Dr. V. Love

Dr. V. Love

Sehr geehrter Dr. V. Love
Eine Kurz-Umfrage in meinem RadlerInnen-Bekanntenkreis förderte zutage, dass die diesjährige Tour de Suisse neben der EM kaum Beachtung fand. Hat die Radfahrergemeinde den Radsport zugunsten des runden Leders verraten? Und: Wie könnte dieser Loyalitätskonflikt gelöst werden?
Köbi L., Bärlach


Sehr geehrter Köbi L.
In Tat und Wahrheit fragen Sie mich, ob man gleichzeitig Velofahrer und Fussballer sein kann. Vordergründig sind die Gemeinsamkeiten gross: Bei beiden Sportarten kommt es vor allem auf die Beine an, und bei beiden ist Teamarbeit gefragt. Die Mittel zum Zweck sind also soweit ähnlich. Doch ist dies nicht der Fall beim Zweck an sich: Der Fussball ist wie ein Grabenkrieg; ständig rennen die beiden Teams wie Armeen gegeneinander an, ohne grossen Platzgewinn, rackern sich ab, schiessen manchmal Tore, die den Sieg trotzdem nicht garantieren, und das alles in einem geschlossenen Hexenkessel. Eine Velotour hingegen ist vorwärtsgerichtet, eine eigentliche Allegorie für das Leben, voller steiler Aufstiege und gefährlicher Abfahrten, welche immer die Gefahr eines Sturzes bergen. Nationale Trennlinien werden aufgeweicht, und manchmal müssen Fahrer sogar über die Teamgrenzen hinweg zusammenarbeiten. Nur der Kampf gegen die Zeit ist einsam; so zeigt uns das Zeitfahren, dass wir alle sterblich sind und trotzdem gewinnen können.
Sie sehen also, dass der Loyalitätskonflikt real ist. Es ist ein Konflikt zwischen progressiven und reaktionären Menschen, zwischen zielgerichtetem und sinnlosem Handeln.
Allerdings bleibt die Frage, weshalb trotzdem alle Fussball schauen. Nun, vielleicht ist die Welt einfach noch nicht bereit für die Freiheit; der klare Rahmen des Fussballspiels und das Gefühl der Zusammengehörigkeit, selbst wenn es nicht immer vorwärts geht, vermitteln eine gewisse Sicherheit, welche das Radfahren nicht vermitteln kann. Diese Gefühl ist aber ebenso selten wie Spiele der Nationalmannschaft. Velorennen hingegen finden jedes Jahr statt. Sie können also darauf zählen, dass es vorwärts geht, sowieso.

Ihr Dr. V. Love

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