Reisen

Einmal rund um den Apple

Unglaublich, aber wahr: Ein Künstler veranstaltet Velotouren durch New York. Dabei entdecken die Radelnden den vom motorisierten Verkehr beherrschten Moloch von einer ganz neuen Seite. Ivo Mijnssen
In Brooklyn, in der Wohnung von Steve Silver, beginnt die Velotour durch New York City. Der 55-jährige Künstler wurde in der Bronx geboren, heute arbeitet und lebt er im siebten Stock eines ehemaligen Industriegebäudes. Er erzählt, wie er vor dreizehn Jahren auf die Idee kam, Velotouren anzubieten: «Die Leute nehmen New York selten als Velostadt wahr. Sie kennen vor allem die Fifth Avenue und den Times Square, dabei bietet die Stadt eine unglaubliche Vielfalt möglicher Routen.» Tatsächlich sind auf New Yorks Strassen über 320 Kilometer Velowege markiert.

«Velos bieten die Möglichkeit, die Stadt in ihrer Diversität aus einer einmaligen Perspektive wahrzunehmen», erklärt Silver. Um das Eintauchen in die Atmosphäre der Stadt möglich zu machen, wählt er für die Tour ein gemächliches Tempo, und sie dauert dann auch einen ganzen Tag.

Wo bleiben bloss die Gangstas?

Von Brooklyn aus nähern wir uns auf dem Velostreifen der Williamsburg Bridge Manhattan. Die Stadt saugt uns ein, rundherum die für New York so typische Kakophonie von Verkehrslärm, farbigen Ladenfenstern, Trottoirs voller Menschen, Sprachen und Zeichen – ohne sichtbare Ordnung zusammengewürfelt. Dieses kreative Chaos gibt den Velofahrenden eine für Schweizer Verhältnisse unvorstellbare Freiheit. Solange Platz da ist, darf man überall fahren, auf der Strasse, auf dem Trottoir, sogar auf der Spur des Gegenverkehrs. Langsam bewegen wir uns in Richtung Uptown, durch das geschäftige Greenwich Village, durch Chelsea und den Meatpacking District. Diese beiden Quartiere unterscheiden sich vom typischen Stadtbild in Manhattan. Durch einige Gebäude laufen Schienen, meist durch ehemalige Lagerhallen. Die Wände sind voll von Graffiti, daneben hängen Schilder von Kunstgalerien: In Chelsea boomt die Kunstszene, in den letzten zwanzig Jahren wurden hier an die 200 Galerien eröffnet.
Weiter gehts auf dem Hudson River Greenway. Diese Velo- und Fussgängerzone ist fast 18 Kilometer lang. Sie wird von bis zu 10 000 BikerInnen täglich benützt und ermöglicht es, den Hudson entlang durch ganz Manhattan zu fahren – autofrei. Wir fahren parallel zur Stadt, vorbei am ausrangierten Flugzeugträger Intrepid, dem Grab von Ulysses S. Grant (dem fast vergessenen Nachfolger von Abraham Lincoln). Schliesslich erreichen wir den Inwood Hill Park, wo die Holländer 1626 für 60 Gulden Manhattan den Alonquin-Indianern abkauften. Kaum zu glauben, dass wir uns an diesem Punkt immer noch in einer Stadt mit 16 Millionen EinwohnerInnen befinden.
Allerdings beginnt New York nur wenige hundert Meter weiter oben wieder, über die Broadway Bridge fahren wir hinunter in die Bronx. Auch dieses Quartier entspricht nicht dem Klischee: Weder brennt die Bronx noch ist sie voller Gangstas und Drogenabhängiger. Das Quartier wirkt eher kleinstädtisch, mit vielen Holzhäusern im New-England-Stil, auf deren Verandas Menschen grillieren und Musik hören. Die Atmosphäre ist gemütlicher als in Manhattan, das Leben etwas gemächlicher, mit weniger Verkehr und mehr Autos mit lauter Hip-Hop- und Tropicalia-Musik und offenem Dach. Schliesslich kehren wir per U-Bahn nach Brooklyn zurück. Es bleibt das Gefühl, an diesem Tag eher einen Landesteil als eine Stadt durchkreuzt zu haben, auf eine entspannende und trotzdem äusserst intensive Art und Weise.

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Die Tour

Manhattan auf zwei leisen Rädern: Start ist in Williamsburg, Brooklyn, dann gehts im Uhrzeigersinn weiter.
Baumeler organisiert die «New York City by Bike»- Touren mit Steve Silver.
Info: 041 418 65 78
www.baumeler.ch
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