Reisen
«Ychetrampet» – mitten in Gotthelfs Welt
Die «Herzroute» ist nicht die schnellste, aber eine der schönsten Velowanderrouten. Sie führt auf 55 herzerwärmenden Kilometern durchs Luzerner Hinterland, den bernischen Oberaargau und durchs Emmental. Gaby Kindler (Text und Fotos)
«Nach
Lützelflüh? Mit dem Velo? Gott helf …», witzelt Erwin, als er vom
Projekt «Herzroute» das erste Mal hört. Mitkommen will er aber
trotzdem. Die anmächelig ausgearbeitete Routenkarte hat ihn neugierig
gemacht. Dass in diesem Jahr auch noch der 150. Todestag des bekannten
Lützelflüher Pfarrers und Schriftstellers gefeiert wird, spricht
zusätzlich für eine Tour ins Emmental. Die 55 Kilometer scheinen mit
etwas «Geld und Geist» gut an einem Tag zu bewältigen zu sein.
Im
Bahnhof Willisau löst die Erwähnung unseres Vorhabens bei der
Schalterbeamtin eine Schrecksekunde aus. «Die Elektrovelos sind alle
weg. Die hätten Sie reservieren müssen!» Die Flyer-Elektrovelos haben
sich zum Publikumsrenner entwickelt. Die Schalterbeamtin ist
erleichtert über unseren festen Willen, die Route mit eigenen
Stahlrössern in Angriff zu nehmen.
Das im letzten Jahr 700-jährig
gewordene historische Städtchen durchqueren wir zügig. Nur wenig
erinnert an die beiden Stadtbrände 1471 und 1704, denen vier Fünftel
der Häuser zum Opfer gefallen sind. Die vielen Sehenswürdigkeiten? Ein
andermal. Vielleicht Ende August, mit einem Ohr voll Jazzfestival.
Die erste Abzweigung verpassen wir glatt. Doch bald sind wir eingespurt
auf die gelben Herzroutensignale am Boden, die das Kartenstudium
beinahe überflüssig machen. Die zugehörigen, träfen Hinweise sind
jedoch informatives Zusatzfutter für unterwegs.
Auf der Allmend
(700 m ü.M.) lässt sich der erste schöne Rundblick geniessen. Kein Auto
stört die Atempause nach der ersten Steigung. Nach der Abfahrt nach
Zell folgt bald Hüswil (sprich Hüsu), wo es nach dem Gasthaus Engel
(indonesische Spezialitäten!) wie angekündigt «blödsinnig steil» nach
oben geht. Vor Schönentüel tut sich linker Hand als Belohnung ein
herrlicher Blick auf das Dörfchen Ufhusen auf; kurz darauf lockt ein
idyllisches, unter einer riesigen Linde platziertes Holzbänkchen zur
Znünirast. Kaum haben wir die Kantonsgrenze hinter uns gelassen, tönts
auf der Weiterfahrt nach Gondiswil vor uns: «Gang itz äntlech zum Wäg
us, du Löu!» Gemeint ist ein vierbeiniger, etwas sturer «Bärner Gring»,
der «seine» Strasse gegen fremde Fötzel zu verteidigen weiss.
Zeitreise zu Ueli dem Knecht & Co.
Via Auswil und Wyssbach rollen wir gut vier Kilometer nach Madiswil
hinunter. Die Vorbeifahrt an behäbigen Berner Bauernhäusern mit üppigem
Blumenschmuck und prächtigen Gärten geniessen wir in vollen Zügen. An
jenem Brunnen traf sich doch Ueli mit Vreneli, hinter dem schmucken
Spycher gab Elsi, die seltsame Magd, ihr dunkles Geheimnis preis.
Unversehens sind wir mitten in Gotthelfs Welt ychetrampet.
In
Rütschelen beginnt eine längere Aufstiegsstrecke. Langsam knurrt der
Magen, doch es ist wie verhext: kein lauschiges Holzbänkli mehr weit
und breit. Also pedalen wir weiter, das mit «sorry» angekündigte
Strassenstück in Richtung Linden heizt in der Tat ziemlich ein; erst
nach der Abzweigung Oschwand gibts wieder Schatten. Die nun folgende
Streckenführung lässt uns den Hunger glatt vergessen. Durch Wäldchen,
ein langes Stück über eine herrliche Naturstrasse, legen wir beinahe
zwei Drittel der Strecke zurück, bis Erwin endlich unser Mittagsbänkli
erspäht. Im Schatten neben Ginster, unter Feldahorn und Traubeneiche
(Erwins Försterherz schlägt merklich höher) schmeckt «Chäs u Brot»
unvergleichlich. Gestärkt nehmen wir die letzte Etappe unter die Räder.
«Die schwarze Spinne» auf kroatisch
Via Rysch- und Lünschberg gehts mehrheitlich asphaltierten Wanderwegen
entlang, der «Lueg» (830 m ü.M.) entgegen. Vor Eggerdingen, auf einer
Hochebene, wogen sanft die Gerstenfelder, weiter hinten blickt man über
den Napf, an der Schrattenfluh vorbei bis in die Berner Alpen. Kein
Verkehr hier oben, nur wenige Wanderer unterwegs, wohltuende Stille.
In Affoltern, wo wir die Emmentaler Schaukäserei passieren, ist mehr
los. Hier tummeln sich carweise Schaulustige. Wir jedoch wittern unser
Ziel und erklimmen mit bereits etwas müden Beinen die letzte Steigung
zum Schufelbüel. Ein Blick hinunter nach Trachselwald, dann lassen wirs
steil abwärts in vielen Kehren «gängume» nach Lützelflüh sausen. Den
Zug Richtung Huttwil verpassen wir knapp und nutzen die Zeit für einen
Besuch in der Gotthelfstube, direkt neben dem Pfarrhaus. Neben der
Sonderausstellung «Begegnungen und Besuche im Pfarrhaus» gibts
sämtliche Gotthelfwerke im Original zu bestaunen, dazu Übersetzungen in
englischer, französischer, italienischer und gar kroatischer Sprache.
Wie es wohl wäre, die Strecke mal umgekehrt zu fahren, überlege ich bei
der Heimfahrt im Zug. «Mit einem Taufessen à la “Schwarze Spinne” als
währschaftes Zmorge – warum nicht?» meint Erwin.
Infos zur Tour
An- und Rückreise: Die
Herzroute kann dank der Anbindung an den öffentlichen Verkehr an
beliebigen Stellen gestartet bzw. unterbrochen werden. Von Lützelflüh
fahren Züge in Richtung Huttwil jeweils stündlich um .21 Uhr; nach
Langnau um .28 Uhr, nach Burgdorf um .16/.33 Uhr. Weitere Verbindungen
siehe Prospekt. Für kleinere Fahrstrecken bezahlt man statt dem
Velo-Tageszuschlag von 10 bzw. 15 Franken lediglich ein zweites
halbes/ganzes Streckenbillet.
Kulturelles:
Am 22. Oktober jährt sich der Todestag von Albert Bitzius alias
Jeremias Gotthelf zum 150. Mal. Aus diesem Anlass hat Fritz von Gunten
von der Kulturmühle Lützelflüh im Emmental ein reichhaltiges Programm
unter dem Motto «Auf dem Weg zum Original» zusammengestellt:
Ausstellungen, Predigten, Vorträge, Filme, Ausflüge,
Theateraufführungen und anderes mehr. Über dem Dorf Lützelflüh ist ein
grosses Dahlienbild mit 150 Blumen angepflanzt.
Die
«Lützuflüher-Spiulüt» zeigen die Theaterproduktion «Jeremias» nach dem
autobiografischen Roman «Der Bauernspiegel» von Jeremias Gotthelf im
Weiler Waldhaus bei Lützelflüh. Bis 3. August. (Vorverkauf und Infos
unter Tel. 034 461 81 73;
www.theater-luetzelflueh.ch).
Die Veranstaltungsbroschüre zum Gotthelf-Gedenkjahr ist erhältlich bei
Pro Emmental, 3550 Langnau, Tel. 034 402 42 52, oder unter
www.emmental.com/gotthelf.
Weitere Links: www.herzroute.ch www.flyer.ch