Szene

Bikes statt Zweitauto

Der kalifornische Fahrradkonstrukteur Joe Breeze gehört als Entwickler des ersten Mountainbike-Rahmens zu den legendären Figuren der Velogeschichte. Seit bald zwei Jahren nutzt er seinen Namen, um in Amerika Alltagsräder unter die Leute zu bringen. Urs Rosenbaum
Joe, dein Name wurde bis in die späten Neunzigerjahre hinein mit edlen Mountain-bikes in Verbindung gebracht. Was hast du seither gemacht?
Nach meinem Rückzug als Mountainbike-Produzent habe ich mich in Kalifornien auf politischer und gesellschaftlicher Ebene für die Nutzung des Velos als Transportmittel stark gemacht. Diese Ziele habe ich vorher schon verfolgt, doch erst in den letzten Jahren habe ich mich voll darauf konzentrieren können.

Wie kommst du dazu, dich für Alltagsvelos zu interessieren?
Viele Leute glauben, meine Vision vom Fahrrad im Alltagsverkehr sei eine neue Idee. Tatsächlich begleitet sie mich schon mein ganzes Leben. Ich wuchs in einem Umfeld auf, wo Fahrräder als effiziente Maschinen geschätzt wurden. Mein Vater fuhr in meiner Jugend als Einziger weitherum mit dem Rennrad zur Arbeit. Das Velo war für mich deshalb schon immer selbstverständlich im täglichen Einsatz. Später bin ich als Profi Rennen gefahren und in die Szene der Clunkerfahrer gerutscht, aus der das Mountainbike entstanden ist. Mein Ziel während all der Jahre war immer, den Leuten zu zeigen, dass Radfahren die effizienteste und gesündeste Art ist, sich fortzubewegen.

Und wie wird das Fahrrad in den Vereinigten Staaten akzeptiert?
Das Auto hat in Amerika einen ungeheuer hohen Stellenwert, das Fahrrad hingegen wurde zum Kinderspielzeug degradiert und aufs Trottoir verbannt. Erst das Mountainbike und später die Rennerfolge amerikanischer Strassenprofis haben dem Velo wieder zu einer breiteren Akzeptanz verholfen. Das Fahrrad ist in den USA heute zwar als Fitnessgerät akzeptiert, jedoch noch nicht als Alltagsfahrzeug.

Wird Radfahren in den USA noch anderweitig gefördert?
Immer mehr! Die Regierung hat schon in den Fünfzigerjahren mit einer Kampagne zur Verbesserung der Volksgesundheit begonnen. Vor rund fünfzehn Jahren hat sie auch das Bike entdeckt. Damit die Leute das Velo mehr im Alltag einsetzen, begann die Regierung damit, die Radwege auszubauen: In den Siebziger- und Achtzigerjahren wurden landesweit gerade mal 40 Millionen Dollar für Fahrradinfrastruktur eingesetzt, von 1991 bis 1997 waren es bereits 500 Millionen, und in den letzten sechs Jahren waren es nahezu zwei Milliarden.

Und nun bietest du Citybikes an.
Genau. Das auf den Alltagsgebrauch ausgelegte Fahrrad fehlte bisher im Puzzle. Wenn du in den USA in einen durchschnittlichen Bikeladen gehst, findest du kaum ein Modell, das alltagstauglich ausgerüstet ist. Zwar ist das Mountainbike bestens geeignet, um jeden Tag damit herumzufahren, für den durchschnittlichen Amerikaner ist es aber im täglichen Einsatz noch nicht nützlich genug. Für diese Leute braucht es fertig ausgerüstete Maschinen. Und da jeder sein Velo im Alltag anders einsetzen will, braucht es eine Auswahl. Wir führen deshalb momentan drei verschiedene Modelle.

Was macht denn ein gutes Citybike aus?
Ein gutes Citybike ist ein Gebrauchsgegenstand und sollte deshalb schon ab Werk mit allem ausgerüstet sein, was wirklichen Nutzen bringt: Schutzbleche, Hosenschutz, Gepäckträger und Beleuchtung gehören zur Grundausstattung. Die Technik soll so einfach und benutzerfreundlich wie möglich gehalten werden.

Alltagsvelos gibt es in Europa schon lange. Glaubst du, die europäischen Hersteller werden nun den amerikanischen Markt erobern?
Das nicht. Der amerikanische Radler ist mehr fitnessorientiert, also braucht es in den USA auch sportlichere Alltagsräder als in Europa. Zudem bestehen andere Designansprüche. Dunkle Farben, wie sie in europäischen Städten populär sind, haben in Nordamerika kaum Chancen.

Wie nimmt der Handel eure neuen, voll ausgestatteten Modelle auf?
Es scheint eine tief verwurzelte Eigenschaft des Handels zu sein, dass er neuen Ideen gegenüber sehr misstrauisch ist. Teilweise ist es wie in den Anfangszeiten des Mountainbikes vor zwanzig Jahren. Bei innovativen Geschäften kommt die Idee jedoch gut an, und so konnten wir unser Händlernetz auf mittlerweile 150 Geschäfte erweiteren.

Was braucht es, damit die Citybikes in Amerika den endgültigen Durchbruch schaffen?
In erster Linie viel Werbung! Dazu noch eine engere Zusammenarbeit zwischen Herstellern und Händlern, Regierung und örtlichen Behörden, Interessengruppen sowie Versicherungen und Gesundheitsverbänden. Aber ich bin zuversichtlich, dass das Alltagsrad den Durchbruch schaffen wird. Wir alle brauchen Gesundheit, und die erlangen wir durch Bewegung. Wir alle müssen immer irgendwo hin, und für uns alle ist Zeit ein wichtiger Faktor. Das Velo berücksichtigt all diese Punkte gleichzeitig.
Mein Traum ist es, dass das heute übliche zweite Auto aus der durchschnittlichen amerikanischen Garage verschwindet und Platz macht für jede Menge Fahrräder.
Abo
Kein Flash-Player installiert.

Nachrichten

15.05.2012:
11.05.2012:
8.05.2012:
Bild
Bild
Bild
Bild
Bild
Bild
© 2011 velojournalImpressum