
Gleich bei den Pyramiden am Stadtrand von Kairo verwandelt sich das urbane Leben in ein unendliches Meer aus Sand und Kies. Nichts liegt vor uns ausser 1400 Kilometer Wüstenstrasse mit vier Oasenstädten. Die Strecke in die erste Oase, Bahariya, misst 340 Kilometer und präsentiert sich als meist schnurgerades Asphaltband durch die flache Wüste. Wir rechnen vorsichtig mit fünf Tagen und führen entsprechende Mengen von Wasser und Essen mit. Was das Essen betrifft, mag dies richtig sein. Zu viel Wasser mitzuschleppen erweist sich angesichts der alle 100 oder 200 Kilometer anzutreffenden Erste-Hilfe-Stationen aber als unnötig. Die Angestellten freuen sich stets über Besuch und decken uns Radler mit Tee, Wasser und guten Gesprächen ein.
Der Bauernhof von Dr. Badr
Zwischen Bahariya und Farafra erhebt sich eine der imposantesten
Attraktionen des Landes: die «Weisse Wüste». Das kalkhaltige, weisse
Gestein wurde während Jahrtausenden von Sand und Wind zu fantastischen
Figuren geschliffen – zu überdimensionierten Pilzen, Säulen, Köpfen
oder Fabelwesen. Unvergesslich ist die Nacht unter einem der riesigen
Pilze, sensationell die Fahrt durch diese märchenhafte Szenerie. Vor
allem bei Vollmond zieht die «Weisse Wüste» zahlreiche Einheimische und
Touristen an. Die Folgen sind spür- und sichtbar: Fliegenschwärme
streiten sich um die liegen gelassenen Abfälle, und in den Büschen weht
das Klopapier.
Wer nicht gern zeltet und abends ein bequemes Sofa
oder Bett vorzieht, hat in der Wüste nichts verloren. Es sei denn, er
sucht Dr. Badr auf. Ein wunderschönes Schild am Strassenrand verkündet
in grossen Lettern: «Dr. Badr, Archäologe. Willkommen! Freie Auskunft
und Unterkunft mit Schwimmbad, in Freundschaft und Liebe!» Wir biegen
in ein sandiges Strässchen und finden bald den kleinen Garten Eden:
Obstbäume spriessen aus dem bewässerten Boden, ein Esel frisst frisches
Gras zwischen den Dattelpalmen, und mitten in diesem winzigen Paradies
erhebt sich das Lehmhaus des gastfreundlichen Ägypters. In unserem
Reiseführer findet sich zwischen zwei Zeilen der Vermerk, dass der
Besitzer Deutsch studiert habe, in Kairo an der Universität doziere und
auch in Abwesenheit alle Radler willkommen heisse – mit vollen
Wasserkrügen und Korbstühlen auf dem gedeckten Vorplatz. Nur mit dem
Schwimmbad hapert es.
Doch kommt wenig später auf die Rechnung, wer
mitten in der Sahara schwimmen möchte: Bei Farafra sprudelt heisses
Quellwasser aus dem Wüstenboden und wird in einem grossen Becken
gefasst. Wer geglaubt hat, in der Wüste gebe es nur Sand, sieht sich
hier auf dem Holzweg: Zuerst der Bauernhof von Dr. Badr, und jetzt auch
noch ein Freiluftschwimmbad!
Die prächtigste aller Oasen ist zweifelsohne Dakhla mit verschiedenen
Dörfern, die sich auf einer Distanz von rund 50 Kilometern erstrecken.
Spätestens jetzt findet der romantisch verklärte Tourist die Oase wie
aus dem Bilderbuch, zum Beispiel Al Qasr mit seiner Altstadt, seinen
Minaretten und verwinkelten Gassen. Doch ein Ortsansässiger spielt
Teufelchen und fragt, ob uns aufgefallen sei, dass hier keine Mücken zu
beklagen seien. Die Oase, meint er, werde mit dem hoch giftigen
Insektizid DDT behandelt.
Auch durch das Projekt «New Valley» der
ägyptischen Regierung wird die verschlafene Entrücktheit bedroht.
Wasser aus dem weit entfernten Nil soll durch gigantische Kanäle bis in
die Wüste geleitet werden, um sie fruchtbar zu machen. Einige
Abschnitte sind bereits gebaut und die ersten, gesichtslosen Städte
wurden aus dem Boden gestampft. Millionen von Menschen sollen dereinst
zur Entlastung des Niltals umgesiedelt werden. Inzwischen formiert sich
Widerstand: Es wird damit gerechnet, dass ein Grossteil des
umgeleiteten Wassers bereits auf dem Weg zur ersten Oase verdunstet,
derweil das kostbare Nass die bestehenden Felder im Niltal gar nicht
mehr erreichen kann. Falls die Regierung den Bau fortsetzt, wird ein
Problem aus dem Weg geräumt und mit einigen Milliarden ein neues, noch
viel grösseres geschaffen.
Der letzte Teil unserer Reise führt von Kharga nach Luxor über ein
wunderschönes, bergiges Hochplateau. Als wir den Nil erreichen, liegt
ein metergrosses Ding auf der Strasse, das den erschrockenen Ausruf
«Hilfe, ein Krokodil!» provoziert. Doch genaues Hinschauen ergibt, dass
es sich erstens nur um eine Riesenechse handelt und dass, zweitens, das
arme Tier mausetot ist. Allerdings ist die Krokodilphobie nicht ganz
unbegründet. Seit dem Bau des Staudamms vermehren sich die Tiere im
Nassersee und im nahen Sudan explosionsartig. Wer die Krokodile nicht
unbedingt im Schlafsack will, wählt den Zeltplatz mit Vorteil etwas
abseits des Wassers.
Die letzten 20 Kilometer dem Nil entlang nach
Luxor vermitteln uns einen Eindruck über die Schwierigkeit des Radelns
in den urbanen Gebieten. An den Checkpoints warten wir stundenlang, bis
uns die Weiterfahrt bewilligt wird, und am Ende fahren wir mit einer
Polizeieskorte in die Stadt ein. Nach dem Luxor-Attentat im Jahr 1997
sind die Sicherheitsvorkehrungen deutlich verschärft und der
Individualverkehr entlang dem Nil weit gehend verboten worden. Die
libysche Wüste ist deshalb nicht nur die interessantere Strecke von
Nord nach Süd, sondern auch die einzig befahrbare Strecke.
Luxor
besticht mit Königsgräbern und Tempeln. Die Erste-Hilfe-Stationen der
Wüste würden hier möglicherweise mehr Sinn machen – zumindest für jene
begeisterten Velofahrer, denen angesichts von so viel Kultur der Atem
stockt, oder die mit den Heerscharen von Touristen kollidieren.
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