Schwerpunkt
Taiwan – Auf der Überholspur
«Made in Taiwan» ist für viele noch immer gleichbedeutend mit Billigimport, obwohl die Waren aus dem Tigerstaat aus dem Westen nicht mehr wegzudenken sind. In der Velobranche liefert sich Taiwan einen harten Konkurrenzkampf mit China. Impressionen von einer der wichtigsten Einkaufsmessen der Welt. Pete Mijnssen
Der Kleinbus fährt auf dem Weg vom Flughafen ins Zentrum von Taipeh an
grauen, gesichtslosen Mietskasernen vorbei. Die meist mehrstöckigen
Gebäude sind mit fabrikartigen Anlagen vermischt, die von blossem Auge
nur schwer voneinander zu unterscheiden sind. Der Siedlungsbrei ist nur
eines der Tribute, den die Menschen dem Wirtschaftswunder Taiwan zu
zollen haben. Das rasante Wirtschaftswachstum der letzten vierzig Jahre
bescherte Taiwan neben Wohlstand nämlich auch gigantische
Umweltprobleme.
Ungelöste Verkehrsprobleme
Die Sanierung der «Kollateralschäden» des ungebremsten Wachstums wurden
zwar in den letzten zehn Jahren energisch angegangen, aber noch immer
sind die Sünden offensichtlich. Und rückgängig lassen sie sich auch
nicht mehr überall machen. Zwischen der Hauptstadt Taipeh, mit 2,7
Millionen EinwohnerInnen die grösste Stadt am Nordzipfel der Insel, und
der Industriestadt Changhua im Südwesten zieht sich ein zersiedelter
Agglomerations- und Industriegürtel hin. Nichts hier ist mehr zu spüren
von der einstigen «Insel der Schönheit», wie sie die Portugiesen
nannten. Das Verkehrschaos ist notorisch, erst in ein paar Jahren soll
eine Hochleistungszugsverbindung dieses entschärfen und Alternativen
zum omnipräsenten Auto schaffen. In der Millionenstadt Taipeh und
Umgebung herrscht der akute Verkehrsnotstand: Hunderttausende von
Rollern streiten sich auf den überfüllten Strassen um den raren Platz
mit Taxis, Autos und Bussen, trotz der vielen Hochleistungsstrassen,
welche die Stadt zerschneiden. Immerhin haben es die Behörden
geschafft, in einer kurzen Zeitspanne ein leistungsfähiges S-Bahnsystem
und Busspuren einzuführen. Ein Beispiel für asiatischen Fleiss und
Durchsetzungfähigkeit. Oder, wie gemunkelt wird: Dank der Korruption
soll es so schnell gegangen sein. Völlig falsch wäre es, in Taipeh so
etwas wie «chinesische Velokultur» zu erwarten. Velos fristen (noch)
ein Schattendasein, Velofahrende leben noch gefährlicher als die
zahllosen ScooterlenkerInnen, während Zufussgehende einen gewissen,
kitzekleinen Schonraum geniessen. Die früher präsente Velokultur wird
erst wieder entdeckt: in der Freizeit und als Arbeitsvehikel; an den
S-Bahnstationen gibt es immer mehr Bike&Ride-Abstellplätze (siehe
auch Interview auf nachfolgender Seite).
Eckdaten Veloindustrie Taiwan
Taiwans Veloindustrie startete nach dem zweiten Weltkrieg und zählt heute 350
Hersteller- und Zulieferfirmen. 60% der Betriebe befinden sich im
nordwestlichen Industriegürtel zwischen Changhua und Taichung. Acht von
ihnen haben sich letztes Jahr zum «A-Team» zusammengeschlossen,
darunter die bekannten Marken Giant und Merida.
Die grössten
Exportmärkte sind USA und Deutschland, das Gesamtvolumen betrug 2003
3,92 Millionen Stück. China exportierte im gleichen Zeitraum 18,15
Millionen. Taiwan produziert für den Export immer hochpreisigere
Modelle (durchschnittlicher Preis in den USA: ca. Fr. 200.–, Holland
ca. 900.–, Schweiz ca. 1150.– ). Die diesjährige Taipei Cycle Show
schloss nach dem SARS-Einbruch von 2003 mit 25000 Eintritten wieder an
die Vorjahreszahlen an.
Wichtige Hersteller-Einkaufsmesse
Die
Taipei Cycle Show, die im vergangenen März zum siebzehnten Mal
stattfand, ist eine der wichtigsten Einkaufsmessen der Welt.
Produzenten und Einkäufer, vornehmlich aus den USA und Europa prüfen
und vergleichen das Angebot der nächsten Saison. Dabei geht es weniger
um die neusten Trends (die sind meistens an der Interbike in Las Vegas
zu sehen), als um Neuerungen und Zubehör, die neu verbaut werden
können. Viele Schweizer Hersteller schätzen z.B. die hohe
Fertigungsqualität der taiwanesischen Rahmen. Nur noch wenige – wie
Aarios – stellen noch Rahmen in der Schweiz her. Zweck der jährlichen
Stippvisite der Schweizer Hersteller ist es also, Modelle und
Komponenten für den hiesigen Markt zusammenzustellen. Hans Furrer,
Produktemanager der Firma Biketec und langjähriger Taiwan-Kenner stellt
erfreut «eine Konzentration von hochklassigen Produkten fest». So ist
z.B. die Federgabelherstellerin RST aus China nach Taiwan
zurückgekehrt. Nach Ablauf des fünfjährigen EU-Dumpinglieferstopps hat
Taiwan wieder den Anschluss an den europäischen Qualitätsmarkt
gefunden. Es werden aber nicht mehr die Spitzenumsätze von Anfang der
Neunzigerjahre sein, wo zwölf Millionen Velos verkauft wurden. Heute
sind es noch knapp vier Millionen. Für Furrer besteht eine Parallele
zum Schweizer Markt «mit weniger Quantität, aber mehr Qualität». Das
gilt in erster Linie für den Fachhandel, während die meisten
Sportmarktangebote und Billigvelos direkt in China produziert und
vertrieben werden.
Umweltschutz hat Vorrang
Weitgehend
passé sind die Zeiten, als Abwässer aus Haushalt- und
Produktionsstätten direkt in Bäche, Flüsse und ins Meer geleitet
wurden. Zum Bewusstsein beigetragen haben auch Projekte wie das
Greenpeace-Velo, das Villiger Anfang der Neunzigerjahre im Auftrag der
Umweltorganisation produzierte. Hans Furrer, der das Projekt für
Villiger vor Ort begleitete, beobachtete schon damals «ein gesteigertes
Interesse an der Verbesserung der Ökobilanz». Ein Besuch bei Fritz Jou,
einem bekannten Fertigungswerk in Taichung, widerlegt denn auch das
Vorurteil von der schmutzigen Hinterhofwerkstätte. Die Hallen sind
sauber und gepflegt. Die neuen Rahmen-Spritzkabinen, die demnächst in
Betrieb genommen werden, entsprechen dem höchsten Industriestandard
(ISO 9001) und sind auch für europäische Verhältnisse beispielhaft. In
den Montagehallen stehen präzise aufgereiht Schweizer BMC-Rahmen für
die Verarbeitung bereit. Jou ist bekannt für höchste Rahmenveredelung.
Viele europäische Firmen lassen hier kunstvolle Rahmen für limitierte
Serien spritzen. Es ist eine Augenweide, den KünstlerInnen an den
Spritzpistolen zuzusehen. «Einige von ihnen sind Spezialisten, die wir
aus Japan angeworben haben», erklärt Fritz Jou stolz.
Höher, schneller
Auf
dem Weg zurück nach Taipeh kreuzen wir Baustellen für den geplanten
Hochgeschwindigkeitszug, aber auch für neue Autobahnen. Noch höher, das
ist das Motto des kürzlich eröffneten, mit 508 Metern höchsten Turms
der Welt, den 101 Tower. Ein Meisterwerk der Architektur in einem
berüchtigten Erdbebengebiet. Die Suche Taiwans nach neuen Wegen, hat
die Industrie mit der «Highroad of Globalization» gefunden. Die
Positionierung auf dem globalen Markt durch Qualität.
Dahon
Die
kalifornische Firma Dahon startete ihre Produktion 1982 in Taiwan und
ist heute weltweit die grösste Faltveloherstellerin der Welt. 2003
wurden 160'000 Stück verkauft. Die grössten Absatzmärkte befinden sich
in Deutschland, Japan, USA, England und Holland. Für andere Velofirmen
(u.a. Trek) stellen sie ebenfalls Räder her.
www.dahon.com www.xtramobil.ch
Interview mit Josh Hon und Rick Hartwell
VJ: Dahon hat seine Zentrale in Kalifornien. Wo werden die Velos hergestellt?
Josh
Hon: Wir produzieren in Taiwan Mittelklasse- und Highendprodukte, in
Macao und China unsere Billiglinien. Als einzigeVelofirma produzieren
wir in Macao, obwohl es dort aufgrund des hohen Lebensstandards eher
schwierig ist, qualifizierte, aber günstige Arbeitskräfte zu finden.
Im Gegensatz zu China, wo es billige Arbeitskräfte zuhauf gibt?
JH:
Das ist ein wichtiger Aspekt, wir wollen aber auch als Arbeitgeber von
250 Angestellten verantwortungsvoll auftreten. Kritische Fragen dazu
haben wir auch schon auf Foren unserer Website kommuniziert. Wir stehen
dazu, dass wir auch in China produzieren. Nur so können wir
wettbewerbsfähig bleiben. Hauptziel bleibt jedoch der Ausbau der
Qualitätsprodukte.
Setzt die chinesische Regierung Qualitätstandards?
JH:
Kaum, im Gegenteil: Es kommt darauf an, wie gut man die Behörden
schmiert. Es ist ziemlich schlimm. Die Regierung erkennt langsam, dass
dies ein grosses Problem ist.
Setzen Sie die Standards freiwillig höher?
JH:
Wir setzen z.B. bei den mittel- und hochklassigen Modellen auf die
umweltneutralere Pulverbeschichtung. Durch die eigene Fabrikist die
Qualitätskontrolle gewährleistet. Aber das ist natürlich auch eine
Preisfrage. Die qualitätsbewusste Kundschaft ist eher bereit dafür zu
zahlen als jemand, der in einem Grossmarkt einkauft.
Wie steht es mit der Umwelt in Taiwan, die Ökobilanz war ja noch bis vor zehn Jahren katastrophal?
Rick
Hartwell: Die taiwanesische Wirtschaft orientiert sich nun an den
Qualitätsstandards der industrialisierten Länder. Es wurden in den
letzten Jahren grosse Anstrengungen unternommen, diese auch umzusetzen.
Punkto Verkehr erzielte Taipeh in relativ kurzer Zeit gut Resultate. In
der grössten und verschmutztesten Stadt wurden Parks aufgewertet und
erweitert, Naherholungsgebiete ausgesondert sowie entlang der Flüsse
Radwege errichtet. Dies ist heute spürbar, obwohl die Luftqualität vor
allem im Sommer noch sehr zu wünschen übrig lässt.
War Ökologie ein Thema im Wahlkampf?
RH:
Es ist vor allem eine Imagefrage, aber inhaltlich finden wenig
Auseinandersetzungen statt. Sicher ist die DDP von Premierminister
Cheng ökobewusster als die konservative Kuomintang. Die Widersprüche
werden auch immer grösser: Einerseits wird mit dem höheren
Lebensstandard z.B. das Auto immer wichtiger, gleichzeitig wird
Parkraum rarer und immer teurer. Die Regierung ist darum bemüht, den
exzessiven Raumbedarf von Rollern und Autos auf öffentlichem Grund zu
beschränken.
Gibt es bei so vielen Velofabriken auch eine institutionalisierte Velopolitik?
Noch
steckt dies erst in den Kinderschuhen. Naherholungsgebiete werden zwar
velofreundlich gestaltet, aber es gibt niemanden, der dies propagiert.
Auch keine Velolobby. Somit gibt es noch wenig Bewusstsein, z.B. das
Velo für den Arbeitsweg zu benutzen. Wer dies jedoch tut, findet
erstaunlicherweise nicht nur schöne Wege, sondern auch eine wachsende
Velogemeinde vor. Das wird aber zu wenig publik. Im Vergleich z.B zur
Veloförderung in amerikanischen Städten (z.B. Los Angeles) wäre die
hohe Sicherheit im öffentlichen Raum ein grosser Pluspunkt für ein
velofreundliches Klima.
Dahon unterstützt in den USA lokale Velo-Organisationen, warum nicht in Taiwan?
JH:
Als ausländische Firma steht es uns nicht zu, hier ein Zeichen zu
setzen, das muss von den BewohnerInnen selber kommen. Dann sind wir
auch gerne bereit, diese zu unterstützen.
Wie ist der Ausspruch auf der Dahon-Website zu verstehen, dass «noch viele Revolutionen auf uns zukommen werden»?
JH:
Für die Verkehrsprobleme in den Städten müssenneue Lösungen gefunden
werden. Wir schauen gespannt auf das Beispiel London und wollen zu
denen gehören, die zu neuen Lösungen beitragen können. Dem Beispiel
London wollen nun zwanzig Städte folgen (u.a. Berlin, Mailand, Paris).
Das ist eine Revolution im urbanen Umfeld und kommt der Umsetzung der
Vision nach einer lückenlosen Mobilitätskette von Gründer David Hon
sehr nahe.