Schwerpunkt
Sicherheit – mit oder ohne Helm
Geht es nach dem «Projekt Verkehrssicherheitspolitik» des Bundes, soll es in der Schweiz bald ein Helmobligatorium für Velofahrende geben. Die IG Velo ist über den Vorschlag überrascht. Sie hat sich gegen den Zwang zum Helm bisher immer gewehrt – weshalb? Käthi Diethelm*
Um es
vorwegzunehmen: Die IG Velo Schweiz wird den Vorschlag des Bundesamtes
für Verkehr (Astra) für das Velohelmobligatorium bekämpfen. Diese
Haltung hat die Organisation in den letzten Jahren immer konsequent
gezeigt, denn der Zwang macht für viele das Velofahren unattraktiv und
vermittelt erst noch ein falsches Sicherheitsgefühl.
Über Velohelme
wird oft emotional diskutiert. Dabei entsteht der Eindruck, der Helm
sei die einzig mögliche Sicherheitsmassnahme. Doch der Helm allein
machts nicht aus: Verkehrssinn, Angst und Risikoverhalten sind andere
wichtige Sicherheitsfaktoren.
Deshalb geht es auch nicht um den
Kampf gegen den Helm, sondern um eine optimale Einordnung dieser
Sicherheitsmassnahme in die gesamte Verkehrs- und Gesundheitspolitik.
Die Zusammenhänge sind komplexer, als es auf den ersten Blick scheint,
und die Diskussion ist wichtig, denn sie betrifft alle – nicht nur die
VelofahrerInnen. Es geht um das Verkehrsbewusstsein und damit um
sichereres Verhalten.
Eine wichtige Grundlage für die
schweizerische Velohelmpolitik ist der 1999 erschienene BfU-Report. Im
ersten Teil wird die Wirksamkeit der Velohelme untersucht. Die
Darstellung ist äusserst mager und wirft mehr Fragen auf, als sie
beantwortet:
- Der Anteil der Unfälle mit
Kopfverletzungen wird mit 25 Prozent angegeben, während die von der
Suva ermittelten Zahlen seit 1994 zwischen 5 und 6 Prozent liegen.
- Eine
schweizerische Studie, die eine Helmwirksamkeit von 20 bis 30 Prozent
(je nach Berechnungsart) angibt, wird in der Zusammenfassung nicht
beachtet. Dafür wird eine Wirksamkeit von 80 Prozent aus einer
amerikanischen Studie übernommen ohne die Übertragbarkeit dieser
Resultate zu prüfen.
- Der 1997 publizierte Bericht aus
Australien, der gesamthaft gesehen negative Effekte durch die
Einführung des Velohelmobligatoriums feststellte, wird nicht
einbezogen.
Kampagnen mit Nebenwirkungen
Untersuchungen im Ausland zeigen, dass bereits Helmtragkampagnen (nicht
erst das Obligatorium) die Menschen vom Velofahren abhalten können.
Aussagen aus dem Bekanntenkreis wie: «Das Velo nehme ich nicht, sonst
muss ich ja einen Helm anziehen», stützen diese These. Diese Wirkung
ist sowohl bezüglich Verkehrssicherheit wie in Bezug auf die
Volksgesundheit kontraproduktiv.
Die Helmkampagnen gehen von
einer (zu) hohen Wirksamkeit aus und versuchen mit missionarischem
Eifer, die Velofahrenden zu überzeugen. In Gesprächen wird klar, dass
viele VelofahrerInnen zwar ohne Helm Velo fahren, aber mit schlechtem
Gewissen und mit mehr Angst. Ängstlichkeit führt gemäss einer
Untersuchung der Stadtpolizei Zürich aber zu mehr Konflikten.
Auf
der andern Seite lassen Aussagen aufhorchen wie: «Ich habe jetzt einen
Helm, jetzt kann ich schneller fahren.» Oder: «Wenn ich zu spät bin,
dann nehm ich dafür den Helm.» Fahren HelmträgerInnen im Durchschnitt
risikoreicher und fühlen sie sich aufgrund der (zu) optimistischen
Zahlen zu sicher?
Offensichtlich haben die gemeinsamen
Anstrengungen von BfU, Suva, IG Velo und anderer Kampagnen Wirkung
gezeigt: Die Velohelmtragquote ist in den letzten Jahren kontinuierlich
gestiegen. Im zweiten Teil des erwähnten BfU-Reports werden
Tragverhalten und Traggründe differenziert untersucht. Eine wichtige
Erkenntnis ist, dass die Helmtragquote sich je nach Art des Velos und
Zweck der Fahrt sehr stark unterscheidet. Hier müsste für die
Unfallstatistik die gleiche Differenzierung erarbeitet werden. So
könnte man die Helmkampagnen auf die wichtigsten Zielgruppen
ausrichten. Ist die Schutzwirkung für die Rennfahrerin oder für den
Familienvater beim Einkaufen im Quartier grösser? Aufgrund der heutigen
Erkenntnisse muss die Entscheidung, mit oder ohne Helm Velo zu fahren,
jedem Einzelnen überlassen werden.
Weniger Kopfverletzungen
red. Seit 1988 führen die Beratungsstelle für Unfallverhütung (BfU) und
die Schweizerische Unfallversicherungsanstalt Suva Sensibilisierungs-
und Velohelmkampagnen durch. Nach eigenen Angaben sollen bis ins Jahr
2000 die Kopfverletzungen trotz mehr Veloverkehr von über 8 Prozent
(1988) auf unter 4 Prozent (2000) gesunken sein. Im BfU-Report
«Velohelme – Erhebung des Tragverhaltens und der Traggründe» von 1999
schreiben die AutorInnen, dass mit einer Erhöhung der Helmtragquote von
14 auf 100 Prozent 7700 Verletzte und 30 Tote vermieden werden könnten.
Gleichzeitig weisen sie darauf hin, dass ein Obligatorium im «jetzigen
Zeitpunkt» unrealistisch sei. BfU-Direktor Peter Hehlen vermerkte
damals, dass die Notwendigkeit und die Möglichkeit eines
Velohelmobligatoriums in fünf Jahren neu zu beurteilen seien – jetzt
ist es offensichtlich so weit.
Motivationskampagnen sind nötig
Die praktische Erfahrung der IG Velo aus der Arbeit mit Kindern und
Erwachsenen in den Velo-fahrkursen zeigt einen grossen Mangel an
Ausbildung und Information. Die Eltern kommen, um ihre Kinder ausbilden
zu lassen. Meistens lernen sie dabei selber viel Neues, besonders im
Bereich Wahrnehmung und Verkehrssinn. Der Helm kann einen Beitrag zur
Sicherheit leisten, genauso wie helle Kleidung, ein Leuchtgilet oder
angemessener Abstand von parkierten Autos.
Der Spass am
Velofahren soll durch die Anleitung zu partnerschaftlichem Verhalten im
Verkehr verstärkt und nicht durch das Schüren von Angst erstickt
werden. Je mehr Velofahrende unterwegs sind, desto grösser sind
Wohlbefinden und Sicherheit für alle.
Einen wichtigen Beitrag zur
Sicherheit der Velofahrenden leisten Massnahmen im Umfeld. So fühlt man
sich in einer Tempo-30-Zone weniger gefährdet als auf einer Strasse mit
einem Autoverkehr mit 50 oder gar 80 km/h. Die Unfallstatistiken
bestätigen diese subjektive Einschätzung.
Auch die
AutofahrerInnen können direkt zur Sicherheit der Velofahrenden
beitragen – und sie sind lernfähig. In Basel zum Beispiel fühlt man
sich im Allgemeinen wohl auf dem Velo, weil vermehrt Rücksicht genommen
wird. Alle Sicherheitskampagnen sollten zum Velofahren und umsichtigem
Verhalten motivieren und nicht nur ein Hilfsmittel wie den Helm
propagieren.
Fazit
Die Aussage «Der Helm ist der
wichtigste Schutz für Velofahrende» kann auf der heutigen Datenbasis
nicht bestätigt werden. Differenzierte Untersuchungen zur Wirksamkeit
von Helmen und anderen Sicherheitsmassnahmen sind notwendig und
sinnvoll.
Sicherheitskampagnen sollten nicht den Helm in den
Mittelpunkt stellen, sondern umfassend informieren: Tragen Sie den
Helm, wenn Sie sich damit sicherer fühlen, aber lassen Sie sich auf
keinen Fall den Spass am Velofahren verderben.
* Käthi Diethelm ist Vorstandsmitglied der IG Velo Schweiz und Vizepräsidentin des Europäischen Radfahrer-Verbandes (ECF).