
«Mit dem Flyer C wir haben ein Elektrovelo nach bestehenden
Bedürfnissen entwickelt.» Wenn Biketec-Chef Kurt Schär diesen Satz
sagt, kann er das anhand der verkauften Stückzahlen auch belegen. 1000
der neuen Flyer-C-Modelle wurden 2003 verkauft, dazu 300 des seit dem
Jahr 2000 produzierten, schnelleren Flyer F. Der Durchbruch scheint
jetzt – auch finanziell – geschafft.
Das war nicht immer so. Biketec ging im Jahr 2001 als Management-Buyout
aus der Vorgängerfirma BKTech hervor. Dieses Unternehmen hatten die
hohen Entwicklungskosten für das ausgeklügelte E-Bike Kopf und Kragen
gekostet. Doch dann übernahmen Kurt Schär und zwei seiner Mitstreiter
den Betrieb selbst und erkundigten sich als Erstes bei 1500 der
bisherigen über 4000 Flyer-Fahrerinnen und -Fahrern in einem 100
Positionen umfassenden Fragebogen nach den Erfahrungen und Wünschen.
Die Antworten machten es deutlich: Der bisherige Flyer hat eine zu
kurze Reichweite, die Handhabung ist eher kompliziert, das Fahrzeug ist
zu schwer. Den Wünschen nach mehr Reichweite konnte umgehend mit der um
70 Prozent stärkeren Batterie Rechnung getragen werden. Weiter
gewünscht wurde ein «Touch-and-go»-Handling, ein Vollautomat also, ein
ansprechendes Design, weniger Gewicht und ein tiefer Einstieg.
Die
Erfüllung (fast) all dieser Wünsche fand sich in einer Kooperation mit
der japanischen Panasonic-Gruppe, die nach dem gleichen Prinzip
motorenunterstützte Velos baut und ein ähnliches Patent besitzt. Diese
Motoren und die dazu entwickelte neue Batteriengeneration
(Lithium-Ionen-Akku) haben dem Flyer C technisch zu einem Quantensprung
verholfen: Der Akku wiegt noch ein Viertel des Vorgängermodells, ist
knapp so gross wie eine 1-Liter-Brikpackung, ermöglicht aber die
doppelte Reichweite wie die bisherigen Nickel-Cadmium- oder
Nickel-Metallhydrid-Akkus der Flyer-F-Serie. Und das Velo hat im
Vergleich zu einem normalen Tourenrad gerade noch drei zusätzliche
Knöpfe: den Einschaltknopf, den zweiten für die Reduktion der
Motorenunterstützung und den dritten fürs Licht: «Touch and go» – drück
und fahr los.
Zusammengebaut wird das neue Flyer-C-Modell – wie der
weiter produzierte Flyer-F – in der 1250 Quadratmeter grossen Halle im
Sika-Gebäude im Industriegebiet Neuhof in Kirchberg/BE. Hier arbeiten
acht der insgesamt 15 Personen zählenden Biketec-Belegschaft. Bis
zwanzig Flyer-Modelle hängen jeweils an einer Montagestrasse, daneben
die Servicearbeitsplätze, an denen Batterien und Motoren revidiert
werden. In einem anderen Teil der Halle werden die Flyer-F-Motoren
gewickelt, und im Labor wird getestet und an Verbesserungen gearbeitet.
So präsentiert sich die Halle als Mischung zwischen Hightechlabor
und Velofabrik: Fertige Räder reihen sich in den Gestellen,
eingespeicht von den BewohnerInnen einer Blindenwerkstatt in der
Nachbarschaft. Andere Nischen gleichen Elektroniklabors. Hier werden
Batterien voll geladen und wieder entladen – dies mehrmals
hintereinander, um den bekannten Memory-Effekt zu beseitigen. Zwar
haben viele Fachhändler die entsprechenden von Biketec selbst
entwickelten Geräte auch in den eigenen Werkstätten, aber einige
Servicearbeiten erfolgen doch im Werk. Schliesslich liegen hier auch
Tausende von Franken in Form von Motoren und Steuerungen in Kisten
verpackt und zum Einbau bereit. «Unser Erfolg ist auch etwas riskant,
denn wir haben eine sehr hohe Kapitalbindung»: Schär ist nach der
BKTech-Nachlassstundung vorsichtig geworden.
Doch in den Hallen
herrscht eine neue Philosophie: «Wichtig ist, dass wir uns ganz auf ein
Produkt konzentrieren», betont Kurt Schär, «und nicht nebenher Motoren
einbauen, wie andere Velohersteller.» Die nötige Aufmerksamkeit auf
alle Teile, die mechanischen wie die elektrischen und elektronischen,
mache das Produkt erst top.
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| Biketec-Chef Kurt Schär mit der neuen Flyer-C-Batterie, die nur noch so gross wie eine Brik-Packung ist |
Und ein kompromissloses Vehikel scheinen die KundInnen auch zu
verlangen: Gekauft werden vor allem die teureren Flyer-Modelle, mehr
jedenfalls als die Einsteigermodelle ab 3000 Franken. Gefragt sind
Zusatzausrüstungen wie Rohloff-Nabenschaltung, Shimano-Komponenten oder
Scheibenbremsen. Ein solches Flyer-C-Modell kostet bis 3700 Franken,
das Spitzenmodell des Flyer-F bis 6000 Franken. «Als Schweizer
Hersteller werden wir sowieso nie zu den billigen gehören, da bauen wir
lieber die Topmodelle», lautet die Biketec-Philosophie.
Mit dem
neuen Modell Flyer C gelang es offensichtlich, neue Märkte zu
erschliessen. Eine etwas ältere Kundschaft wird hier angesprochen,
Leute, die 20 Pedalumdrehungen pro Minute weniger machen als die
sportlichen Arbeitspendler mit ihren Flyer F. Das C-Modell beschleunigt
bis 25 km/h, liefert dafür auch Strom für Touren bis zu 50 Kilometer,
der Flyer F ist 35 km/h schnell, hat aber eine deutlich kleinere
Reichweite.
Heute – so analysiert Kurt Schär – gebe es drei
wichtige Nutzergruppen für die motorenunterstützten Velos: Die
Ökobewussten, die ihren Arbeitsweg mit dem schnellen Fyer F
zurücklegen. Die zweite Gruppe seien die Gesundheitsorientierten, die
sich entweder aus eigenem Antrieb ein solches Fahrzeug leisten oder es
brauchen, weil sie zwar gerne Velo fahren, dies aber nicht mehr ohne
Unterstützung schaffen, weil Gelenke oder Herz nicht mehr mitmachen.
Und an Bedeutung gewinnt eine dritte Gruppe von Nutzern: die
Ausflügler. Biketec hatte dieses Segment zuerst gar nicht gesucht, dann
aber entdeckt, dass sich das neue Modell C für Radtouren bestens
eignet.
Entsprechend wurden Marketing und Messepräsenz angepasst:
Der Flyer C ist nun öfter an Tourismusmessen zu sehen als an
Zweiradmessen. «Wir haben die klassischen Pfade der Velowerbung
verlassen», stellt Kurt Schär fest, «obwohl das E-Bike exklusiv über
den Fachhandel vertrieben wird. Unser wichtigstes Verkaufsargument ist
jeweils die Probefahrt.» Danach finde das Fahrzeug seine KäuferInnen.
Eine der Paradestrecken ist inzwischen die vom Regionalverkehr
Mittelland und Rent-a-Bike zusammengestellte «Herzroute» von Lützelflüh
nach Willisau durchs Emmental. Die 55 Kilometer auf und ab über den
Höhenweg lassen sich mit einem Ersatzakku leicht bewältigen. «Am Ziel
wollen viele Fahrerinnen und Fahrer am liebsten den Miet-Flyer gleich
behalten», weiss Schär. Eine wichtige Plattform der Verkaufsförderung
sieht der Biketec-Chef auch in der Organisation NewRide
(www.newride.ch). Diese firmenunabhängige Plattform wirbt für
Elektrofahrzeuge und weist unter anderem auf Kantone und Gemeinden hin,
die den Kauf der Bikes fördern. «Die Newride-Promotion ist sehr
wichtig, die finanziellen Anreize sind aber eher nebensächlich», stellt
Schär fest. Ja, die Schnäppchenkäufer, die ein E-Bike nur wegen der
Subventionen gekauft hätten, seien nachher oft die unzufriedensten,
weil deren Mobilitätsbedürfnisse nicht genau genug abgeklärt wurden.
Biketec ist aber auch an grossen Events wie dem Bareggfest oder, im
Mai, an den Bieler Bike-Days präsent. Und man macht Promotion über
Kooperationen: In den Hotels der Region Locarno stehen fünfzig neue
Flyer-C-Modelle für die Gäste bereit. Im Oberaargau gibts die
«Strampeln und Schlemmen»-Touren: per Flyer von einem
Gourmet-Restaurant zum nächsten. Dabei kann auch der Strom nicht
ausgehen, denn geladene Austauschbatterien gibts in jedem der Häuser.
Demnächst soll es auch auf zahlreichen Campingplätzen und bei noch mehr
Velovermieterfirmen Flyer geben – selbst auf den deutschen Nord- und
Ostseeinseln. Und für das Problem der zwar deutlich grösseren, aber
eben doch beschränkten Reichweite der batteriegetriebenen Fahrzeuge hat
Biketec eine Lösung anzubieten: Alle Fachhändler in der Schweiz und in
Deutschland haben Zusatzakkus, die sie ihren KundInnen für grössere
Touren zu bescheidenen Preisen oder gratis ausleihen.
Das ist
Kundenbetreuung, und der Kundenbindung dient auch die zweimal jährlich
erscheinende Flyer-Zeitung: «Wir kennen unsere Fahrerinnen und Fahrer.
Welche andere Velofabrik kann das von sich sagen?», fragt Schär
rhetorisch. Die 8000 Empfänger der Hauszeitung sind sehr interessiert
und tauschen untereinander über die Homepage auch Tipps aus. Und nicht
zuletzt gibts jeden Freitagnachmittag auf Voranmeldung Probefahrten und
Besichtigung der Produktion in Kirchberg. Anmeldungen an Turn on JavaScript! .