Reisen
Durch das tiefe Tal der Gauchos
Wochenlang erblickt der Radler nichts als Halbwüste und spürt hartnäckig den Wind im Gesicht. Majestätisch türmen sich die Anden auf und bestätigen die Erwartungen: Patagonien ist ein Ort der Stille – es sei denn, die Gauchos laden zu Tisch! Markus Greter
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Wer noch das satte Grün der Wiesen Chiles im Kopf hat, den Regen und
die Welt der wilden Fjorde, wird mit dem Überschreiten der Grenze in
eine andere Welt katapultiert: Östlich der Anden ist alles umgekehrt.
Hier herrscht das Graubraun der sandigen Böden. Regen ist selten, die
Gegend präsentiert sich als endlose Buschlandschaft. Gute
Strassenkarten sind – mindestens theoretisch – überflüssig. Wer von
Perito Moreno nach Süden aufbricht, kommt automatisch ans Ziel. Die
legendäre Ruta 40 («ruta quarenta») ist die einzige Strasse und die
stille Schlagader Patagoniens. Längst haben sich die Bewohner an das
Bild der «locos» gewöhnt, an die Verrückten, die von hier aus südwärts
radeln. Zwischen dem Supermercado am Stadtrand, wo wir uns mit
Fressalien eindecken, und dem nächsten Dorf liegen knappe 500 Kilometer
– 500 Kilometer Stille. Hörbar sind nur zwei Dinge: das Blöken der
Schafe und der Wind. Nirgends auf der Welt windet es so stark und
häufig wie hier. Bläst uns Gegenwind ins Gesicht, treten wir mit voller
Kraft in die Pedale und schaffen doch nur fünf Kilometer pro Stunde. In
solchen Fällen wird manchmal ein drittes Geräusch hörbar: das Fluchen
der Radler. Was zum Teufel hat uns dazu bewogen, nach Patagonien zu
reisen? Wir hinterfragen unser Leben, möchten zu Hause sein und vor dem
Kamin ein Buch lesen. Wenn wir aber Glück haben, brettern wir dank
Rückenwind lächelnd mit bis zu fünfzig Stundenkilometern über die
Schotterpisten und wissen: Genau so muss das Leben sein.
Der Delfin in der Pampa
Ein Schild und ein Briefkasten an der Strasse weisen ab und zu darauf
hin, dass in der Umgebung Menschen wohnen. Die Estançias, die Gutshöfe
der Bauern, liegen oft Dutzende von Kilometern von der Strasse entfernt
und bleiben für uns unsichtbar. Die Estançias könnten unterschiedlicher
nicht sein. Viele präsentieren sich als luxuriöse, riesige Landsitze
mit Hunderttausenden von Schafen und Pferden. Der Gutshof der Modefirma
Benetton zum Beispiel ist so gross wie der Kanton Graubünden. Andere
sind zu schicken Touristenhotels umgebaut worden, die meisten aber sind
die höchst bescheidene Heimat von dickschädeligen Gauchos. Die Estançia
Delfin und der Besitzer Manuel gehören zu Letzteren.
Zuerst werden uns Spiegeleier serviert. Manuel sitzt in der Ecke der
kleinen Küche und fragt grinsend nach unserer Herkunft. «De Suiza!
Suiza?» Er rollt seine Augen, schnalzt, brüllt wie ein Seelöwe, stellt
uns zwei Gläser auf den Tisch, giesst viel Weisswein daneben, lacht und
fragt: «De Suiza? En bicicleta?» Am Herd steht ein kleiner Mann in
einer abgewetzten Lederjacke, spricht kein Wort und versucht das Feuer
zu löschen, das beim Braten weiterer Spiegeleier wegen der fingerdicken
Kruste alten Öls aus der Bratpfanne lodert. Manuel aber sitzt in seiner
Ecke und brüllt. Das sei sein amigo, der Nachbar von nebenan, er sei
mit dem Pferd gekommen und wohne vierzig Kilometer entfernt auf der
Estançia Oriental. Manuel giesst mehr Wein in unsere Gläser, brüllt,
klopft sich triumphierend auf die Schulter und rülpst. Nach dem kleinen
Apéro in Form von je fünf Spiegeleiern verkündet Manuel den Hauptgang,
brüllt weiter herum, stellt ein Plastikbecken mit Fleisch auf den
Tisch, weist uns an, Sauce aus der Flasche darüber zu giessen und zeigt
uns, wie man dies in der Pampa zu tun pflegt. Er nimmt ein Stück
Fleisch in die Hand und hält die Flasche hoch in die Luft. Drei Viertel
der Knoblauchsauce landen in dicken Klecksen auf seiner Hose oder dem
Pullover – das scheint ihn nicht zu stören.
Spät in der Nacht
beziehen wir wacklige Betten im Nebenraum. Als wir am anderen Morgen
etwas für die Gastfreundschaft bezahlen wollen, weist Manuel das Geld
mit Vehemenz zurück.
Halbierte Seen und wiehernde Kamele
Ab und zu verlässt die Ruta 40 das Flachland und führt durch die
östlichen Ausläufer der Anden. Auf kleinen Nebenstrassen lassen sich
die herrlichsten Gebirge in kurzer Zeit erreichen, zum Beispiel das
Massiv mit den sagenumwobenen Bergsteigerattraktionen Fitzroy und Cerro
Torre. «Während 320 Tagen», sagt uns die Polizistin hoch zu Ross,
«hüllen sich die beiden in dichte Wolken.» Entsprechend packen wir die
Regenklamotten für unsere Zweitageswanderung in den Rucksack, geniessen
aber eitel Sonnenschein und erblicken die Aushängeschilder der
südlichen Anden in perfektem Licht.
Nicht weit entfernt drängt
der Perito-Moreno-Gletscher in die stillen Wasser des Lago Argentino
und beschert eine einzigartige Attraktion. Der See wird durch den
vordringenden Gletscher in zwei Teile zerlegt, einen oberen, der über
keinen Abfluss mehr verfügt und dessen Wasserpegel kontinuierlich
steigt, sowie einen unteren, der sich zusehends entleert. Alle vier bis
sechs Jahre wird der Druck auf die Gletscherspitze so gross, dass mit
einem riesigen Kraftakt die ganze Spitze von den Fluten weggespült wird
und sich die beiden halben Seen wieder zu einem ganzen vereinigen. Wer
nicht das Glück hat, dieses dramatische Schauspiel live zu erleben,
wird entschädigt durch den Anblick gigantischer Gletscherstücke, die
mit Getöse fünfzig Meter tief in den See stürzen – und einer
sensationellen Szenerie.
Schweinisch grunzt das Guanako
Anden-Kondore (mit einer Flügelspannweite von über drei Metern die
grössten Vögel der Erde), Nandus und putzige Pinguine sorgen für
Unterhaltung. Leider bleiben die Pumas unseren Blicken verwehrt und
präsentieren sich lediglich flach gewalzt als Teppiche in den
Estançias. Doch finden wir bald Kontakt zu anderen Vier-
beinern –
zu Gürteltieren, Wüstenfüchsen und den Kamelen der Anden, den Guanakos.
Sie leben in Herden und animieren uns zu bisher unbekannten
Wettkämpfen. Gewonnen hat, wer den unbeschreiblichen Sound der Guanakos
am besten nachmachen kann. Kein einfaches Unterfangen, zumal es gilt,
das Wiehern eines Pferdes mit dem Röhren eines Hirsches zu verbinden
und noch einen Schuss schweinisches Grunzen mit einzubeziehen. Und wenn
wir uns zu stark vom Picknickplatz entfernen, plündern die Viecher
schamlos unseren Mittagstisch.
Auf dem Festland hat der Wind
verrückt gespielt, in Feuerland gesellt sich dann als Zugabe noch
launisches Wetter dazu. Sonne und Regen liefern sich täglich einen
Schlagabtausch. Das Radeln und Zelten wird bei stürmischem Wind und
arktischen Temperaturen schnell zu einer Zerreissprobe. Wieder hören
wir hier nur das Blöken der Schafe und den Wind. Dann aber endet die
Strasse, vor uns liegt das Meer und Ushuaia, die südlichste Stadt der
Welt.
Infos zur Tour
Beschriebene Route: 1660 Kilometer. Zu bewältigen in vier bis sechs Wochen. Mehrheitlich Schotterstrassen in unterschiedlichem Zustand.
Beste Reisezeit: November bis März.
Kost und Logis:
Einfache bis luxuriöse Zimmer in den Estançias, in Dörfern auch
Hospedajes (Pensionen), Doppelzimmer ab 30 Franken. Ansonsten Zelten.
Wasser an Tankstellen und Bächen. Lebensmittel sind für
südamerikanische Verhältnisse eher teuer.
Karten und Reisebücher: Militärkarten
1:500000 (viele Blätter vergriffen), AutoMapa 44, Patagonia, 1:1000000.
Argentina und Chile, beide Verlag Lonely Planet (in Englisch).
An- und Rückreise: Zürich–Buenos Aires retour ab 1050 Franken, Inlandflüge pro Weg 100 US-Dollar. Kein Visum erforderlich.
Internet:
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