Dr. V. Love
Dr. V. Love
Lieber Dr. V. Love
Ich bin ein passionierter Radfahrer.
Vor zwei Wochen hatte ich jedoch ein zutiefst verunsicherndes Erlebnis:
Wir befanden uns gerade auf dem Sustenpass und strampelten in Harmonie,
als plötzlich Oskar Camenzind und Tony Rominger an uns vorbeifuhren,
verächtlich lachten und uns den Ausdruck «Gümmeler» zuriefen. Ich bin
seither dreimal bei meiner Psychologin gewesen, doch sie kann mir nicht
helfen, da wir beide nicht wissen, was ein «Gümmeler» eigentlich genau
ist. Bitte helfen Sie mir!
Röbi Z., Gockhausen
Geehrter Herr Z.
Von einem Profi «Gümmeler» genannt zu werden, ist wirklich nicht das
erfreulichste Erlebnis. Das Wort selbst ist schwer zu definieren und
ruft alle möglichen negativen Assoziationen hervor. Natürlich zuerst
mal an ein Wort aus der Primarschule: «gümmele». Auch Sie erinnern sich
wahrscheinlich an qualvolle Schönschreib-Stunden, wo man die Buchstaben
andächtig mit dem Bleistift malte – und wenn sie nicht schön genug
waren, dann musste man sie «gümmele». Und immer schmierte dieser Gummi.
Das Wort hat also etwas Unreifes an sich, als stünde die Lehrerin immer
noch hinter einem und ermahne einen wegen der schludrigen Schrift. Sie
merken: Diese Analogie hat sehr viel mit Ihrer Situation zu tun. Sie
fühlten sich wohl auch wie ein Schulbub, der von der Lehrerin in die
Schranken gewiesen wird.
«Gümmeler» hat also eine abschätzige
Bedeutung. Im Fachjargon heisst es einfach «Hobby-Rennfahrer»,
allerdings im Sinne von «Hinterradkleber», wie verschiedene Experten
versichern. Ein «Gümmeler» hat haarige Beine und das Handy im Trikot,
er trinkt ein Bier und raucht eine Zigarette, bevor er ein Rennen oder
einen Pass in Angriff nimmt. Für G., einen ehemaligen Schweizer
Profirennfahrer, ist ein «Gümmeler» deshalb schlicht ein fauler
Rennfahrer; einer, der «schlüchlet», nur im Windschatten von anderen
profitiert. Laut einem weiteren Rennexperten kriegten solche «Gümmeler»
früher auch mal eine Faust ins Gesicht. Dann ist fertig mit «Gümmelen»,
und zurück bleiben ein unglücklicher Junge und ein Geschmier. Es gibt
also nur eine Lösung: Raus aus der Sicherheit des Windschattens und
hinein in die unsteten Winde des Lebens.
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