Schwerpunkt
Aufstand gegen neue Parkplatzregime
Für Velos wirds eng – vorab rund um die Schweizer Bahnhöfe. Velo-Kurzzeitparkplätze, Parkgebühren, Videoüberwachung und Abtransport von falsch geparkten oder zu lange herumstehenden Velos lösen Unmut aus. Doch wie lässt sich das Problem des Parkplatzmangels lösen? Dave Durner
Bern, ein Montagabend Ende August: Einige hundert VelofahrerInnen
demonstrieren mit lautem Glockenklingeln gegen das neue Parkregime. Auf
Transparenten fordern sie eine attraktive Velostadt. Der konkrete Grund
des Unmuts: Neu dürfen Velos beim Bahnhof Bern nur noch auf den
markierten Plätzen für maximal vier Tage abgestellt werden. Falsch oder
zu lange parkierte Velos werden abtransportiert und können gegen eine
Mindestgebühr von 40 Franken wieder ausgelöst werden. Jeder Lagertag
kostet aber zusätzliche vier Franken. Wer also erst nach zehn Tagen das
Velo abholt, muss 80 Franken hinblättern. Unmut rief bei den
Protestierenden vor allem der Umstand hervor, dass vorerst nur der
repressive Teil eines Veloparking-Konzepts umgesetzt wird, das
versprochene Zusatzabgebot an Abstellplätzen aber noch auf sich warten
lässt. Und Bern ist nur ein Beispiel für den zunehmenden Druck auf die
Fahrradbenützer rund um die Bahnhöfe.
Wer nämlich mit dem Velo zum
Bahnhof fährt, will vor allem eines: sein Velo möglichst nah an den
Gleisen abstellen und zwar möglichst sicher und geordnet. Was einfach
und logisch tönt, wird zunehmend zum Problem. Denn der Platz nah bei
den Gleisen ist teuer und von verschiedenen Nutzergruppen heiss
begehrt. Nicht zuletzt stehen immer wieder Motorräder in den Rechen und
versperren mindestens zwei Veloplätze.
Keine einheitliche Lösung
Eine Ursache für den Platzmangel ist auch die Tatsache, dass viele
Velos in den Veloständern keine eigentlichen Fahrzeuge, sondern
«Stehzeuge» sind: Sie werden kaum bewegt. Am Bahnhof Stadelhofen in
Zürich – einer der Hotspots in Sachen Veloabstellplätze in der grössten
Schweizer Stadt – stehen sie durchschnittlich vier Tage. Dazu kommen an
vielen Orten noch die «Veloleichen».
Das knappe Angebot an
Abstellplätzen führt zu wild parkierten Velos und dies wiederum zu
Behinderungen für die SBB-KundInnen. Das Ganze sieht schlecht aus und
macht das Abstellen des Velos am Bahnhof unattraktiv und unsicher.
In kleineren Ortschaften ist Veloparkieren an Bahnhöfen kein – oder
noch kein – Thema. Anders sieht es in den Städten aus. So verschieden
die Situationen an den einzelnen Bahnhöfen sind, so unterschiedlich
sind die Problemlösungen. Am weitesten ist Luzern, dort existiert seit
vier Jahren eine bewachte Velostation am Bahnhof. Die Betreuer der
Station sorgen als «Veloordnungsdienst» dafür, dass «Leichen» und
Schrottmodelle regelmässig vom öffentlichen Parking vor dem Bahnhof
weggeräumt werden.
Am aktuellsten ist das Thema, wie erwähnt, in
Bern. Aber auch Winterthur macht mit einem Versuch zur Bewirtschaftung
von Veloabstellplätzen von sich reden: Auf der Stadthausstrasse werden
falsch oder länger als zwei Tage abgestellte Velos ebenfalls
abtransportiert. Allerdings wurden beim Bahnhof Winterthur zusätzliche
Veloparkplätze geschaffen. Seit Einführung des Versuchs wurden rund
sechzig falsch parkierte Velos entfernt, bei zu lange abgestellten
Velos drückte die Polizei bisher ein Auge zu.
In Zürich hält die
«Veloordnung», eine kleine Abteilung von Entsorgung und Recycling
Zürich, das latent drohende Totalchaos im Zaun. Mit teils spektakulären
Aktionen und unter Medienpräsenz zeigen die «Ordner», wie sie zu lange
abgestellte Velos von Ketten und Schlössern befreien und in ein
zentrales Lager bringen, wo sie – wie in Bern – künftig gegen eine
Gebühr von 50 Franken wieder abgeholt werden können. Bisherige
Erfahrungen zeigen allerdings, dass eingesammelte Räder von ihren
BesitzerInnen nur in Ausnahmefällen zurück geholt werden.
Ende
August hatte die Zürcher «Veloordnung» am Bahnhof Stadelhofen wieder
eine solche Aufräumaktion durchgeführt und dabei auch verraten, wie
kontrolliert wird: mit blauen Kreidemarkierungen an den Pneus. Wenn die
Markierungen nach sechs Wochen noch zu sehen sind, wurde das Velo nie
bewegt. Damit ist die «Veloordnung» vergleichsweise grosszügig: Die
Zürcher Polizeiverordnung limitiert nämlich die Abstellzeit auf
öffentlichen Plätzen auf einen Monat. Die entsprechenden Vorschriften
des Bundes enthalten hingegen keine konkreten Fristen.
Abhilfe
schafft aber nur ein grösseres Angebot an Plätzen. Doch die Zürcher
Pläne für gebührenpflichtige Kurzzeitparkplätze an bester Lage stecken
erst in der Anfangsphase. Spätestens mit der Eröffnung des neuen
Durchgangbahnhofs Löwenstrasse und der damit verbundenen Erhöhung der
Kapazität des Bahnknotenpunktes wird die Problematik jedoch akut
werden.
In Basel ist das neue unterirdische Parking am Bahnhof
bereits häufig ausgebucht, und es fehlen neben Kurzzeit-Veloparkplätzen
für Geschäftskunden auch Abstellplätze für PendlerInnen. Eine
Bewirtschaftung der bestehenden Plätze ausserhalb er unterirdischen
Velostation ist jedoch noch nicht im Gespräch.
Das Grundproblem bleibt bestehen
Die Abstellfrage lässt sich nicht lösen, wenn nicht erkannt wird, dass
es für eine sinnvolle Transportkette auch neue Regelungen braucht. Bis
heute sind die SBB nämlich nicht dazu verpflichtet, ihren Passagieren
Veloabstellplätze an den Bahnhöfen zur Verfügung zu stellen. Dabei
weiss man längst, wie wichtig der Zubringer zur Bahn ist – egal ob dies
ein Tram, ein Bus oder eben das Velo ist. Kommt dazu, dass die Zahl der
Zugpassagiere weiter wächst und damit auch die Zahl jener, die mit dem
Velo zu einem Bahnhof fahren. Es gilt deshalb rechtzeitig Lösungen zu
suchen und nicht so lange zuzuwarten, bis man die Wut der Velofahrenden
auf sich zieht, wie an jenem Montagabend im August in Bern.
Internet:
www.igvelobern.ch
www.igvelo.ch
www.sbb.ch/velo