
In Dresden hat man die Qual der Wahl. Soll man in den Zwinger, in den
Pillnitzer Park oder nach Altkötzschenbroda, weil dieser Orte so schön
heisst? Kann der Radler ohne Gefahr für die Felgen zu Winnetou nach
Radebeul, in die Porzellanmanufaktur im nahen Meissen, oder soll er
sich die Frauenkirche anschauen? Man tut dies und das, und es ist
hübsch und gut. Auch in der tollsten Kulturmetropole – ein bedrohliches
Wort – findet man den Rummel ermüdend. An einem Morgen mit Honigsonne
besinnt man sich seiner radlerischen Freiheit, die darin besteht, den
Sattel zwischen die Oberschenkel zu schieben, Adieu zu sagen und den
Wolken entgegenzufahren, die über den Himmel ziehen.
Heute ist Auffahrt. In Deutschland heisst das Himmelfahrt, und viele
Fahrradfahrer sind unterwegs. Es sind besondere Radler, und sie tauchen
am Horizont in Rudeln auf. Sie haben ihre Velos mit Blättergirlanden
geschmückt, sind fast nur männlichen Geschlechts, und während des
Fahrens trinken sie schon am Morgen Bier aus Flaschen, die sie im
Gepäckkörbchen transportieren. Dabei machen sie heftige Schlenker. Sie
stehen in Gruppen beieinander, und als wir sie fragen, was es mit ihren
Girlanden- und Bierfahrten auf sich habe, klären sie uns auf: Heute ist
Männertag. Man fährt über Land und sucht sich eine Braut. Himmelfahrt.
An manchen Orten gibt es heute Heiratsmärkte, Tanzfeste in Bierzelten,
wo sich Burschen und Mädels näherkommen sollen.
Torgau an der Elbe
ist ein verschlafenes altes Städtchen mit heftigem Kopfsteinpflaster.
In der Nähe des Bahnhofs findet man einen russischen Friedhof mit
dreihundert verwucherten Normgräbern, in denen die letzten Toten des
Zweiten Weltkriegs liegen. Am Elbeufer, beim Stadtschloss Hartenfels,
steht ein Denkmal, das die Russen und die Amerikaner gemeinsam
errichtet haben. Der Anlass: Ganz in der Nähe sind die beiden Armeen im
Frühling 1945 aufeinander gestossen, haben sich auf der zerbombten
Elbebrücke die Hände geschüttelt, ihre Fahnen gehisst und Wodka
getrunken. Später gehörte das Gebiet zur Sowjetzone, der Naziknast
Hartenfels wurde von der Staatssicherheit der DDR übernommen und bis
1989 betrieben. Heute ist er ein Museum, in dem es immer noch nach
Gefängnis riecht.

Die Elbe fliesst durch eine grandiose Landschaft, und sie fliesst durch
europäische Geschichte. Das klingt pompös, aber es ist so. Auf
geschichtsträchtige Orte trifft man jeden Tag, und man kann sich ihrer
Faszination und Verunsicherung nicht entziehen. Bei strömendem Regen
treffen wir in Wittenberg ein, oder, wie es offiziell heisst, in der
Lutherstadt Wittenberg. Hier lebte und wirkte vor fünfhundert Jahren
Martin Luther. Die Gotteshäuser, in denen er predigte, stehen noch,
mächtig prangt das Bronzeportal, bei dem er seine Thesen für eine
Erneuerung der Kirche anschlug. Bekanntlich wandte er sich gegen den
Ablasshandel, bei dem man sich nach dem Prinzip «Wenn das Geld im
Kasten klingt, deine Seele in den Himmel springt» das Paradies erkaufen
konnte. Mit dem berühmtesten Sohn der Stadt wird heute zünftig Geld
gemacht, der Sieg des Kapitalismus ist total. In den Andenkenläden
findet man Luther und seine Sprüche auf Wimpeln, Hütchen, Leibchen,
Henkeltassen, Socken («Hier stehe ich, ich kann nicht anders») und
Bierhumpen («Warum rülpset und furzet ihr nicht»). Jeden Tag besuchen
tausende Wittenberg. Der Handel blüht, die Kasse klingelt laut.
Ironischerweise erinnert die ganze Gschaftlhuberei an den Ablasshandel,
nur weiss man noch nicht, wofür hier und heute Ablass gezahlt wird.
Wittenberg, das war düsteres Mittelalter, das Bauhaus in Dessau,
dreissig Kilometer Elbe abwärts, ist das pure Gegenteil: Das ist Licht,
das sind klare Linien, leichte Eleganz. Man traut seinen Augen nicht:
Vor achtzig Jahren wurden hier Häuser gebaut und Gebrauchsgegenstände
entworfen, die heute noch futuristisch wirken. Architektur- und
Designpilger aus der ganzen Welt kommen hierher. Wir machen eine
Führung mit durch die so genannten Meisterhäuser. Walter Gropius
strebte das helle, luftige Wohnen an, er verdammte den gemütlichen
Mief, Stuck und Goldrahmen. Sein ästhetisches Reinheitsgebot war so
streng, dass manchmal auch seine Anhänger und Lehrerkollegen am Bauhaus
Mühe hatten, ihm zu folgen. Kandinsky etwa pinselte in einer schwachen
Stunde seine Wohnung mit Goldfarbe aus, Gropius ärgerte sich grün und
blau über diesen Rückfall ins Spiessertum.
Magdeburg ist eine
Baustelle, Tangernmünde ein Städtchen wie aus Lebkuchen, Wittenberge
(mit einem E am Schluss!) die schönste Stadtleiche. Hier wurden früher
die Singer-Nähmaschinen hergestellt, zu DDR-Zeiten unter dem
Markennamen Veritas. Seit der Wende ist die Industrie am Ende, der
einst wichtige Elbehafen rostet vor sich hin. Von Wittenberge bis kurz
vor Hamburg war die Elbe Grenzfluss zwischen BRD und DDR, ein
Niemandsland, in dem die Natur mit ihrem Reichtum den politischen
Irrwitz der Menschen zu verspotten schien. Für Radler ist das heute ein
Paradies. Von Wittenberge bis Hamburg braucht man mit starken
Radlerfreunden (Windschatten!) zwei Tage, und schon am dritten hat man
empfindlichere Ohren und Augen. Kein Wunder wirkt Hamburg auf uns wie
ein fauchender Moloch.
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Die Elbe wird breit und träge, es riecht schon nach Meer und nach Amerika. Das Land ist vollkommen flach, der Gegenwind erbarmungslos. Fröhliche Rentner rollen uns entgegen. Sie treten kaum in die Pedale und haben einen Dreissiger auf dem Tacho. Ihr Gruss klingt wie Hohn. Schafe fressen auf sattgrünem Rasen. Am Horizont verschieben sich langsam Containerschiffe. Sie sehen aus wie riesige Kommoden. Kurz vor Amerika liegt Cuxhaven. Wir haben Lust auf einen Hering und ein Bier.