Test
Der Mythos vom Damenrad
Frauen sind begehrt. Die Veloindustrie umwirbt sie mit speziellen Bikes.
Doch steckt wirklich so viel dahinter, wie die Bike-Entwickler glaubhaft machen wollen?
Oder wären es gar ideale Velos auch für Männer? Marius Graber
«Das ist doch Bockmist», sagt Ingrid Kaufmann vom Zürcher Veloladen
Velofix. Selbst als gestandene Feministin, wie sie sich selber
bezeichnet, ist sie den speziell konzipierten Frauenvelos gegenüber
kritisch geworden. Denn der Unterschied zwischen Mann und Frau ist für
die Konstruktion eines Velos kleiner, als man auf den ersten Blick
vermutet. Frauen sind zwar mit einer Durchschnittsgrösse von 168 cm
zirka zehn Zentimeter kleiner als Männer, in den fürs Velo wichtigen
Proportionen unterscheiden sich Frauen und Männer aber praktisch nicht.
Obwohl sich das Gerücht von den langen Frauenbeinen hartnäckig auch in
der Velobranche hält, fast als hätten sich die Konstrukteure zu lange
die einschlägigen Werbeplakate angeschaut.
So schreibt zum Beispiel Cannondale in seinem aktuellen Katalog: «Die
Feminine-Rahmen … passen zu den längeren Beinen und kürzeren
Oberkörpern von Frauen.» Darüber schüttelt Andreas Schuhwirth nur den
Kopf. Er hat das «Body Scanning» entwickelt, ein Körpermesssystem, mit
dem er die richtige Sitzposition auf dem Velo ermittelt. Aus seiner
umfangreichen Datenbank kann er keine signifikanten Unterschiede bei
den Proportionen von Mann und Frau feststellen. «Doch natürlich sind
die Unterschiede innerhalb des gleichen Geschlechts sehr gross. Es gibt
Frauen mit im Verhältnis zur Körperlänge überaus langen Oberkörpern,
andere mit langen Beinen. Bei den Männern ist das genauso.»
Wer hat längere Beine?
Auch der aus dem Osten Deutschlands stammende Gottfried Bammes hat sich
sehr detailliert mit solchen Fragen rund um die Proportionen
auseinander gesetzt. In seinem Standardwerk für Künstleranatomie
schreibt er gar: «Die Beinlänge von Frauen ist häufig leicht kürzer als
die Oberlänge, bei den Männern ist die Beinlänge leicht länger als der
Oberkörper.»
Während bei Alltags- und Tourenvelos
geschlechtsspezifische Rahmenformen üblich sind, werden bei
Mountainbikes und Rennvelos besondere Rahmengeometrien angeboten, oft
mit klingenden Namen wie «Women’s specific design» (Trek) oder
«Feminine Frames» (Cannondale). Sie alle sind auf dieselbe Rahmenhöhe
einen bis zwei Zentimeter kürzer gebaut. Für einen wirklich spürbaren
Unterschied dürften sie zwar noch kürzer sein, doch in Kombination mit
dem stärker zum Lenker hin aufsteigenden Oberrohr erlauben sie eine
aufrechtere, komfortablere Sitzposition.
Unterschiedliche Positionen
Und dies ist, wie die «Body Scanning»-Datenbank offenbart, durchaus im
Sinne der meisten Frauen. Die Männer fahren anders: Sie möchten
mehrheitlich eine sportlichere Sitzposition einnehmen.
Zudem werden
die speziellen Frauen-MTBs und -rennvelos auch in ganz kleinen
Rahmengrössen gebaut. Velofix-Frau Ingrid Kaufmann: «Für ganz kleine
Frauen machen diese speziellen Frauenbikes Sinn, weil es die anderen
Modelle so klein meist gar nicht gibt.»
Frauen, die gerne sportlich
unterwegs sind, kommen jedoch mit einem gewöhnlichen Bike gut zurecht.
Andererseits gibt es aber viele Männer, denen die komfortablere
Sitzposition der Lady-Bikes mehr Spass machen würde. Deshalb gehen
Velohersteller dazu über, ihre Frauenmodelle von der Farbe und
Namensgebung her neutraler zu gestalten. Das Frauenrennrad von BMC
namens Lolita wurde dieses Jahr auf Streetfire SSW umgetauft, die Farbe
änderte von Hellblau mit Blumen auf nüchternes Silber. Andere
Fabrikanten benutzen stattdessen den geschlechtsneutralen Begriff
Komfortbike. Die Produktmanager haben davon Wind bekommen, dass der
eine oder andere Mann mit der komfortableren Ausführung liebäugelt,
aber sich aus Prestigegründen nicht für ein «Frauenvelo» entscheiden
konnte.
So oder so gilt auch hier: Ein gutes Velo für Frauen ist
ein individuell angepasstes. Das Frauenvelo, die Lady-Geometrie für
alle, gibt es nicht. Bei der begrenzten Leistungsfähigkeit des Menschen
lohnt es sich, das Fahrrad gut auf den sehr unterschiedlichen Körperbau
abzustimmen. Ob als Ausgangslage ein spezielles Frauenvelo oder ein
gewöhnliches dient, entscheidet sich im Einzelfall. Dasselbe gilt auch
für den Mann. Denn welches Geschlecht schliesslich auf welchem Fahrrad
sitzt, ist nebensächlich. Hauptsache, das Velo passt.
velojournal hat sechs Modelle verglichen. Was die femininen Bikes von den maskulinen unterscheidet, erfahren Sie im velojournal 2/04 auf Seite 16.