserhalb des
Pelotons Sympathien. Die Mannschaft galt zumindest innerhalb der
Branche als Vorzeigemodell. Pünktliche Bezahlung der Löhne, saubere
Organisation und die gute Atmosphäre unter den Teammitgliedern waren
weitherum bekannt – und in der Radsportwelt alles andere als üblich.
Umso grösseres Aufsehen erregten die Vorkommnisse im vergangenen Jahr,
als innerhalb von zwei Monaten Dopingfälle und -anschuldigungen den Ruf
des Teams zunichte machten. Es begann vor den Olympischen Spielen mit
dem früheren Weltmeister Oscar Camenzind, der des Epo-Missbrauchs
überführt wurde. Teammanager Urs Freuler, auch er zu seinen Aktivzeiten
schon wegen Dopingmissbrauchs gesperrt, sah darin aber keinen Grund zur
Struktur- und Systemüberprüfung innerhalb der Mannschaft. Dass nur
wenige Wochen später die Nachricht von zwei weiteren
Dopingverdächtigungen gegen Phonak-Fahrer kursierten, überraschte
bloss, weil es diesmal noch prominentere Leistungsträger traf:
Teamleader Tyler Hamilton, Olympiasieger im Zeitfahren, sowie den
Vuelta-Dritten Santiago Pérez. Beide wurden vom Radsportweltverband UCI
des Dopings bezichtigt.
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In die Dopingfalle gefahren: Tyler Hamilton. |
Statt sich an die teaminterne Antidopingcharta zu halten und die Fahrer
sofort zu entlassen, stemmte sich Andy Rihs gegen den Entscheid und zog
das Testverfahren medienwirksam in Zweifel. Er trug so massgebend dazu
bei, dass Phonak von der UCI bei der Vergabe der ProTour-Lizenzen
(siehe Kasten) in erster Instanz nicht berücksichtigt wurde und deshalb
während einiger Wochen vor dem Aus stand.
Es mag überraschen,
dass ein Unternehmer eines international erfolgreichen
Medizinaltechnologie-Konzerns derart emotional und scheinbar entgegen
jeder Vernunft handelt. Erklärbar wird das Verhalten, wenn man die
Hintergründe der Verpflichtung von Tyler Hamilton kennt: Im Herbst 2003
machte sich Rihs Gedanken über den Fortbestand seiner Equipe, nachdem
das grosse Ziel, die Teilnahme an der Tour de France, erneut verpasst
worden war. Rihs, ein Meister des Lobbyings, hatte nichts unversucht
gelassen, um sich beim Tour-de-France-Chef Jean-Marie Leblanc zu
empfehlen. Er sprang mit seiner Phonak France sogar als Sponsor beim
kriselnden Etappenrennen Paris–Nizza ein, das – wie die Weltcuprennen
Paris–Roubaix und Flandernrundfahrt – von der Société du Tour de France
organisiert wird. Ausserdem galt Rihs schon bald als Freund von
Leblanc. Doch all diese Bemühungen blieben ohne Erfolg. Darauf
wechselte Rihs die Strategie: Nun sollten nicht mehr die Beziehungen,
sondern die richtigen Fahrer den Startplatz bei der Tour de France
sichern. Tyler Hamilton, der trotz gebrochenem Schulterblatt in jenem
Jahr die Tour als Vierter beendete, schien dazu ideal.
Der Phonak-Chef machte dem Amerikaner, der als Helfer von Lance
Armstrong bekannt wurde, einen Wechsel zum eigenen Team schmackhaft und
reiste zu diesem Zweck nach Colorado, wo Hamilton im Winter wohnt. Sie
gingen in den Rocky Mountains zusammen Ski fahren und führten viele
Gespräche. Es kam so weit, dass die Beziehung zwischen den beiden nicht
mehr nur rein geschäftlich, sondern mehr und mehr auch freundschaftlich
geprägt war.
Aber auch für den Phonak-Gründer Andy Rihs gilt: An
erster Stelle kommt der Erfolg. So entliess er nicht nur Hamilton, als
er diesen Weg als letzten Schritt zur Rettung der ProTour-Lizenz sah,
sondern trennte sich auch vom umstrittenen Teammanager Urs Freuler, als
ihm klar wurde, dass nur so die Glaubwürdigkeit des Teams
wiederhergestellt werden kann. Mit dem Belgier John Lelangue kam ein
ehemaliger Mitarbeiter der Tour de France-Organisation. Ein
möglicherweise geschickter Schachzug, der allerdings durch den
überraschenden Entscheid des internationalen Sportgerichtshof CAS in
Lausanne Anfang Februar nichtig gemacht wurde. Die Richter des CAS
hiessen den Rekurs von Phonak gut und erteilten den Schweizern eine
ProTour-Lizenz für vorerst zwei Jahre. Damit ist das Team in diesem
Jahr definitiv an der Tour de France startberechtigt – auch ohne
Beziehungen.
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| 1| Hoffnungsträger: Der neue Teamchef John Lelangue. |
2| Sündenbock: Der gefeuerte Manager Urs Freuler. |
3| Lobbyist: Phonak-Besitzer Andy Rihs. |