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Amsterdam – Paradies mit kleinen Mängeln

Die Grachtenstadt Amsterdam ist das Vorbild aller Velo-Citys: Fast die Hälfte aller Fahrten in der Innenstadt wird mit dem Rad durchgeführt, entsprechend rar sind die Abstellplätze. Jetzt plant die Stadt bis 2006 rund 4700 neue, abschliessbare «Fiets»-Parkplätze. Thomas Roegner
Null Chance – ich finde einfach keinen Parkplatz. Dabei gibt es in diesem dreistöckigen Parkhaus am Amsterdamer Hauptbahnhof über tausend Abstellplätze. Aber alle, auch die «illegalen», sind belegt. Da werden wohl bald einige abgeschleppt werden. Seufzend rolle ich mit meinem Rad wieder die Rampe hinunter und teile das Schicksal einer halben Million Amsterdamer Einwohner.
Das dreistöckige Fahrradparkhaus dürfte auf der Welt einmalig sein. Es bietet gratis Plätze – und trotzdem ist auch noch der Platz zwischen Bahnhofsgebäude und Parkhaus mit Tausenden von Drahteseln zugestellt. Hin und wieder wird aufgeräumt, dann muss man sich sein falsch parkiertes Fiets in einem der Depots abholen. Verkehrte Welt: Was in allen anderen Städten Autofahrerschicksal ist, passiert hier den ZweiradfahrerInnen.
Amsterdam ist unbestritten die Fahrradmetropole. Hier bestimmt das «Fiets» das Stadtbild, und eine eigene Abteilung im DIVV (Dienst Infrastructur Verkeer en Vervoer) kümmert sich in der städtischen Verkehrsbehörde ausschliesslich um den Veloverkehr. «Zwischen vierzig und fünfzig Prozent aller Fahrten im inneren Stadtgebiet werden mit dem Velo unternommen, in den äusseren Bereichen ist es dann noch etwa ein Drittel», stellt DIVV-Sprecherin Ria Hilhorst fest. Eine Traumquote.
Dieser aussergewöhnliche Modalsplit hat drei zum Teil ganz pragmatische Gründe: Amsterdam ist durch seine Entstehungsgeschichte eine Stadt mit engen Verkehrswegen im Zentrum und so gut wie keinem Parkraum für Autos. Fast alle Strassen verlaufen entlang den Grachten, die sich in Halbkreisen durch die Stadt ziehen. Zwischen den grün-trüben Wasserkanälen und den schmalen, hochgiebeligen Häusern bleiben oft nur wenige Meter Raum, den sich Autos, Velos, FussgängerInnen und die Strassencafés teilen. Keine Tiefgaragen, keine Hochhäuser stehen im oder auf dem sandigen Grund. Zum Zweiten ist Amsterdam mit seinen rund 1,1 Millionen EinwohnerInnen flächenmässig relativ klein. Dank Velo-Lichtsignalen und zahlreichen Einbahnregelungen ist man punkto Geschwindigkeit in der Innenstadt per Velo den Autos klar überlegen. Und zum Dritten kümmerte sich eine starke Lobby schon früh um den Ausbau des Radwegenetzes. Der «Fietsersbond» sorgt seit über fünfzig Jahren für eine starke Velo-Lobby.

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Oben: Mit Kindern bepacktes Bakfiets
Mitte: Im Parkhaus an der Central Station können 2500 Velos versorgt werden
Unten: Brücke mit Blick auf Museum Nemo im Hafen von Amsterdam

Parkplatz im Container

Die Velofahrenden in Amsterdam müssen sich zwar nur selten gegen den übermächtigen Autoverkehr durchkämpfen, dafür schaffen sie sich durch ihre grosse Zahl ganz eigene Probleme, die da sind: keine Abstellplätze und hohe Diebstahlraten – rund 100000 Velos, das sind zwanzig Prozent des Bestandes, werden jedes Jahr geklaut. An der Beseitigung dieser Probleme wird in Amsterdams Stadtverwaltung heftig und innovativ gearbeitet. Die Organisation AFAC (Amsterdamse Fiets Afhandel Centrale) kümmert sich im Schnitt um rund 9000 Räder, deren Schlösser anlässlich von Aufräumaktionen an ihren Dauerstellplätzen offiziell geknackt wurden, oder um solche, die ohne Besitzer und nicht abgeschlossen herumstanden. Jeder kann sich unter www.fietsendiefstal.nl informieren, ob das gestohlene Velo wieder aufgetaucht ist.
Da im Zentrum oft Geländer, Masten und Befestigungen gar mit zwei Reihen Velos beparkt werden, schafft die Stadt nun neue und sichere Stellplätze in knallgelben Containern, den «Locker». Die bisherigen 800 Locker-Plätze werden bis 2006 auf 4700 ausgebaut. Pro Jahr stehen dazu rund 300 000 Franken zur Verfügung. Zudem sollen weitere 1000 bewachte Abstellmöglichkeiten eingerichtet werden. Dieser Ausbau geht auf einen Plan der Centrale Fietsparkeerorganisatie Amsterdam (CFA) zurück und wurde mit den Haushaltsberatungen im März 2004 verabschiedet.
Die abschliessbaren Locker-Plätze kosten 75 Rappen pro Rad und Tag, eine Jahreskarte gibt es für rund 85 Franken. Die Container verfügen über zusätzliche Einrichtungen wie Reparaturmöglichkeiten, Toiletten und einen Babywickelraum. Die Mini-Veloparkhäuser sollen vor allem die Diebstahlrate reduzieren. Es gibt auch Versuche, Räder mit GPS-Sendern auszustatten, um sie nach Diebstählen orten zu können. Andere Initiativen setzen auf registrierte Rahmennummern, die bereits beim Kauf vom Händler in Listen erfasst werden.
Für den strampelnden Touristen ist Amsterdam ein Traum, da man sich in der Altstadt – ausser in wenigen Fussgängerbereichen – überall mit dem Rad bewegen kann. Man durchstreift Viertel wie den Jordaan, das Museumsquartier, de Pijp oder den Vondelpark und trifft immer wieder auf Cafés, Restaurants oder Trödelläden in alten, schmalen Bürgerhäusern mit schmucken Fassaden.
Fast gefährlicher als die Autos sind in Amsterdam die ansässigen VelofahrerInnen. Als FussgängerIn wird man ständig links und rechts überholt, und man wundert sich mitunter auch über den Zustand der fast durchwegs schwarzen, oft klappernden Vehikel. Immer wieder hört man quietschende Autoreifen, weil ein «Fietser» noch schnell vor einem Auto um die Ecke schiesst. Aber wahrscheinlich könnte der Radfahrer sowieso nicht bremsen.

Radeln ohne Gangschaltung

Gute oder taugliche Stadträder sieht man fast nicht, Rennräder oder Mountainbikes kommen nahezu nicht vor. Fast jeder Amsterdamer besitzt zwei «Fietsen», eines davon ist meist ein altes Oma-Rad für den Stadtbummel und zum Einkaufen. Dieses soll so unattraktiv wie möglich aussehen, gerade noch funktionieren, und selbst diese «Nutzfahrzeuge» werden mit wuchtigen Ketten gesichert. Denn wer sein Velo nicht doppelt abschliesst und ankettet, muss es vielleicht schon morgen von einem Hehler für zwanzig Euro wieder zurückkaufen.
Immer wieder kreuzen auffällige «Bakfiets» unseren Weg, träge Transporträder mit einer grossen Holzkiste («bak») zwischen den beiden Vorderrädern, in denen Studenten ihren Umzug, Handwerker ihr Material und Mütter ihre Kinder transportieren. Der Hersteller De Fietsfabriek baut moderne «Bakfietsen» nach alten Vorbildern.
Plant man keine grösseren Touren ins Umland oder zu den Nordsee-Inseln, kann man sein eigenes Rad zu Hause lassen. Der grösste Velovermieter in Amsterdam, McBike, verfügt über 1200 Räder an vier Stationen – und das zu moderaten Grundpreisen von 36 Franken für fünf Tage. Zwar sind die meisten Mietvelos einfache Hollandräder, doch im topfebenen Amsterdam, wo die Brückenauffahrten die steilsten Passagen sind, braucht man auch keine Gangschaltung. Das obligatorische Kettenschloss wird vom Vermieter dazu geliefert. Bleibt dann nur das Parkplatzproblem.

Mit diesem Artikel schliessen wir die Serie über die velofreundlichen Millionenstädte.

Velo-Vermietung in Amsterdam

McBike: Hauptbahnhof oder Mr. Visserplein 2, Tel. 0031 20 620 0985, www.mcbike.nl
Dieser Vermieter bietet auch verschiedene geführte Touren und Kartenmaterial an. Beispielsweise eine 30-Kilometer-Runde, auf der man einen guten Einblick in die zeitgenössische Architekturszene der Niederlande erhält.
Yellow Bike: Nieuwezijds Voorburgwal 66,
Tel. 020/6206940, www.yellowbike.nl
Radshop De Fietsfabriek: 1e Jacob van Campenstr. 27,
www.fietsfabriek.nl
Karte: Cityplan für Fietser mit Fahrradrouten, Verleihstationen und Reparaturmöglichkeiten, erhältlich im Buchhandel oder beim Fietsersbond, Fr. 4.50.

Internet:

www.ivv.amsterdam.nl/fiets
www.fiets.amsterdam.nl
www.fietsendiefstal.nl
www.fietsersbond.nl
www.locker.amsterdam.nl
http://afac.amsterdam.asp4all.nl
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