Reisen
Radeln durch ein Land im Umbruch
Wer vom Reiseland Bulgarien spricht, denkt meist an die Schwarzmeerküste. Der gebirgige Westen des Landes ist zum Velofahren aber attraktiver. Eine Fahrt durch Regionen voller Gegensätze – mit überraschenden Reaktionen der Bevölkerung. Dres Balmer
In Bulgarien gibt es keine Organisation, welche die Interessen der
RadlerInnen vertritt. Deshalb werden wir in Sofia vom freundlichen
Präsidenten des Automobilistenverbandes empfangen. Er ist über zwei
Meter gross, war früher ein Basketballstar. Er versteht nicht, was wir
wollen mit unseren Velos, hat aber vorsorglich die Autojournalisten des
Landes zu einer Pressekonferenz eingeladen. Ich soll berichten über
etwas, das noch nicht stattgefunden hat: Radeln in Bulgarien. Das ist
eine lustige Situation. Die Journalisten machen eifrig Notizen, wissen
aber nicht, was wir wollen mit unseren Velos.
Wir wollen radeln.
Zuerst von Sofia nordwärts durch das Tal des Iskar. Links und rechts
vom Fluss stehen Fabrikruinen mit kaputten Scheiben und eingestürzten
Schornsteinen. Es ist wie in einem Tarkowski-Film. Wohin haben wir uns
verirrt? Hundemüde kommen wir am Abend im Cerepiski-Kloster an. Im Hof
empfängt uns ein Schnösel, blickt geringschätzig auf die Velos und
teilt mit, heute gebe es keine Unterkunft. Alle Verhandlungskünste
meiner Begleiterin und Dolmetscherin fruchten nichts, wir müssen weiter
nach Mezdra. Das einzige Hotel dort, das Grand Hotel Rodina (= Heimat),
ist ein Betonkasten sowjetischer Bauart. Ja, es gibt ein Zimmer, sagt
uns an der Réception eine Wasserstoffblondine, ganz wie ihr Hotel ein
Relikt aus dem Sozialismus. Das Zimmer kostet 43 Leva, doch es gibt
kein Wasser. Nicht so schlimm, sagen wir, doch sie könnte uns einen
Rabatt gewähren. Dieses kapitalistische Ansinnen weist sie empört von
sich.
Wir rollen durch unendliche Hügellandschaften über Lukovit
nach Lovec, teilen die Strasse mit Trabis und Fuhrwerken. Die kleinen,
namenlosen Pässe zählen wir gar nicht mehr. Es dünkt uns
ländlich-idyllisch, bis wir in die Dörfer kommen. Dort sind wir
schockiert. Sie bestehen aus zwei Teilen, einem gepflegten, hablichen
und einem Slum, in dem Roma unter so elenden Bedingungen hausen, dass
man Hühnerhaut bekommt. Wenn wir anhalten, sind wir nach zwei Minuten
umringt von zehn, zwanzig Kindern in dreckigen Lumpen, die uns
anbetteln und an den Reissverschlüssen der Sacochen herummachen.
Eine andere Welt
Veliko
Tarnovo ist eine andere, weniger bedrückende Welt. Die Stadt verdankt
ihre Lebendigkeit dem Zusammentreffen verschiedener Kulturen, der
türkischen und der slawischen. Seit dem Altertum spielte sie immer
wieder eine wichtige Rolle in Bulgariens Geschichte, zuletzt als
Bollwerk gegen das Osmanische Reich, zu dem Bulgarien bis zur
Eigenständigkeit 1878 gehörte. Auf einem der Hügel steht die
tausendjährige Zarenburg, wie aus einem morgenländischen Märchen. Am
nächsten Morgen treffen wir hier Svetlana. Sie spricht gut Französisch
und unterrichtet am Gymnasium. Doch ihr Lohn reicht nirgends hin,
erklärt sie. Deshalb vermietet sie ein Holzpferd, Helme, Rüstungen für
Ritter und Gewänder für Edelfrauen. Die Touristen mieten die
Requisiten, schwingen sich aufs Holzpferd und fotografieren sich
gegenseitig.
Veliko Tarnovo ist der östlichste Punkt unserer
Reise, hier biegen wir nach Süden ab und spüren einen Kulturwechsel.
Die Slawen im Norden sind diskrete Menschen, die Leute hier im Süden
spontaner und extrovertierter. In Kazanlak und Plovdiv pulsiert das
Leben auf der Gasse. Tausende Menschen sind draussen. Auf dem Land
winken Einheimische als Erste, wenn wir vorüberfahren, in jedem Dorf,
in jeder Siedlung steht eine Moschee und ein Minarett, daneben ein
Teehaus mit türkisch plärrendem Fernseher, der kulturelle Einfluss des
Islam ist auf Schritt und Tritt spürbar. Uns gegenüber scheint man
nicht das mindeste Misstrauen zu haben, wir werden – auch meine
Begleiterin! – eingeladen, dem Freitagsgebet beizuwohnen. Unsere Velos
rufen Heiterkeit hervor, die Einheimischen denken, wir reisen so, weil
wir uns kein Auto leisten können.
Die Selbstversorger
Es
folgt der landschaftlich ansprechendste Teil der Reise, der durch
Bulgariens wilden Südwesten führt, durch die Rhodopen, das Pirin- und
Rilagebirge. Man sieht hier archaische Bilder. Die Bewohner ganzer
Dörfer, von den Kindern bis zu den Grosseltern, sind auf den Feldern,
graben Kartoffeln aus, ernten Obst. Auf den Strassen sind
Pferdefuhrwerke unterwegs, welche die Ernte einbringen. In einem Dorf
fragen wir ein etwa zwölfjähriges Mädchen nach Unterkunft. Strahlend
probiert sie an uns ihre Englischkenntnisse aus, bringt uns zum Haus
ihres Grossvaters. Der führt uns in den oberen Stock, zeigt uns das
frisch renovierte Zimmer. Stolz lässt er uns wissen, wir seien die
ersten Gäste. Welch ein Unterschied zu unseren Erlebnissen im Norden!
Alle paar Tage rufen wir den Präsidenten des Automobilisten-Verbandes
an und sagen ihm, dass wir noch am Leben sind. Er macht sich Sorgen um
uns, doch bei jedem Anruf klingt seine Stimme fröhlicher.
Wer
Bulgarien sagt, meint auch die zahlreichen Klöster in den Bergen. Dort
erlebt man schöne Momente der Ruhe, doch die Mönche sind unfreundlich,
obwohl sie vom Geld der Besucher leben. Fast am Schluss der Reise
kommen wir ins berühmte Rila-Kloster. Zum Glück so spät, dass die
Touristenbusse schon abgefahren sind. Die letzte Sonne spielt auf der
Kuppel der Kirche. Eine gewaltige Ruhe senkt sich über den
gepflästerten Hof. Morgen brechen wir beizeiten auf nach Sofia, noch
bevor die Busse kommen.
Informationen
Auf einen Blick: Bulgarien
hat eine Fläche von 111000 km2 und 8 Millionen Einwohner. Die
beschriebene Route führt durch hügelige bis gebirgige Landschaften im
Westen, mit mehreren Pässen über 1000 m. ü. M. Der höchste Berg
Bulgariens ist der Musala (2925) im Rilagebirge.
Die Route: Sofia
– Mezdra – Vraca – Lukovit – Lovec – Veliko Tarnovo – Gabrovo –
Kazanlak – Stara Zagora – Plovdiv – Smoljan – Goce Delcev – Melnik –
Blagoevgrad – Rila-Kloster – Samokov – Sofia. Total rund 1300 km.
Reisezeit: April bis Juni, September.
An- und Rückreise: Eisenbahn:
Die Reise von Zürich via Belgrad dauert 36 Stunden. Der Grundtarif 2.
Kl. retour beträgt Fr. 504.–. An Bord der Nachtzüge dürfen Velos auch
im Velosack nicht mitgenommen werden.
Der Flug Zürich–Sofia retour
ist zu haben ab Fr. 426.– bei Balkan Bulgarian Airlines,
Schaffhauserstrasse 5, 8006 Zürich, Tel. 01 361 61 54, E-Mail:
Turn on JavaScript! . Bis 20 kg fliegt das Velo gratis mit.
Kost und Logis: Essen
und Trinken sind überall sehr gut, weil alle Produkte natürlich sind.
In allen grösseren Ortschaften findet man Unterkünfte sehr
unterschiedlicher Qualität. Abgesehen von den teuren Städten Sofia und
Plovdiv kostet das Doppelzimmer um die 40 Leva (= Fr. 32.–). Insgesamt
ist Bulgarien sehr preisgünstig.
Im Land unterwegs: Das
Bus-System ist gut, Eisenbahnfahren erlebnisreich und langsam, Taxis
preisgünstig. Der Velotransport ist überall problemlos. Die Strassen
sind häufig schlecht, die Bulgaren sind wilde Autofahrer.
Organisierte Reisen im Mai, Juni, September und Oktober 2004 werden
angeboten von Bike Adventure Tours, 8910 Affoltern, Tel. 01 761 37 65,
E-Mail:
Turn on JavaScript! . Einzelheiten im Internet unter
www.bike-adventure-tours.ch.
Dokumentation: Karte: Euro-Länderkarte Bulgarien im Massstab 1:800000, Fr. 14.20.
Führer: Daniela Schily/Jürgen Sorges, Bulgarien, DuMont Reiseverlag, Köln 2003, Fr. 21.90.
Bulgaria, Lonely Planet 2002, Fr. 31.40; diesen Führer, den besten, gibts nur auf Englisch.
Weitere Auskünfte bei Balkan Holidays AG, Schaffhauserstrasse 5, 8006 Zürich, Tel. 01 362 87 87,
E-Mail:
Turn on JavaScript! ,
www.balkan-holidays.ch