Test
Lauf, Rad, lauf!
Ein Laufrad kommt dem Bewegungsdrang der Kinder entgegen. Die Zwei- bis Fünfjährigen entdecken damit die Balance auf zwei Rädern und erfahren die Leichtigkeit der lautlosen Mobilität. velojournal hat sieben Modelle von erfahrenen PilotInnen testen lassen. Marius Graber, Fotos: Marcel Kaufmann
Das Gefühl muss gut sein: Mit den Füssen zwei-, dreimal kräftig
abstossen, und der Boden saust unter den Rädern hinweg. Aus eigener
Kraft und schneller als die Erwachsenen laufen. Zum Bremsen gehen die
Füsse einfach auf den Boden. Die simple Art, mit den Füssen zu
beschleunigen und abzubremsen, entspricht den Möglichkeiten der Kinder.
So gelingt es leicht, die Kontrolle über das Fahrzeug zu wahren. Die
Kinder lernen Risiken abzuschätzen. Stürze gehören zwar auch beim
Laufradfahren dazu, schwere Unfälle sind aber nicht bekannt.
Die unbändige Lust auf Bewegung kommt nicht von ungefähr, schliesslich
wird dadurch die geistige Entwicklung der Kinder massgeblich
unterstützt. Spielerisch werden Gleichgewichtssinn und Koordination
gefördert. Beherrschen die Kinder das Laufrad, ist der Schritt zum
Velofahren nicht mehr gross. Weil sie die Balance bereits beherrschen,
sind Stützräder (im Fachjargon oft «Stürzräder» genannt) unnötig. Meist
dauert es keinen halben Tag, und das Velofahren klappt.
Die
Freude am Laufrad ist auch bei den Eltern gross: Mit dem Laufrad machen
Spaziergänge allen Spass, die Kinder sausen, die Eltern können wieder
einmal richtig zügig gehen. In der Not ist ein Laufrad leicht unter den
Arm zu klemmen.
Die erfahrenen Testerinnen zwischen zweieinhalb
und acht Jahren nehmen kein Blatt vor den Mund, und die Urteile sind
klar: «megageil», «blöder Sattel», «obercool» oder gar: «Das gebe ich
nicht mehr her.» In der Schlussbewertung liegen das Firstbike Street
Innovation und das Puky LR-1 ganz vorne. Wirkliche Patzer leistet sich
nur das Modell Miodrago. Seine Kunststoffbereifung bescherte ihm das
Prädikat «lahme Ente». Das Modell ist zwar pannenfest, rollt aber
deutlich schlechter als die anderen. Auch die spezielle Sitzverstellung
des Miodrago stösst auf wenig Gegenliebe. Die Sattelneigung verändert
sich unangenehm, und der Schwerpunkt wandert bei grossen Kindern sehr
weit nach hinten, was sich negativ auf das Fahrverhalten auswirkt.
Die zweite «lahme Ente» war Speedy von Kettler, ebenfalls wegen seiner
Kunstoffbereifung. Es war aber wegen seiner Kompaktheit bei den
Jüngeren ausserordentlich beliebt.
Testsieg verschenkt
Das Laufrad-Urmodell Lika a Bike, der Wegbereiter für diese
Fahrzeugklasse, verschenkte den Testsieg nur durch seine mühsame
Sattelverstellung. Sein leichtes Gewicht ist nicht zu schlagen, und
gäbe es einen Designwettbewerb für Laufräder, so hätte es bestimmt auch
den gewonnen. Ein absoluter Klassiker ist es jedenfalls jetzt schon.
Der Test deckte einige Sicherheitsmängel auf, die eigentlich nicht sein
müssten: Auf die Lenkerende gehören grosse Sicherheitsgriffe. Diese
sind beim Miodrago etwas klein geraten, und beim Like a Bike fehlen sie
ganz (sind aber in Vorbereitung). An den abstehenden Radmuttern des
Kettler, Kinderleicht, Puky und Rennrad schlagen sich die Kinder die
Füsse an, das müsste nicht sein. Hervorgehoben sei in diesem
Zusammenhang noch das geschlossene Holzrad des Like a Bike, das ein
Einklemmen der Finger zuverlässig verhindert.
Die geringe
Verstellmöglichkeit der Sattelhöhe limitiert leider bei den meisten
Modellen die Nutzungsdauer. Auch Kinder, die schon längst Velo fahren,
flitzen noch immer gerne mit einem Laufrad herum. Löbliche Ausnahme:
das Firstbike, das mit der einfachen Verstellschraube punktet. Für
Zweijährige sind alle Modelle zu gross: für sie hätte der Sattel drei
Zentimeter tiefer sein müssen, damit sie den Boden mit den Füssen gut
erreichen.
Streitpunkt Bremse und Lenkeinschlag
Was viele erstaunt: Auch ohne Bremse kommen die Kinder mit den
Laufrädern tipptopp zurecht. Wenn trotzdem eine Bremse gewünscht wird,
überzeugt die als Option erhältliche Trommelbremse des Firstbike. Sie
wirkt auf das Hinterrad, geht leicht, ist gut geschützt und benötigt
kaum Wartung. Vorderradbremsen wie am Rennrad können von älteren
Kindern bereits zum Blockieren gebracht werden – die Folge kann ein
Sturz über den Lenker sein. Kinderleicht setzt ebenfalls eine
Vorderradbremse ein, justiert sie aber so, dass ein Blockieren nicht
möglich ist. Eine gute Lösung, welche aber darauf baut, dass niemand
die Bremse verschlimmbessert. Als Vorbereitung auf die Handbremse beim
Velo leisten die Bremsen aber besonders bei den grösseren Kinder einen
wertvollen Beitrag.
Als einziger Laufradhersteller hat sich Puky
gegen eine Lenkeinschlagbegrenzung entschieden. Die Überlegung: Bei
einem Sturz soll sich der Lenker flach drehen können, damit er sich
nicht in den Bauch der Kinder rammen kann. Die anderen Hersteller
argumentieren, dass die Lenkeinschlagbegrenzung Unfälle verhindere, da
der Lenker nicht durch eine Bodenunebenheit einschlagen kann. Fragt
sich, welches Risiko grösser ist.
Kinderleicht kombiniert die
Lenkeinschlagbegrenzung mit einem Lenker, der sich im Falle eines
Falles wegdrehen kann. Eine gute Lösung, die aber davon abhängig ist,
dass die Klemmkraft der Lenkerbefestigungsschraube immer genau justiert
ist.
Das Urteil der Testfahrer
Als einziges Laufrad kann das Rennrad mit dem mitgelieferten Umbausatz
vom Laufrad zum Velo umfunktioniert werden, man kauft also zwei
Fahrzeuge in einem. Die Devise lautet: erst rennen dann radeln. Das
relativ gross gebaute Rennrad kann allerdings erst von ältern Kindern
benutzt werden. Durch den geringen Verstellbereich des Sattels ist die
Nutzungsdauer des Fahrzeuges eingeschränkt, insbesondere bei montierten
Pedalen. Eine als Zubehör erhältliche extralange Sattelstütze schafft
Abhilfe. Für denselben Betrag (Rennrad plus lange Sattelstütze plus
Ständer) gibts allerdings bereits ein Laufrad plus ein
12-Zoll-Kindervelo, die nacheinander eine längere Nutzungsdauer
abdecken. Die TestfahrerInnen scherte das aber wenig, sie fanden das
Rennrad das coolste: erster Platz in der Kinderwertung.
Der
Renner bei den Kindern war das Rennrad, vor allem wegen seines
Aussehens. Ebenfalls hoch im Kurs stand das Puky. Den ganz Kleinen
gefiel das Kettler Speedy am besten, wohl wegen seiner Kompaktheit. In
der Wertung liegen die Laufräder allesamt nahe beieinander, Puky und
Firstbike siegen schliesslich knapp.
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