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Lauf, Rad, lauf!

Ausgabe 4/2004
Marius Graber, Fotos: Marcel Kaufmann
Ein Laufrad kommt dem Bewegungsdrang der Kinder entgegen. Die Zwei- bis Fünfjährigen entdecken damit die Balance auf zwei Rädern und erfahren die Leichtigkeit der lautlosen Mobilität. velojournal hat sieben Modelle von erfahrenen PilotInnen testen lassen.

Das Gefühl muss gut sein: Mit den Füssen zwei-, dreimal kräftig abstossen, und der Boden saust unter den Rädern hinweg. Aus eigener Kraft und schneller als die Erwachsenen laufen. Zum Bremsen gehen die Füsse einfach auf den Boden. Die simple Art, mit den Füssen zu beschleunigen und abzubremsen, entspricht den Möglichkeiten der Kinder. So gelingt es leicht, die Kontrolle über das Fahrzeug zu wahren. Die Kinder lernen Risiken abzuschätzen. Stürze gehören zwar auch beim Laufradfahren dazu, schwere Unfälle sind aber nicht bekannt.
Die unbändige Lust auf Bewegung kommt nicht von ungefähr, schliesslich wird dadurch die geistige Entwicklung der Kinder massgeblich unterstützt. Spielerisch werden Gleichgewichtssinn und Koordination gefördert. Beherrschen die Kinder das Laufrad, ist der Schritt zum Velofahren nicht mehr gross. Weil sie die Balance bereits beherrschen, sind Stützräder (im Fachjargon oft «Stürzräder» genannt) unnötig. Meist dauert es keinen halben Tag, und das Velofahren klappt.
Die Freude am Laufrad ist auch bei den Eltern gross: Mit dem Laufrad machen Spaziergänge allen Spass, die Kinder sausen, die Eltern können wieder einmal richtig zügig gehen. In der Not ist ein Laufrad leicht unter den Arm zu klemmen.
Die erfahrenen Testerinnen zwischen zweieinhalb und acht Jahren nehmen kein Blatt vor den Mund, und die Urteile sind klar: «megageil», «blöder Sattel», «obercool» oder gar: «Das gebe ich nicht mehr her.» In der Schlussbewertung liegen das Firstbike Street Innovation und das Puky LR-1 ganz vorne. Wirkliche Patzer leistet sich nur das Modell Miodrago. Seine Kunststoffbereifung bescherte ihm das Prädikat «lahme Ente». Das Modell ist zwar pannenfest, rollt aber deutlich schlechter als die anderen. Auch die spezielle Sitzverstellung des Miodrago stösst auf wenig Gegenliebe. Die Sattelneigung verändert sich unangenehm, und der Schwerpunkt wandert bei grossen Kindern sehr weit nach hinten, was sich negativ auf das Fahrverhalten auswirkt.
Die zweite «lahme Ente» war Speedy von Kettler, ebenfalls wegen seiner Kunstoffbereifung. Es war aber wegen seiner Kompaktheit bei den Jüngeren ausserordentlich beliebt.

Testsieg verschenkt

Das Laufrad-Urmodell Lika a Bike, der Wegbereiter für diese Fahrzeugklasse, verschenkte den Testsieg nur durch seine mühsame Sattelverstellung. Sein leichtes Gewicht ist nicht zu schlagen, und gäbe es einen Designwettbewerb für Laufräder, so hätte es bestimmt auch den gewonnen. Ein absoluter Klassiker ist es jedenfalls jetzt schon.
Der Test deckte einige Sicherheitsmängel auf, die eigentlich nicht sein müssten: Auf die Lenkerende gehören grosse Sicherheitsgriffe. Diese sind beim Miodrago etwas klein geraten, und beim Like a Bike fehlen sie ganz (sind aber in Vorbereitung). An den abstehenden Radmuttern des Kettler, Kinderleicht, Puky und Rennrad schlagen sich die Kinder die Füsse an, das müsste nicht sein. Hervorgehoben sei in diesem Zusammenhang noch das geschlossene Holzrad des Like a Bike, das ein Einklemmen der Finger zuverlässig verhindert.
Die geringe Verstellmöglichkeit der Sattelhöhe limitiert leider bei den meisten Modellen die Nutzungsdauer. Auch Kinder, die schon längst Velo fahren, flitzen noch immer gerne mit einem Laufrad herum. Löbliche Ausnahme: das Firstbike, das mit der einfachen Verstellschraube punktet. Für Zweijährige sind alle Modelle zu gross: für sie hätte der Sattel drei Zentimeter tiefer sein müssen, damit sie den Boden mit den Füssen gut erreichen.

Streitpunkt Bremse und Lenkeinschlag

Was viele erstaunt: Auch ohne Bremse kommen die Kinder mit den Laufrädern tipptopp zurecht. Wenn trotzdem eine Bremse gewünscht wird, überzeugt die als Option erhältliche Trommelbremse des Firstbike. Sie wirkt auf das Hinterrad, geht leicht, ist gut geschützt und benötigt kaum Wartung. Vorderradbremsen wie am Rennrad können von älteren Kindern bereits zum Blockieren gebracht werden – die Folge kann ein Sturz über den Lenker sein. Kinderleicht setzt ebenfalls eine Vorderradbremse ein, justiert sie aber so, dass ein Blockieren nicht möglich ist. Eine gute Lösung, welche aber darauf baut, dass niemand die Bremse verschlimmbessert. Als Vorbereitung auf die Handbremse beim Velo leisten die Bremsen aber besonders bei den grösseren Kinder einen wertvollen Beitrag.
Als einziger Laufradhersteller hat sich Puky gegen eine Lenkeinschlagbegrenzung entschieden. Die Überlegung: Bei einem Sturz soll sich der Lenker flach drehen können, damit er sich nicht in den Bauch der Kinder rammen kann. Die anderen Hersteller argumentieren, dass die Lenkeinschlagbegrenzung Unfälle verhindere, da der Lenker nicht durch eine Bodenunebenheit einschlagen kann. Fragt sich, welches Risiko grösser ist.
Kinderleicht kombiniert die Lenkeinschlagbegrenzung mit einem Lenker, der sich im Falle eines Falles wegdrehen kann. Eine gute Lösung, die aber davon abhängig ist, dass die Klemmkraft der Lenkerbefestigungsschraube immer genau justiert ist.

Das Urteil der Testfahrer

Als einziges Laufrad kann das Rennrad mit dem mitgelieferten Umbausatz vom Laufrad zum Velo umfunktioniert werden, man kauft also zwei Fahrzeuge in einem. Die Devise lautet: erst rennen dann radeln. Das relativ gross gebaute Rennrad kann allerdings erst von ältern Kindern benutzt werden. Durch den geringen Verstellbereich des Sattels ist die Nutzungsdauer des Fahrzeuges eingeschränkt, insbesondere bei montierten Pedalen. Eine als Zubehör erhältliche extralange Sattelstütze schafft Abhilfe. Für denselben Betrag (Rennrad plus lange Sattelstütze plus Ständer) gibts allerdings bereits ein Laufrad plus ein 12-Zoll-Kindervelo, die nacheinander eine längere Nutzungsdauer abdecken. Die TestfahrerInnen scherte das aber wenig, sie fanden das Rennrad das coolste: erster Platz in der Kinderwertung.
Der Renner bei den Kindern war das Rennrad, vor allem wegen seines Aussehens. Ebenfalls hoch im Kurs stand das Puky. Den ganz Kleinen gefiel das Kettler Speedy am besten, wohl wegen seiner Kompaktheit. In der Wertung liegen die Laufräder allesamt nahe beieinander, Puky und Firstbike siegen schliesslich knapp.

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