Politik

Der beste Helm ist die Autokarosserie

Der neue Massnahmenkatalog zur Verkehrssicherheitspolitik liegt vor. Mitte September hat das Bundesamt für Strassen einer breit abgestützten Begleitgruppe, der auch die IG Velo angehört, den Bericht vorgestellt. Zu reden gab im Vorfeld unter anderem die Einführung der Velohelmpflicht. Pete Mijnssen
Die Velohelmpflicht-Debatte ist Anfang Jahr vorzeitig an die Öffentlichkeit gelangt. Grund dafür war ein amtsinternes Vorpreschen beim Bundesamt für Strassen (Astra) – gegen die Empfehlungen der Fachleute im Begleitausschuss. Dieser Effekt bewirkte, dass die kürzliche Medienmitteilung des Astra zur Verkehrssicherheitspolitik (Vesipo) wiederum breit in den Medien diskutiert wurde. Aus den rund hundert Ideen werden zurzeit vor allem zwei Massnahmen heftig diskutiert: ein absolutes Handyverbot im Auto und die Velohelmpflicht.
Letzteres beschäftigt Veloverbände und die Branche generell. Es wird befürchtet, dass mit einer Helmpflicht das Velo unattraktiver wird und die Veloförderung damit einen Rückschlag erleiden könnte.

Wink mit dem Zaunpfahl

Für Wirbel sorgte zudem, dass der neue Vesipo-Katalog ein mehrheitliches Tragen des Velohelms auf freiwilliger Basis postuliert. Konkret: Wenn bis 2012 nicht mindestens die Hälfte aller Velofahrenden einen Helm aufsetzen, wird er zur Pflicht. Das ist zwar «nur» ein Wink mit dem Zaunpfahl an die Zweiradgemeinde, stellt aber eine eigentliche Umkehrung der Politik der bisher federführenden Beratungsstelle für Unfallverhütung (bfu) dar. Diese postulierte bisher, dass ein Obligatorium erst dann eingeführt werden sollte, wenn rund vierzig Prozent der Radler bereits mit Helm fahren und mindestens sechzig Prozent ein Obligatorium befürworten.
Die IG Velo stellt sich grundsätzlich positiv zu den meisten der vom Bund vorgeschlagenen Vesipo-Massnahmen. Präsidentin Jacqueline Fehr: «Mit der Senkung der Geschwindigkeit und mit der Verbesserung der Fahrfähigkeit von Motorfahrzeugführenden können Menschenleben gerettet und das Verkehrsklima insgesamt verbessert werden.»

Helm tragen ja – Helmpflicht nein

Grundsätzlich begrüsst auch die IG Velo die Förderung des Helmtragens, lehnt jedoch jede Art von generellem Velohelmzwang ab. Fehr: «Ein Helmobligatorium bringt für die Gesundheit und für die Sicherheit gesamthaft mehr Nachteile als Vorteile. Die Erfahrungen mit Helmzwang in anderen Ländern zeigen, dass viele Menschen dann nicht mehr Velo fahren und sich dadurch weniger bewegen als vorher. Es ist zudem zu befürchten, dass ein Helmzwang die Haftung nach Unfällen grundsätzlich verändert, dass mit einem Helmobligatorium Eltern ihre Kinder vermehrt vom Velofahren abhalten werden und sie mit dem Auto zur Schule oder ins Training bringen». Damit würde sich die Unfallgefahr für die verbleibenden Velofahrerinnen und Velofahrer erhöhen, weil sie als Verkehrsgruppe weniger sichtbar sind. Generell besteht für Jacqueline Fehr mit einer Helmpflicht die Gefahr, dass das wichtige Thema Verkehrssicherheit auf eine individuelle Ebene verschoben wird. Mögliche Folge könnte zum Beispiel die Reduktion von Versicherungsleistungen bei Unfällen sein.
Fragt sich zudem, wer eine allfällige Helmpflicht durchsetzen soll. Die Polizei ist auf zusätzliche Positionen im Bussenkatalog gar nicht erpicht. Das Beispiel Abschaffung der Velonummern Ende der Achtzigerjahre zeigt, wie mit einer Gesetzesänderung nur zusätzliche Probleme geschaffen wurden. Heute schlagen sich die Polizeiorgane mit dem Problem herum, dass die Hälfte der Velos ohne gültige Vignette herumfahren. Bei den Lichtanlagen sieht es ähnlich aus.

Sicherheitsnetz gefordert

Grösseren Wert legt die IG Velo deshalb unter anderem auf die Ausbildung der Velofahrenden. Diese muss in der Schule gewährleistet sein, soll aber auch die Eltern als wichtigste «Ausbildner» und Vorbilder der Kinder einbeziehen. Zudem muss vermehrt ein Ausbildungsangebot für Erwachsene geschaffen werden, das die Verkehrsregeln und die sicheren Verhaltensweisen lehrt. Das freiwillige Tragen eines Velohelms ist nur ein Beispiel einer solchen Verhaltensweise. «Wir betrachten die Velofahrenden als integrierten Bestandteil einer vernünftigen Mobilitätspolitik und nicht als Minderheit, die man nach Gutdünken an den Strassenrand drückt», sagt Jacqueline Fehr.

Aus dem Vesipo-Bericht

Erhöhung der Velohelmtragquote:
«Das Tragen eines Helmes beim Velofahren wird verstärkt gefördert. Gelingt es nicht, ein mehrheitliches Tragen des Velohelms auf freiwilliger Basis zu erreichen, wird die Tragpflicht eingeführt.» (Massnahme 407)

Mobilitäts- und Sicherheitserziehung auf allen Schulstufen:
«Die Kantone müssen Verkehrserziehung in den obligatorischen Lehrplan aufnehmen. Bei bestehenden Strukturen sollen diese beibehalten und eventuell ausgebaut werden. Die Ausbildung hat durch externe Fachleute in den Schulen zu erfolgen. Auch für die nachobligatorischen Schulen sind entsprechende Module adressatengerecht einzusetzen. Dabei sollen auch die Folgen von Regelverletzungen thematisiert werden.» (Massnahme 403)
Abo
Kein Flash-Player installiert.

Nachrichten

15.05.2012:
11.05.2012:
8.05.2012:
Bild
Bild
Bild
Bild
Bild
Bild
© 2011 velojournalImpressum