Schwerpunkt
Velostadt London – keine Utopie mehr
Margaret Thatcher unternahm alles, um London zu einer Privatauto-Stadt zu machen. Daraus resultierte das totale Verkehrschaos. Jetzt ist die Einfahrt in die City kostenpflichtig – und Velofahrende haben wieder viel Platz. Hanspeter Künzler
Die Strassen von London sind nicht mehr wiederzuerkennen. Dort, wo die
Autos früher Stossstange an Stossstange standen und den Fussgängern
höchstens noch eine schlanke Wadenbreite überlassen wurde, um die
Strasse zu überqueren, herrscht jetzt ein Verkehr, der in seiner
Spärlichkeit an eine Kitschpostkarte aus den Fünfzigerjahren erinnert.
An Kreuzungen, wo Velofahrer früher verängstigt vom Sattel stiegen, um
dem Fehlerpotenzial in den Millimeterkalkulationen von Bus- und
Taxifahrern auszuweichen, sorgen Velostreifen und Stoppzonen für ein
Sicherheitsgefühl, von dem die Velodesperados der Achtzigerjahre nur
träumen konnten.
Und nicht nur in der Innenstadt haben sich die Dinge geändert. Bis an
den Rand der Riesenstadt hinaus zeitigt die neue Verkehrspolitik von
Bürgermeister Ken Livingstone Wirkung. So dürfen die Autos in vielen
Nebenstrassen statt der früheren 30 nur noch 20 Meilen pro Stunde
fahren. Den entsprechenden Tafeln wird mit einer erstaunlichen Anzahl
von «sleeping policemen» (so nennt der Volksmund die
fahrtverlangsamenden Buckel in der Strasse) Nachdruck verliehen. Auf
diese Weise sind viele einstige «rat runs» – Abkürzungen, die besonders
unter Rasern populär waren – zum Verschwinden gebracht worden.
Nur Spinner fuhren Velo
Dabei ist es nicht einmal mehr nur dem Zufall überlassen, ob man diese
idealen Fahrradrouten auch tatsächlich findet. In Zusammenarbeit mit
der rührigen Lobby von London Cycling Campaign (LCC) hat die städtische
Verkehrsabteilung eine Serie von 19 Stadtplänen für Velofahrende
herausgegeben. Sie erfassen jeden Winkel der Stadt und zeigen speziell
signalisierte Fahrradrouten ebenso wie verkehrsmässig angenehme
Nebenstrassen, velofreundliche Kreuzungen und Fahrradshops. Und das
Beste daran: Die Karten sind gratis – genauso wie der äusserst
nützliche Führer «The Rough Guide to Cycling in London».
Als die
London Cycling Campaign nach einiger Vorarbeit durch
Umweltorganisationen wie Friends of the Earth im September 1978 aus der
Taufe gehoben wurde, lagen Velofahrer auf dem britischen
Spinner-Thermometer ungefähr auf gleicher Höhe wie Vegetarier, Nudisten
und Knickerbocker-Träger. In der einstigen Fahrradhochburg London, wo
in den Fünfzigerjahren täglich eine halbe Million Menschen mit dem Velo
zur Arbeit fuhr, galt das Zweirad nichts mehr. Alles brauchte ein Auto.
Und wer keins hatte, wagte sich angesichts der allgemeinen
Fahrgewohnheiten gar nicht mehr auf die Strasse.
Als Margaret
Thatcher an die Macht kam, wurde es noch schlimmer. Die konservative
Regierung baute vollständig auf die Privatwirtschaft. Im Vergleich zum
Auto leistete das billige Velo nur einen kleinen Beitrag zum
Staatshaushalt – und als Statussymbol war es eh nicht zu gebrauchen.
Entsprechend wenig Gehör fand die LCC damals. Ebenso wollte Thatcher
die öffentlichen Verkehrsmittel zugunsten des Privatverkehrs abbauen.
Ken Livingstone, der sich damals als Vorsitzender der Stadtbehörden von
Grosslondon diesen Bemühungen wacker, aber erfolglos widersetzte, wurde
von ihr und den ihr hörigen Boulevardzeitungen zum Feindbild der Nation
hochstilisiert, zum «Red Ken».
Das Velo als schnellstes Verkehrsmittel
Zu
den Sparmassnahmen unter Thatcher gehörte es etwa, dass die Kondukteure
in den Bussen weggespart wurden und die Busfahrer die Tickets
aushändigen mussten. So blieben die Gefährte natürlich bei jeder
Haltestelle viel länger stehen. Sie hielten nicht nur den Verkehrsfluss
auf, sondern machten das Busfahren auch unattraktiv und bewirkten, dass
noch mehr Menschen glaubten, mit dem Auto zur Arbeit fahren zu müssen.
Das Resultat: In den mittleren Neunzigerjahren war der Verkehr in
London praktisch zum Stillstand gekommen. Selbst Mitglieder der
konservativen Tories, die für die Autostadt London einst Feuer und
Flamme gewesen waren, waren sich ihrer Sache plötzlich nicht mehr so
sicher. Die offiziellen Statistiken des Verkehrsministeriums und des
Autoverbandes RAC sprachen eine deutliche Sprache: Die meisten Londoner
Autofahrer legten pro Fahrt nur etwa drei Kilometer zurück und
brauchten dafür merklich länger als die VelofahrerInnen. Das
Durchschnittstempo einer Autofahrt von Tür zu Tür im Zentrum von London
lag bei 2,8 Meilen pro Stunde. Mit den öffentlichen Verkehrsmitteln kam
man auf 3,5 Meilen – mit dem Velo auf 5,5.
Als Ken Livingstone im
Mai 2000 mit überwältigender Mehrheit zum Bürgermeister gewählt wurde,
obwohl er kurz zuvor wegen seiner ketzerischen Ansichten aus der
Labour-Partei hatte austreten müssen, geschah dies nicht zuletzt
deswegen, weil die Fakten ganz klar zeigten, dass die Verkehrstheorien,
die er Anfang der Achtzigerjahre vertreten hatte, zutrafen. So war man
denn trotz einer unablässigen Antikampagne etwa vonseiten der wichtigen
Abendzeitung «Evening Standard» gewillt, den Versuch einer «Congestion
Charge» zu akzeptieren: Seit Februar 2003 muss jeder Autofahrer, der in
die Innenstadt fahren will, fünf Pfund bezahlen.
Kein organisatorisches Chaos
Die
Resultate sind frappant: Im ersten Frühling nach der Einführung sei die
Anzahl von Velofahrten in die Maut-pflichtige Gegend um 30 Prozent
gestiegen, berichtet Tom Bogdanovicz von der LCC. Über das ganze Jahr
2003 hinweg sei immer noch ein Anstieg von 16 Prozent festzustellen.
Das von den Gegnern prophezeite organisatorische Chaos ist nie
eingetroffen. Selbst der befürchtete Profiteinbruch bei den betroffenen
Geschäften ist klein geblieben. «Läden, die sich beklagen, müssen den
Fehler auch bei sich selber suchen», erklärt Bogdanovicz. «Zum Beispiel
hat ein Sprecher des Warenhauses John Lewis in der Oxford Street einen
Gewinnverlust beklagt. Aber um das Geschäft herum wie auch in der
ganzen Oxford Street gibt es keinen einzigen Velounterstand. Auf der
anderen Seite gibt es in der Kensington High Street mehr als hundert
Ständer – und im Sommer sind sie immer voll. Warum geht es im einen
Bezirk, aber im anderen nicht?», fragt Bogdanovicz. Auf jeden Fall sei
die Einfahrtsgebühr, die «Congestion Charge», derart gut angekommen,
dass man nicht einmal befürchten müsse, sie werde gleich wieder
abgeschafft, wenn Livingstone eines Tages zurücktritt oder ersetzt
wird. Bis dahin dürfte das Velo in London längst wieder zur
Alltagserscheinung geworden sein.
Nun soll gar die Tour de France nach London
Dafür
soll auch der «Action Plan» sorgen, den die Behörden in Zusammenarbeit
nicht nur mit der LCC, sondern auch mit einer Reihe von anderen
engagierten Lobbygruppen erarbeitet haben. Wie Ken Livingstone vor
einigen Monaten während der Konferenz «Cycling: a capital solution»
ausführte, ist es sein erklärtes Ziel, den Velogebrauch bis ins Jahr
2010 um 300 Prozent zu steigern. Er und die LCC sind sich einig:
Dadurch wird der Verkehr entlastet, wird die Luft besser, werden die
Menschen fitter und belasten darum auch das Gesundheitswesen weniger.
Livingstone kündigte bei der gleichen Gelegenheit an, dass er künftig
besser darauf achten wolle, dass die einzelnen Gemeinden von London –
es gibt deren 33 – nicht nur das Geld für die Velomassnahmen kassieren,
sondern sie auch tatsächlich einrichten, warten und ihre Respektierung
durch andere Verkehrsteilnehmer überwachen. Schulen sollen Priorität
erhalten: Noch immer sei es vielen Leuten peinlich, auf ein Velo zu
steigen. Es gehe deshalb auch darum, die Kinder fürs Velofahren zu
motivieren und ihnen den Spass daran zu vermitteln. So könne ein
weiterer Grundstein gelegt werden.
Livingstone will auch keine
Baubewilligungen mehr erteilen, solange in den Plänen keine
Veloabstellplätze vorgesehen sind. Im Gegenzug sollen Neubauten nicht
mehr für jeden Haushalt einen Parkplatz bauen müssen. Ausserdem sollen
Bauprojekte in der Nähe von U-Bahnstationen bevorzugt behandelt werden.
Für «rostende» erwachsene Exvelofahrer werden Kurse durchgeführt.
Und zum Aufmöbeln des Images soll sogar die Tour de France zu einem
Ausflug nach London überredet werden. Insgesamt will Livingstone das
Jahresbudget für velofördernde Massnahmen von derzeit 11 Millionen
Pfund im Jahr bis 2008 auf 29 Millionen erhöhen.
Velolobby voller Stolz
Die
alte Vorstellung, nur kleine Städte könnten Velostädte sein, gilt nicht
mehr. LCC-Lobbyist Tom Bogdanovicz meint dazu: «London, das sind 33
kleine Städte, die sich durchaus selber velofreundlich arrangieren
können. Dann braucht man ihre Massnahmen nur noch zu koordinieren.» Die
LCC hat guten Grund, mit Stolz auf ihre Geschichte zurückzublicken. Tom
Bogdanovicz zieht zufrieden Bilanz: «Praktisch alles Positive, was in
Sachen Fahrradpolitik in London in den letzten 25 Jahren passiert ist,
ist auf unsere Arbeit zurückzuführen.»
Infos im Internet:
London Cycling Campaign:
www.lcc.org.uk Transport for London:
tfl.gov.uk