Szene
Deutschland im Herbst
Die Kölner IFMA ist nicht nur eine Velomesse, sondern mit dem «Radverkehrskongress» auch ein Anlass für politisch Interessierte und LobbyistInnen. Köln liegt nämlich mitten in der Hochburg der Veloförderung – in Nordrhein-Westfalen. Peter Hummel
Dieses Jahr stand der fünfte Fahrradkongress unter dem Motto
«miteinander fährt besser» auf dem IFMA-Jubiläums-Programm. Zur
40-Jahr-Feier wurde den Ausstellungsbesuchern nicht nur eine
Sonderschau geboten. Auch Preisverleihungen und der Kongress «Kinder in
Bewegung» waren angesagt. Das Feuerwerk von Veranstaltungen war
beeindruckend – und mitunter ganz schön anstrengend. Auch für
BesucherInnen aus der Schweiz war es aber interessant zu hören, wer
sich wie präsentiert, welche Politiker wie auftreten und welche
Statements sie abgeben. Trotz der gebotenen Vorsicht gegenüber
deutschem Kommunalwahlen-Vorgeplänkel waren einige Voten zu hören, die
auch für das südliche Nachbarland interessant waren.
So
kommentierte der Verkehrsminister Axel Horstmann von
Nordrhein-Westfalen die seit bald zwei Jahren blockierten zwanzig
Millionen Euro für den nationalen Radverkehrsplan. Über die Tatsache,
dass diese Gelder beim Bundesamt für Wasserstrassen deponiert sind und
dort wie eine heisse Kartoffel herumgereicht werden, witzelte der
Minister, «dass es wohl bald einfacher sein wird, entlang den
Wasserstrassen Rad zu fahren». Ernsthafter sprach Horstmann angesichts
der hohen Ölpreise über die zusätzlichen Chancen für die Veloförderung:
«Kein anderes Verkehrsmittel kann mit so wenig Mitteln so nachhaltig
gefördert werden, mit so positiven Auswirkungen auf die Wirtschaft, die
Gesundheit und den Radtourismus», betonte er. In Nordrhein-Westfalen
ist jeder Dritte heute ein Radtourist.
ADAC entdeckt das Velo
Dass der Allgemeine Deutsche Fahrradclub (ADFC) erstmals seinen
Fahrradklimatest ausgerechnet mit dem bis anhin als wenig
velofreundlich bekannten Autoclub ADAC teilen musste, machte stutzig,
und man war auf die Ergebnisse gespannt. Das Resultat des
Grossstädteklimatests vorweg: Münster ist die unangefochtene Nummer
eins, während Bremen und Kiel sich den zweiten Platz teilen müssen.
Interessant sind die Untersuchungsmethoden: Beim Fahrradclub werden die
Daten «bottom up» über die Mitglieder per Fragebogen erfasst. Der
Automobilclub verfolgt einen eher wissenschaftlichen Ansatz mit
ExpertInnen – eine viel teurere Untersuchungsmethode.
ADFC-Geschäftsführer Horst Hahn Klöckner veranschaulichte, dass es bei
ihrem Klimarating auch immer um ein aktives Lobbying gehe.
AktivistInnen sollen Instrumente in die Hand bekommen, damit sie sich
gegenüber Behörden für ein besseres Radklima einsetzen können (zum
Beispiel Öffnen von Einbahnstrassen). Der ADAC will mit seinem Rating
explizit – man staune – «Autofahrer aufs Rad bringen». Eine logische,
aber von dieser Seite überraschende Zielsetzung. Bleibt nur noch zu
hoffen, dass beide Verbände das nächste Mal ihre Ressourcen
zusammenlegen und sich gemeinsam für Verbesserungen einsetzen. Dann
hätte das Motto «miteinander fährt besser» einen Sinn.
Der radelnde Schauspieler und Krimiautor
Preisverleihungen hatten heuer am Rande der IFMA Hochsaison. Der
rührige Verbund selbstverwalteter Fahrradbetriebe e.V. (VSF) verlieh
der Firma Bohle (Schwalbe-Reifen) einen Anerkennungspreis. Die jährlich
wiederkehrende Auszeichnung «Best for bike» ging an den Radroutenplaner
des Bundeslandes Nordrhein-Westfalen, und last but not least wurde als
fahrradfreundlichste Person der Schauspieler und «Tatort»-Ermittler
Jochen Senf alias Kommissar Palu ausgezeichnet. Er selber verlieh der
Veranstaltung mit seiner prägnanten Ansprache den nötigen Pfiff und
Drive, indem er von seinen Freuden und Leiden als Alltagsradler
erzählte. Glaubhaft versicherte er, dass Radfahren nicht schlanker,
aber gesünder mache, und dass ihn das Velofahren zum Krimischreiben
inspiriere. Schliesslich verlieh Jochen Senf dem Anlass noch einen
politischen Glanzpunkt, als er spitze Bemerkungen gegen die Deutsche
Bahn AG fallen liess, die den Velotransport in den ICE-Zügen
einschränken will, und der – am gleichen Tag – deswegen
Protestunterschriften übergeben wurden.
www.vsf.de www.radroutenplaner.nrw.de Kinder in Bewegung:
www.lilofranzen.de
Vom Bonanzarad zum Gyrotänzer
Während die Zürcher 2-RAD wohl für immer abgeschafft worden ist, konnte
die IFMA heuer ihr vierzigjähriges Bestehen feiern. Zwar ist die
älteste Fahrradausstellung schon seit Jahren um das M, die Motorräder,
amputiert worden, und punkto Innovationen steht sie heute etwas im
Schatten der sportlicher ausgerichteten Eurobike, doch die Kölner
zeichnen sich immer noch durch aussergewöhnliche Sonderausstellungen
aus, wie letztes Jahr die Kultexpo zur Geschichte des MTB oder nun
natürlich die Jubiläumsshow: Hundert Exponate aus vier Jahrzehnten
Fahrradgeschichte mit Meilensteinen wie dem Klappvelo (1966), dem
Bonanzarad (1972), dem ersten Alubike (1976) oder dem ersten Mountie
(1984).
Doch die IFMA wollte sich nicht nur auf den Lorbeeren
ausruhen: Sie lud dreissig Studenten der Köln International School of
Design, der Hochschule für Gestaltung und Kunst Zürich und des
Politecnico di Milano ein, um Visionen für die Zukunft zu entwickeln.
Umweltverträglichkeit und Nutzenoptimierung standen im Fokus der
Designer. Aber als durchwegs engagierte Radler waren sie stets auch von
der Frage geleitet, was sie sich als Velofahrer wünschen würden – und
wie die Ideen umzusetzen seien.
Einer der praxisnahen und auch
industriell rasch realiserbaren Vorschläge heisst Pressure Protection –
quasi ein automatisches Reifen-Entpannungs-System. Zwei Kartuschen,
eine gefüllt mit Druckluft und eine mit Reparatur-Gel, sind auf der
Radnabe platziert und via Rohr mit dem Ventil verbunden. Tritt aufgrund
eines Durchstichs im Reifen ein Druckverlust ein, wird mit Pressluft
Gel an die beschädigte Stelle gedrückt, wo es durch Reaktion mit
Sauerstoff aushärtet; nach der Versiegelung wird der richtige Luftdruck
wieder hergestellt. Doch nicht nur an bessere Funktion, sondern auch an
mehr Spass wurde gedacht. Aus Zürich stammt der Gyrobug, der als
einziger Entwurf sogar funktionsfähig war: Es ist ein Lifestyle-Einrad,
das über ein Gyroskop, also eine Art Motorkreisel im Radinnern,
stabilisiert wird – ähnlich dem Segway. Ungewöhnlich auch der Antrieb:
nicht mittels Pedalen, sondern über Stepper (wie in Fitnessstudios
üblich) – weil gelenkschonender. Doch Daniel Scherrer, der Erfinder,
hat gewiss kein Gesundheits-, sondern ein Spassgerät im Kopf: «Vor der
Eisdiele drehst du auf dem Bug deine Pirouetten und kannst nebenbei
noch locker den Damen nachstellen.» Viel Vergnügen!
Peter Hummel