
Velofahren bei Wind, Schnee und Kälte? «Nein danke», sagen viele
Schweizerinnen und Schweizer und stellen ihren Drahtesel beim ersten
Frost tief in den Keller. Wer es trotzdem tut, fühlt sich auf der
Strasse einsam. Der Ganzjahresvelofahrer ist in der Schweiz eine Specie
rara. Diesen Eindruck haben statistische Untersuchungen des Dienstes
für Gesamtverkehrsfragen bestätigt: Im Durchschnitt wird in der Schweiz
im Winter nur gerade ein Drittel so viel Velo gefahren wie im Sommer.
Ganz anders präsentiert sich die Situation im kälteren Skandinavien.
Mein momentaner Wohnort Uppsala liegt 1500 Kilometer nördlich von Basel
und weist im Winter eine Durchschnittstemperatur von minus drei Grad
auf. Längere Kälteperioden mit Tagesmaxima von minus fünf Grad sind
keine Seltenheit. Leer gefegte Velowege also, alle Drahtesel in den
Kellern? Denkste. Einen Grossteil der Uppsalaer halten die Bedingungen
nicht davon ab, bei jeder Witterung per Rad ans Ziel zu gelangen.
Sind die Schweden also viel härter im Nehmen als die Schweizer? Darauf
angesprochen, meint Christine Fogelholm, Sekretärin des
Cykelfrämjandet, der schwedischen IG Velo, in skandinavischer
Gelassenheit: «Es ist in Schweden schlicht normal, das ganze Jahr mit
dem Velo zur Arbeit und zur Schule zu fahren.» Doch als Südeuropäer
wundere ich mich trotzdem: Weshalb die Horden von Velofahrern, die sich
im eiskalten Uppsala auf die «Cykelbanor» wagen? Trotz durchschnittlich
100 Tagen pro Jahr, an denen Uppsala unter einer Schneedecke liegt?
Trotz der dunklen Winterzeit, wenn die Sonne um neun aufgeht und um
halb drei wegdämmert? «Uppsala ist eine Velostadt. Velofahren gehört
hier zur Kultur», sagt Sven Ekman, Verkehrsplaner bei der Stadtbehörde.
Daneben habe diese Art der Fortbewegung auch mit der grossen
universitären Tradition der Stadt zu tun: Fast jeder fünfte Einwohner
ist Student. Dazu kommen Professoren, Dozenten und andere Mitarbeiter
der Hochschulen. «Ich fahre mit dem Velo zur Uni, genauso wie der
Rektor und viele meiner Kollegen. Die Busverbindungen sind für mich
nicht gut genug», bestätigt Gerhard Bax, Professor für Geoinformatik.
Ganzjahresvelofahren gilt in Uppsala als Volkssport. Dazu trägt nicht
nur die Tradition bei, sondern auch die städtische Velopolitik, die den
Fuss- und Fahrradverkehr vor alle anderen Verkehrsmittel stellt. Das
Velowegnetz von Uppsala weist eine stolze Gesamtlänge von 260
Kilometern auf. Entlang praktisch allen Hauptachsen verläuft ein
separater Veloweg. Im Winter ist dies ein Sicherheitsfaktor:
Velofahrende können so nicht unmittelbar vor ein Auto fallen, wenn sie
ausrutschen. Nach Schneefällen werden Velo- und Fusswege sowie
Buslinien zuerst geräumt, der motorisierte Privatverkehr hat unterste
Priorität. Dabei wird praktisch kein Salz verwendet. Die Schneemassen
auf den Strassen werden lediglich plattgewalzt und gesplittet.
Die Massnahmen haben Erfolg: Der Anteil Velofahrender am Gesamtverkehr
beträgt im städtischen Durchschnitt 30 Prozent, in einigen Quartieren
übersteigt er die 50-Prozent-Grenze.
Die Schweden sind aber nicht
einfach härter im Nehmen als die Schweizer. Sie wenden ihre Tricks an,
um den unwirtlichen Bedingungen zu trotzen. «Viele Uppsalaer montieren
in der kalten Jahreszeit Reifen mit Spikes. Aber auch Satteldecken aus
Schafwolle sind sehr beliebt», erklärt mir Velohändler Marcus Sten,
Mitinhaber einer der zahlreichen «Cykelbutiken» von Uppsala. Der
«Cykelfrämjandet» hat auf seiner Homepage noch mehr Tipps: Bei längeren
Strecken soll man regelmässig eine Teepause im Warmen einlegen. Zudem
werden Hosen aus Kamelhaar empfohlen. Schliesslich legt der
«Cykelfrämjandet» den Wintervelofahrenden nahe, am Morgen das Gesicht
nicht zu waschen: Die natürliche Fettschicht der Haut bietet den besten
Kälteschutz. Velofahren im Winter kann also durchaus Spass machen.