Schwerpunkt
Barcelona entdeckt das Velo
Trotz überbordendem Auto- und Töffverkehr will Barcelona zur Velostadt werden. Verwaltung und Lobby-Organisationen unternehmen einiges, vor allem im laufenden Sommer, rund um die Nachhaltigkeits-Kongresse des «Forums 2004». René Hornung
Eines Morgens reiben sich die Hausbewohner überrascht die Augen: Ihre
Velos sind weg, die Ketten und Schlösser mit Eisensäge und -schere
zerschnitten. Die bicis liegen draussen auf dem Abfallcontainer. Ihr
Sohn habe jetzt halt mal aufgeräumt, bescheidet die portera kühl den
protestierenden Mietern. Die Dame, die da den ganzen Tag über in ihrem
Kabäuschen unten im Entrée des Jugendstilhauses sitzt, hatte immer
wieder über die am Treppengeländer angeketteten bicis geschimpft. Dabei
sind da Quadratmeter ungenutzten Raumes. – Wenn Esther Boada von der
Velovermietung und Lobby-Organisation un coche menys («ein Auto
weniger») in Barcelona solches hört, zuckt sie nur mit den Schultern:
«Es gibt noch viel zu tun.» Doch inzwischen tut sich in Sachen
Veloförderung einiges.
Wer Barcelona kennt, weiss: Die Altstadt mit ihren extrem engen Gassen
ist fast durchwegs eine Fussgängerzone und alles andere als ein
Paradies für Velos. Die streng quadratisch angelegte Neustadt, das
Eixample, ist es noch viel weniger. Als ab 1859 Ingenieur Ildefonso
Cerdà diese Stadterweiterung plante, waren bicis kein Thema. Die
Häuserblocks im Eixample messen alle genau 133 Meter, mit
abgeschnittenen Ecken. Der Verkehr wird – ein paar grosse Achsen
ausgenommen – in Einbahnstrassen geführt. Wellenartig braust bei Grün
jeweils eine Verkehrslawine an. Wehe dem Velofahrer, der das kurze
Rennen auf mehreren parallelen Spuren bis zum nächsten Rotlicht stört.
«Forum 2004» als Auslöser
Trotzdem
– so findet die Stadtverwaltung – sollte auch in Barcelona mehr Velo
gefahren werden. Diesen Frühling wurde eine ganze Reihe von Aktionen
angerissen – teils in Zusammenarbeit mit den örtlichen
Velolobby-Organisationen. Anstoss gibt unter anderem die
Grossveranstaltung «Forum 2004», eine Reihe von Ausstellungen und
Kongressen, die sich mit nachhaltiger Entwicklung beschäftigen. Auf
einem bisher weit gehend brachliegenden Gelände am Meer im Norden der
Stadt ist (teils als Deckel über der Kläranlage) ein Kongress- und
Ausstellungsgelände entstanden. Die grosse, leuchtend blaue Halle wurde
von den Basler Architekten Herzog und de Meuron gebaut. Hier finden die
Vorträge statt. Draussen auf dem Gelände setzen sich die
Nichtregierungsorganisationen für eine gerechtere Entwicklung in der
Welt und für mehr Umweltschutz ein.
Helme und Versicherung
Vor fünf Jahren ging ein Aufschrei durch die Veloszene: Spanien führte
als erstes europäisches Land die Helmtragpflicht ein. Zwar wurde das
entsprechende Gesetz verabschiedet, doch in Kraft ist es nicht: Die
dazugehörige Verordnung wurde nicht revidiert. Städtische Gebiete sind
ohnehin von der Helmtragpflicht ausgenommen.
Andererseits gibt es
für Velofahrende auch keine Pflicht, sich zu versichern. Die
Veloverbände bieten ihren Mitgliedern aber Haftpflichtversicherungen
oder die Registrierung ihres Fahrzeuges im Falle eines Diebstahls an.
Zu einer solchen Ausstellung braucht es auch ein nachhaltiges
Verkehrsmittel, meinen Barcelonas Stadtväter. Deshalb führt nicht nur
eine neue Tramlinie zum Gelände, sondern man kann mit Gratisvelos
(gesponsert von Dahon) aus dem Stadtzentrum auch mit eigener Kraft zum
«Forum» strampeln. Die Veloausgabe findet man an drei prominenten
Punkten in der Stadt. Dort steht jeweils ein ciclobus, ein zur
Velogarage umgebauter Stadtbus. Wer von hier zum gut vier Kilometer
entfernten Forum fährt, ein Eintrittsticket kauft und das Velo innert
einer Stunde wieder zurückgibt, zahlt nichts. Die gleiche Regelung gilt
auch für die Rückfahrt ins Stadtzentrum.
Staunen über Velostadtplan
Der
Velostadtplan Barna bici hilft den Weg aus dem Zentrum zum «Forum 2004»
zu finden. Allerdings reibt man sich verwundert die Augen: Rund zwei
Drittel der hier eingezeichneten Routen sind rot markiert und erst
previsto, erst vorgesehen. Die Velofahrt zum Ausstellungsgelände ist
denn auch noch mit einigen Hindernissen gepflastert. Von hupenden Autos
verjagt, flüchten wir uns immer wieder aufs Trottoir oder überqueren
Kreuzungen auf dem Fussgängerstreifen, das Velo stossend. Und auch die
Fahrt entlang der Strandpromenade entpuppt sich keineswegs als reine
Spazierfahrt: Hohe Randsteine, enge Brücken und viel Fussvolk machen
auch diesen Weg nicht zur idealen Route – aber sie soll es noch werden,
wenn man dem Bici-Plan glauben darf, der uns für die nächsten Jahre die
Fertigstellung von 200 km Velowegen in der Stadt verspricht.
Die
städtische Kommission für Fussverkehr und Velos (Comissió Civica del
Vianant i de la Bicicleta) jedenfalls will vorwärts machen. Barcelona
ist seit der Velomondial-Konferenz im Jahr 2000 Mitglied dieser
Dachorganisation und will sich auch im Rahmen der «Agenda 21» und der
Aktionen von «critical mass» für den umweltschonenden Verkehr
einsetzen. Zum dritten Mal hat dieses Jahr eine Velowoche
stattgefunden, und eben hat die Stadt ein Lehrmittel zur
Umwelterziehung herausgegeben, das auf die Vorteile des Veloverkehrs
hinweist: «Angesichts der Durchschnittsgeschwindigkeit der Autos in der
verstopften Stadt von nur 21,6 km/h ist man mit dem Velo praktisch
gleich schnell», liest man hier – vorausgesetzt, es gibt ein
Durchkommen, denken sich die Velofahrenden.
«Ziga-zagues»-Fahrstil
Denn
noch klemmts an zu vielen Stellen: Velowege enden oft abrupt vor
grossen Kreuzungen oder Verkehrskreiseln. Ampeln bevorzugen die Autos,
und erst wenige Velofahrer wagen sich auf die unmarkierten Strassen.
Das hängt nicht zuletzt mit dem spanischen Autofahrstil zusammen: Die
Jungen fahren in der Regel zuerst ein moto und schlängeln sich damit in
oft waghalsigem Zickzack durch die Kolonnen. Wenn sie später aufs Auto
umsteigen, behalten sie diesen Fahrstil bei, wechseln blitzschnell und
ohne Blinker die Spur – heikle Situationen für Velofahrende sind
alltäglich.
Nur die Velofahrenden selbst sind ausdrücklich
angehalten, sich in gemischten Verkehrszonen mit Fussgängern der
Ziga-zagues-Fahrerei (so der katalanische Ausdruck) zu enthalten. Ihnen
bleibt nur, sich mit der nötigen Portion Selbstbewusstsein und mitten
auf der Spur Respekt zu verschaffen. Denn vor Kratzern in ihren
glänzenden Karosserien haben auch die Autofahrer in Barcelona am
meisten Angst und vermeiden deshalb jeden näheren Kontakt mit Velos.
Wer nicht so mutig ist, steigt öfter ab. Vor allem dann, wenn man sich
auf der Hauptachse, auf dem diagonal, bewegt. Diese Strasse
durchschneidet das rechtwinklige Strassenraster des Eixample, und es
entstehen allein schon deshalb komplizierte Kreuzungssituationen. Fast
überall enden hier die Velowege noch im Nichts.
Grassierender Veloklau
Nicht
nur das noch lückenhafte Velowegnetz trübt den Fahrspass in der
Vier-Millionen-Agglomeration am Mittelmeer. Der grassierende Veloklau
macht es vor allem nachts praktisch unmöglich, ein Fahrrad im Freien
stehen zu lassen, selbst wenn es mit zwei Schlössern an einem
Veloständer gesichert ist. Doch wohin mit dem bici, wenn die Portera so
velofeindlich ist, oder wenn die Treppenhäuser in den Altstadthäusern
zu schmal sind? «Inzwischen gibt es gut 5000 Veloabstellplätze, 600
davon in Garagen», brüstet sich die Stadt im erwähnten neuen
Lehrmittel. Dort kostet die Monatskarte mindestens 11 Euro, in den
ersten privaten bici parkings bis zu 15 Euro. Und dafür gibts nur
bescheidenen Komfort: einfachste Haken, enge Treppen, kleinste Räume
mit knapp lenkerbreiten Durchgängen. Doch der grassierende Vandalismus
auf der Strasse führt selbst in diesen Parkings zu Platznot.
So
wundert es nicht, dass auch tagsüber auf den vielen Zweiradparkplätzen
meist nur ein paar wenige Velos neben Dutzenden von motos stehen.
In einem allerdings ist uns Barcelona meilenweit voraus: beim
Velotransport in der Bahn. In der Metro ist – ausser zu Stosszeiten –
der Gratisverlad erlaubt. In den Staatsbahnen Renfe darf man unter der
Woche zwar die Velos nur von 10 bis 15 Uhr mitnehmen, aber am
Wochenende ist auch hier der Verlad jederzeit frei und gratis. Am
grosszügigsten aber ist die S-Bahn Barcelonas, die Ferrocarrils de la
Generalitat. In diesen Zügen gibts extra Veloplätze, und der Verlad ist
gratis.
Modalsplit ist unbekannt
Dass
sich der Modalsplit zugunsten der Velos verändert, dafür setzen sich
neben der Stadt auch die zwei Lobby-Organisationen ein: die amics de la
bici und der Bicicleta Club de Catalunya (bacc). Genaue Zahlen zum
Veloanteil im städtischen Verkehr gibt es allerdings bis heute nicht:
Die Statistik weist pauschale 35,4 Prozent der Transporte zu Fuss und
mit dem Velo aus, 40,6 Prozent nutzen den ÖV, 24 Prozent ist
Individualverkehr.
Mit in der Velolobby dabei ist auch Esther Boada
von un coche menys. Seit 1995 vermietet sie im Borne-Quartier Velos und
rüstet ganze Intensivkurse mit Zweirädern aus: «Die Manager gönnen sich
dann die Abwechslung vom Kongress und kurven mit den bicis auf dem
Montjuïc herum oder absolvieren eine der zahlreichen
Velo-Stadtrundfahrten», schildert Esther Boada.
Die Stadttouren
auf Velos schaffen Präsenz und verleiten vielleicht den einen oder
anderen Autofahrer zum Umsteigen. Auch die vorbeiflitzenden Velokuriere
oder die seit Mai verkehrenden Trixi-Velotaxis tragen zur Velopräsenz
bei. Trixi ist in Barcelona mit sechs Chauffeuren gestartet, erstmals
in einer Stadt im südlichen Europa. 1,50 Euro pro Kilometer kostet die
Fahrt. Und nicht zu vergessen: Spanien ist auch eine Velorenn-Nation,
und Barcelona bietet zahlreiche Veloevents in der Umgebung an. Für die
FreizeitfahrerInnen wird aufs nächste Jahr hin die Ronda verde zu Ende
gebaut, eine Route durch die Hügel rund um die Stadt, sowie weitere
Routen in der Umgebung, die zum Teil auf früheren Bahntrassees
verlaufen.