Schwerpunkt
SBB ohne Musikgehör
Der Protest gegen die Einführung der kostenpflichtigen Veloreservation in ICN-Zügen reisst nicht ab. Bisher mit wenig Erfolg. Ab Dezember 2004 verkehren auf der Jurasüdfusslinie im überregionalen Verkehr nur noch die ungeliebten Neigezüge. Auch Richtung Süden sieht es schlecht aus. Stephan Dietrich
30000 Personen haben bis heute die von velojournal und IG Velo
ergriffene Petition «JA zu Bahn und Velo» unterschrieben. Ziel bis zum
auf Ende Juni verlängerten Übergabetermin sind 40000 Unterschriften.
Auch auf der velojournal-Homepage treffen regelmässig neue Kommentare
und Erfahrungsberichte ein. «Unflexibel und schikanös», «praxisfremde
Managerlösung», «eine riesengrosse Frechheit», «unzumutbar», «viel zu
teuer», das sind nur einige, der – von wenigen Ausnahmen abgesehen –
nicht gerade wohlwollenden Prädikate, mit denen erboste Velofahrende
ihrem Ärger über die Reservationspflicht in ICN-Zügen Luft machen. Zum
Beispiel Peter Meyer aus Basel. Er benutzt die Kombination Velo und Zug
zwischen Biel, Olten und Basel hauptsächlich beruflich, meist an
Werktagen, ausserhalb der Stosszeiten. «Zu diesen Zeiten ist es sehr
selten, dass auch nur einer der insgesamt zwölf Veloplätze in einer
ICN-Doppelkomposition belegt ist. Daher ärgert es mich, dass ich
zusätzlich zum GA (4700 Franken) und zum Velopass (195 Franken) noch
fünf Franken unnötige Reservationsgebühr bezahlen soll.» Sein konkreter
Vorschlag. Die ICN-Züge sollten mit einem Servicewagen oder zumindest
einem besseren Serviceabteil ausgerüstet werden. «Ich stelle mir eine
breite Türe vor, die sich auf Knopfdruck öffnet, wie die Laderampe
eines Lastwagens. Dann können Velos, Rollstühle, Kinderwagen oder auch
sperrige Sportausrüstungen schnell, und ohne Kraftakt verladen werden.
Das wäre kundenfreundlich und eine echte Förderung des öffentlichen
Verkehrs.»
Pack das Velo in den Thurbo
Velofreundlich
zeigt sich die SBB-Tochter Thurbo. Die in der Schweiz (Region Thurgau)
und teilweise in Deutschland tätige Zugbetreiberin ermuntert
Velofahrende, ihr Angebot zu nutzen, und hat gar einen Veloweg
eröffnet: Die Strecke entlang der Eisenbahnlinie zwischen Radolfzell
und Stockach ist nun durchgehend als Thurbo-Radweg ausgeschildert.
Zudem hat Thurbo die «Freizeitkarte Ostschweiz» herausgegeben, auf der
Wanderer, Skaterinnen, Velofahrerinnen und Biker interessante
Routenvorschläge finden.
Im Internet unter:
www.thurbo.ch
Spontane Ausflüge nicht mehr möglich
Solche
und andere Verbesserungen sind allerdings nicht in Sicht. Im Gegenteil.
Ab Fahrplanwechsel im Dezember 2004 verkehren auf den Strecken
Zürich–Biel–Genf und Basel-Biel-Genf im überregionalen Verkehr nur noch
Neigezüge, statt wie bisher abwechselnd ein normaler Zug und ein ICN.
«Schon heute ist es schwierig, auf dieser Strecke mit mehreren Personen
inklusive Velos im Voraus genügend Plätze zu reservieren», weiss Thomas
Ledergerber vom Velobüro Olten aus eigener Erfahrung. «Spontane
(Familien-)Ausflüge mit Zug und Velo von Zürich oder Basel an den
Bieler und Neuenburgersee werden – abgesehen vom horrenden Preis –
beinahe unmöglich.»
Lässt sich die Hinfahrt noch einigermassen
planen, sieht es für die Rückfahrt noch viel schlimmer aus. Der
bisherige Reiz einer Velofahrt mit Bahn oder umgekehrt, besteht
bekanntlich darin, dass man irgendwann mit dem Zug an den Ausgangsort
zurückfahren kann. Doch überschätzte Kondition, unterschätzte
Streckenlänge, attraktive Beizen oder Bekanntschaften, Plattfüsse,
Gewitter und andere nicht vorhersehbare Ereignisse, lassen auch die
besten Pläne zur Makulatur werden.
Spätestens an Ostern oder
Pfingsten 2005 dürfte es zwischen Basel, Biel, Yverdon und Zürich zu
chaotischen Verhältnissen kommen, es sei denn, die SBB überdenken ihre
Pläne, oder die bisherigen Velo-Bahn-Touristen steigen mit oder ohne
Fahrrad aufs Auto um. «Für Veloland Schweiz bedeutet die
Reservationspflicht in den ICN-Zügen einen grossen Rückschritt»,
bedauert Thomas Ledergeber.
Auch im Nord-Süd-Verkehr stehen
Velofahrenden schwere Zeiten bevor, wenn sie die Alpen nicht
schweisstreibend über-, sondern mit Zug und Velo bequem durchqueren
wollen. Denn für den grenzüberschreitenden Verkehr nach Italien wird in
Zukunft die Cisalpino AG, eine Tochter von SBB und Trenitalia,
zuständig sein. Wegen ihrer Kinderkrankheiten (die laut Spöttern
nahtlos in Altersbeschwerden übergegangen sind) geniessen ihre
«Pendolino»-Züge nicht den besten Ruf. Wegen des strikten Veloverbots
(gilt auch für Velosack) haben die Velofahrenden gar nichts vom
modernen Rollmaterial. Daran wird sich auch in Zukunft nicht viel
ändern. Für knapp eine halbe Milliarde Franken hat die Cisalpino AG bei
der französischen Alstom eine neue Generation von
Hochleistungs-Neigezügen für den Verkehr zwischen Süddeutschland und
Italien bestellt. Sie bieten deutlich mehr Komfort als die bisherigen
«Pendolini ETR 470». Ein Platz für Velos ist darin aber weiterhin nicht
vorgesehen. «Der verfügbare Platz ist angesichts der vielen anderen
Kundenbedürfnisse begrenzt, aber wir werden diesen Aspekt sicherlich
weiter prüfen», erklärt Cisalpino-Direktor Lucio Gastaldi gegenüber
velojournal.
Auch der Verkehrs-Club der Schweiz VCS wehrt sich in
einem Brief gegen die Verschlechterungen. Er schlägt ein Abteil vor,
das von Montag bis Freitag Geschäftsreisenden dient, am Wochenende
jedoch Touristen mit grossem Gepäck und Velos zur Verfügung steht.
Schlechte Aussichten
Schlechte
Aussichten nicht nur im internationalen Veloverladverkehr. Die gleichen
internationalen Züge sind auch für Velotouristen zwischen Schaffhausen
und Lugano oder zwischen Basel und Brig wichtig. Auch innerhalb der
Schweiz wird das Angebot also merklich schlechter. Eine kürzlich
geführte Aussprache von SP-Nationalrätin und IG-Velo-Schweiz
Präsidentin Jacqueline Fehr mit verschiedenen SBB-Exponenten ist
ernüchternd ausgefallen. Weil es sich um standardisierte Beschaffungen
handle, sei der Handlungsspielraum der SBB beschränkt, wurde ihr
mitgeteilt. «Wenn internationale Standards zur Norm werden, ist die
Gefahr gross, dass es nächstens zu einem weiteren Abbau der
Veloverladeangebote kommt», befürchtet Jacqueline Fehr.
Für Jürg
Tschopp, Consultant Verkehrspolitik des VCS, ist es unverständlich,
dass der Velotransport per Bahn immer mehr eingeschränkt werden soll,
obwohl sich dieser immer grösserer Beliebtheit erfreut. So haben in
Deutschland die Nachtzüge von CityNightLine letztes Jahr 11000 Velos
transportiert (2002: 7763), die deutsche Bahn verzeichnete einen
Zuwachs von 4000 auf 16000 radelnde Fahrgäste. Immer mehr deutsche
Tourismusregionen entdecken den Velotourismus. Als Vorbild gilt nicht
zuletzt Veloland Schweiz.
Velofahrer wehrt sich
Veloland
aber droht zu einem Flickwerk zu verkommen. Im kleinen Grenzverkehr am
Lago Maggiore – zwischen Bellinzona und Luino – gähnt weiterhin das
schwarze Loch. (vgl. velojournal 5/03, «Wo der Veloverlad baden geht»).
Allen Versprechungen zum Trotz ist auch hier keine Besserung in Sicht.
Weil die SBB nicht in der Lage oder gewillt sind, geeignetes
Wagenmaterial auf die Schienen zu stellen, bleibt hier der
Veloselbstverlad verboten. Sehr zum Ärger des Veloaktivisten Nicola
Colombo. Er wurde kürzlich mitsamt Velo aber ohne Velobillet zwischen
Bellinzona und Lugano erwischt. Gemäss seinem Motto «Fünf Koffer und
ein Kaktus fahren gratis mit, aber fürs Velo muss man bezahlen», hat er
– respektive sein Anwalt – gegen die Busse in der Höhe von 80 Franken
Einspruch erhoben. Das Verfahren ist noch hängig.
Nachgefragt bei Paul Blumenthal
velojournal: Die
Reservationspflicht löst noch immer Proteste aus. Mit der Ausdünnung
des Angebots ab Dezember 2004 verkehren auf der Strecke
Zürich/Basel–Biel–Genf nur noch ICN-Züge. Damit werden z.B. Ausflüge
für die Familie unattraktiv und für viele unerschwinglich. Wie stellen
sich die SBB dazu?
Paul Blumenthal: Der
Veloselbstverlad wird von vielen Kundinnen und Kunden geschätzt. Das
freut mich natürlich, und ich kann Ihnen sagen: Wir werden dieses
Produkt auch künftig flächendeckend anbieten. Das Problem ist ein
einfaches: Je mehr Leute den Veloselbstverlad nutzen, desto öfter
stossen wir an die betrieblichen Grenzen des Systems. Mit der
Reservierung auf dem ICN haben wir eine Lösung gefunden, die unseren
Kunden auch an Spitzentagen den Transport des Velos garantiert. Aber
ich weiss natürlich, dass die Reservierungspflicht auf dem ICN für
Velofahrende auch Nachteile mit sich bringt und die Spontaneität
einschränkt.
vj: Viele
Velofahrende fühlen sich gegenüber Bahnreisenden mit Gepäck ungleich
behandelt, da sie neben dem Personen- und dem Velobillett nun noch eine
Reservationsgebühr zu bezahlen haben. Einzelne gehen dafür nun sogar
vor Gericht. Verlieren die SBB damit nicht viel Goodwill bei einem
treuen Kundensegment?
Blumenthal: Das
ist sicher nicht unsere Absicht. Die Velofahrenden sind uns gute und
wichtige Kunden mit einer hohen Affinität zum öffentlichen Verkehr. Wir
investieren laufend in den Veloselbstverlad. Heute stehen in den Zügen
des Fern- und Regionalverkehrs über 5000 Haken für den Veloverlad zur
Verfügung. Zudem rüsten wir alle neuen Regionalfahrzeuge standardmässig
mit Multifunktionsabteilen aus, die einen bequemen Veloselbstverlad
ermöglichen. Auch in den Einheitswagen IV der Bahn 2000 bringen wir
laufend zusätzliche Velohaken an. Es liegt auf der Hand, dass solche
Investitionen bis zu einem gewissen Grad refinanziert werden müssen.
vj: In
Deutschland (DB, CNL) und in Frankreich setzen Bahntransportunternehmen
immer mehr auf den Velotourismus. Im vorgesehenen Rollmaterial ab 2007
wird das Veloangebot der SBB jedoch «runtergefahren». Und ab diesem
Zeitpunkt soll im Cisalpino der Velotransport endgültig gestrichen
werden. Helfen die SBB mit, das «Veloland Schweiz» zu demontieren?
Blumenthal: Von
einer Demontage des Velolandes Schweiz kann nicht die Rede sein. Auch
nach der Inbetriebnahme des Lötschbergbasistunnels im Jahre 2007 können
im nationalen Nord-Süd-Verkehr ausser im Cisalpino in unseren Zügen
Velos verladen werden.
Paul
Blumenthal ist Leiter Personenverkehr SBB und Mitglied der
Geschäftsleitung SBB. Die Fragen per e-mailstellte Pete Mijnssen.