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Aarios – Velos von Grund auf

In der Halle neben dem SBB-Trassee Zürich–Bern im solothurnischen Gretzenbach wird gelötet, geschweisst, gespritzt, eingebrannt und montiert: Bei Aarios entstehen grundsolide Fahrräder – Arnold Ramel und sein Team sind die letzten Schweizer Velobauer. René Hornung

«Was? Ein Velorahmen besteht aus einfachen Stahlrohrabschnitten?», wundert sich der junge sportliche Biker. Sein eigenes Velo kommt mit einem massiv erscheinenden Alurahmen daher, denn leicht musste es sein. Dass moderne «Stahlrösser» kaum schwerer sind, aber fahrtechnisch einige Vorteile bieten, weiss der junge Sportler nicht – nicht mehr. Doch die Radler der älteren Generation und vor allem die Extremtourenfahrer schwören auf Stahlrahmen. «Das sind die echten Kenner, das sind unsere Kundinnen und Kunden», freut sich Arnold Ramel.
Der Aarios-Inhaber ist gelernter Elektromaschinenbauer und war in den siebziger Jahren bei Bally CTU als Verkaufsleiter angestellt, als er 1976 die Aarauer Velofabrik (gegründet 1930) übernahm. Der frühere Besitzer hatte sich in die Pension zurückgezogen. Fünf Jahre später baute Ramel im nahen solothurnischen Gretzenbach eine neue Fabrikationshalle. Hier liegt heute der letzte Hort der Veloherstellung «Made in Switzerland». Ein Konkurrenzbetrieb nach dem anderen verlegte sich auf den Einkauf fertiger Rahmen oder ganzer Fahrräder aus Fernost. Nur bei Aarios werden heute noch Stahlrohre abgelängt, Muffen von Hand einzeln gelötet, Gräte abgeschliffen, Gewinde geschnitten, rohe Rahmen sandgestrahlt, gerichtet, grundiert, lackiert und eingebrannt – der ganze Vorgang spielt sich hier in der Halle ab. Und auch die Räder werden aus zugekauften Felgen und Naben selber eingespeicht.

Rohre für zehn Jahre am Lager

Wie lange in Gretzenbach noch gemuffte Stahlrahmen gebaut werden, hängt nicht allein vom Hersteller Aarios und den Kundinnen und Kunden ab. CroMo-Stahlrohre und vor allem Verbindungsmuffen muss Arnold Ramel in immer grösseren Quantitäten herstellen lassen, damit die Produktion noch rentabel bleibt. Zudem lohne es sich angesichts des relativ geringen Weltbedarfs kaum, neue Werkzeuge für die Muffen-Produktion herzustellen, sollten die alten einmal nicht mehr funktionieren. «Für die nächsten zehn Jahre haben wir aber genügend Rohrmaterial am Lager», beruhigt der Aarios-Chef.
«Wir sind ein Nischenbetrieb. Nicht schreiend modische Zweiräder, die den Namen Velo kaum mehr verdienen, sind unser Ziel», erklärt Arnold Ramel und ergänzt: «Unser Bestreben ist es, Tradition und Bewährtes zu erhalten und hochwertiges Material zu verwenden.» Übrigens: Hochwertige Stahlrahmen sind bei gleicher Preislage kaum schwerer als Alurahmen. Und sie haben ihre Vorteile: Sie sind dynamisch, dämpfen Erschütterungen und Schläge von der Fahrbahn, während die steifen Alurahmen diese verstärken und deshalb oft mit Federungen ausgerüstet werden.
Qualität heisst für den Hersteller aus dem Solothurnischen, dass die Hohlräume der Rahmen gegen Korrosion behandelt sind. Aarios gibt eine «lebenslange Garantie auf Rahmenbruch». Und sollte auf der Weltreise doch einmal etwas passieren, kann ein Stahlrahmen oder ein Stahlgepäckträger in der Not praktisch auf der ganzen Welt geschweisst werden. Bricht dagegen ein Alurahmen, ist die Tour in der Regel vorbei.
Aarios legt auch grosses Gewicht auf die Wahl der Komponenten: Eingesetzt werden Shimano-Produkte, und es werden herkömmliche Steuersätze mit Gewinde verbaut. Das bedeutet zwar einen Mehraufwand, bietet aber Vorteile: So kann die Lenkerhöhe in einem grösseren Bereich eingestellt werden als beim Einsatz der Ahead-Steuersätze. Entgegen der anfänglichen Skepsis haben sich inzwischen auch die 14-Gang-Rohloffnaben als sehr zuverlässig erwiesen.

Tieferlegen? Kein Problem!

Arnold Ramel kennt seine potentielle Kundschaft und deren Bedürfnisse. Tourenfahrer, darunter einige Weltreisende, bringen ihm wichtige Hinweise für die Weiterentwicklung seiner Räder. Etwa jene Velobegeisterte, die für die Befestigung der Seitentaschen am Hinterrad einen tieferen Aufhängepunkt wollte, damit der Schwerpunkt des Velos tiefer liegt. So erreicht man eine ruhigere Fahrweise, und auf langen Reisen fällt die körperliche Ermüdung wesentlich geringer aus. Der Aarios-Chef hat diesen Wunsch umgesetzt und versucht – wann immer möglich – solche Anregungen zu berücksichtigen. Begeisterung und Anerkennung sind ihm als Dank dafür sicher.
Immer öfter reisen auch Leute aus Süddeutschland nach Gretzenbach, um sich ein individuell hergestelltes Velo zu bestellen. Aarios-Räder bewegen sich dabei – trotz Handarbeit – in einem Preisbereich von 1000 bis 6000 Franken. Und trotz Absage an die rasch wechselnde Mode wird eine grosse Farbauswahl angeboten: bis zu einer Preislage von rund 2000 Franken gibts Aarios-Velos in 20, in höheren Preislagen gar in 100 verschiedenen Farben.

Erfolge mit Trottinetts

Erfolge hat Aarios auch in der Fabrikation von Trottinetts, die zu einem wichtigen Produkt geworden sind. Nachdem früher importierte Tretroller verkauft wurden, die rasch kaputtgingen und kaum zu reparieren waren, entschloss sich Arnold Ramel, ein eigenes Produkt herzustellen. Der Erfolg der Kerenzerberg-Sportbahn mit den Downhill-Modellen ebnete den Weg. Danach wurden die Trottinetts weiterentwickelt, und inzwischen findet man sie an vielen Berghängen, etwa im Berner Oberland, im Jura, im Wallis und im Emmental.
Einer der bekanntesten Vermieter ist die Rhätische Bahn. Im Sommer rollt man auf Aarios-Trottis von Preda auf der Albulastrasse hinunter nach Bergün. Im Winter ist hier eine Schlittelbahn präpariert, und die Trottis – mit gefederter Vorderachse, sportlichem Lenker und starken Bremsen – stehen im Werk in Gretzenbach und werden revidiert. Eine Garantie dafür, dass sie nachher wieder für eine Saison fit sind.
Mit den rund 2000 bis 3000 Stahlrahmenvelos, die bei Aarios jedes Jahr herstellt werden – dazu einige hundert Trottinetts – und den verschiedenen Spezialentwicklungen (siehe Kasten) beschäftigt das Familienunternehmen insgesamt 15 Personen. «Im Grunde sind wir eine spezialisierte Schlosserei», zieht Arnold Ramel Bilanz und ist damit sichtlich zufrieden: «So was kann sonst wohl gar niemand mehr machen. Für einen Konkurrenten wäre ein Start viel zu teuer», ist er überzeugt. Aarios bleibe also auf absehbare Zeit der letzte Velobauer, der auf Rahmen «Made in Switzerland» setzt.
Wer weiss, wann diese Konstruktionen wieder «angesagt» sind und wann der junge Biker zum ersten Mal einen Aarios-Stahlrahmen testet, um die Unterschiede im Fahrverhalten, am Sattel und am Lenker selbst zu «erfahren».

Offenes Ohr für Tüftler

Imagerhg. «Es gab Jahre, da kam alle paar Wochen ein Tüftler vorbei, der wollte mit unserer Unterstützung ein völlig neues Velo bauen», blickt Arnold Ramel zurück. Fast alle diese Projekte seien aber gescheitert, und meist konnte er schon in der ersten Minute sagen, dass die – zum Teil guten – Ideen kaum Erfolg haben würden.
Und doch lässt sich der Aarios-Besitzer auch heute immer wieder auf Experimente ein. Letztes Jahr waren Studierende der Fachhochschule Solothurn im Werk, um im Rahmen einer Projektarbeit ein Tandem mit drei Rädern zu bauen, das sich leicht und schnell aus zwei herkömmlichen Velos zusammensetzen lässt: An die umgebaute Hinterachse des einen Velos wird eine spezielle Vordergabel eines zweiten Velos eingehängt. Das dreirädrige Tandem fährt tatsächlich, Aarios stellte die nötigen Komponenten her – «aus PR-Gründen, nur so kommt man in die Medien», räumt Ramel ein (siehe Foto).
Viele andere Spezialanfertigungen aber sind Weiterentwicklungen, die aus einem konkreten Bedürfnis heraus entstanden sind, etwa die Vorderradständer für die Post. Nachdem bei den schwer beladenen Briefträgervelos selbst die verstärkten Hinterradständer regelmässig in die Brüche gingen, konstruierte Arnold Ramel eine völlig neue Version. 120 Velos sind inzwischen damit ausgerüstet, und von den extra produzierten Reserveständern hat er bis heute keinen einzigen gebraucht.
Im Moment wird bei Aarios an einem Modell gearbeitet, dem der Chef grosse Zukunftschancen gibt, an einem «swing walking bike» – einem Sportgerät nach dem Draisine-Prinzip: Die Idee entwickelte ein deutscher Sportarzt und Chirurg für das Beweglichkeits- und Konditionstraining sowie zur Rehabilitation. Der Antrieb erfolgt mit den Füssen am Boden.
Eine weitere Neuentwicklung ist ein Dreirad, das – im Gegensatz zu den meisten Konkurrenzprodukten – vorne zwei Räder hat und damit weniger kippanfällig ist.
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