Schwerpunkt

Wie die Götter in Frankreich

Im September trafen sich 750 Velophile an der weltgrössten Velokonferenz VeloCity in Paris. Und wurden fürstlich aufgenommen: Die ehemaligen Widerständler scheinen in der Seine-Metropole inzwischen zum Establishment zu gehören. Bleibt nur zu hoffen, dass sich auch das Velo etabliert. Christoph Merkli

Für einmal die grosse Freiheit: Die Velodemo auf den Champs-Élysées

Die Stadt Paris, respektive ihr Bürgermeister, empfing die Gäste im «Hôtel de Ville», einer Art Königsschloss. Bertrand Delanoë ist seit dem Jahre 2001 Maire, seines Zeichens Sozialist und Chef einer rot-grünen Stadtregierung. Er und seine rechte Hand für Verkehrsfragen, der Grüne Denis Baupin, sehen im Velo einen Hoffnungsschimmer für die vom motorisierten Verkehr gnadenlos gewürgte Stadt.
Dies alles muss man wissen, um zu verstehen, warum das Grüppchen von 750 Unentwegten aus allen Erdteilen in Paris derart königlich empfangen und umsorgt wurde. Kommt dazu, dass Bertrand Delanoë für den zweiten Konferenztag eine grosse Velodemonstration proklamierte und entsprechende Plakate in der ganzen Stadt aushängen liess. Rund 8000 Personen – die TagungsteilnehmerInnen inbegriffen – folgten diesem Ruf und genossen eine unvergessliche Fahrt zur abendlichen Rushhour durch die eigens dafür abgesperrten Champs-Élysées.
Der Maire wird wohl selber gestaunt haben, dass es in Paris überhaupt so viele Velofahrende gibt, denn sehen tut man diese sonst kaum. Und er wunderte sich nicht als Einziger: Die französischen Medien übertrugen die symbolträchtige Demonstration bis in die hintersten Winkel des Landes, was dem Image des Velos in Frankreich bestimmt förderlich war.



Galanter Gastgeber: Bertrand Delanoë, Bürgermeister von Paris

Häppchen im Hôtel de Ville
Nicht genug damit: Bertrand Delanoë lud die illustre Gästeschar bei anderer Gelegenheit zu sich in die heiligen Hallen ein und offerierte auf weissem Tischtuch erlesene Köstlichkeiten von Traiteur und Confiseur. Dies eine Premiere nicht nur für den Hausherrn und die Stadt Paris, sondern auch für die konferenzgewohnten Velo-Citizens. Die Gastfreundschaft des Bürgermeisters zeigt es symbolisch: Die Velo-Lobbyisten haben innerhalb von 25 Jahren den Aufstieg von der demonstrierenden Randgruppe (1980 vor Bremens Rathaus) zum Establishment (im Pariser Rathaus) geschafft.

Am selben Abend wurden die Gäste Zeugen eines zweiten Beweises dafür, dass das Selbstbewusstsein der VelofunktionärInnen gewachsen ist: Ganz nach dem Vorbild des Oscars wurde der neu geschaffene Preis «Vélo dans la publicité» verliehen. Dieser Werbefilmpreis ging an den Reiseveranstalter Kuoni, auf dessen Reisen man – so die Pointe – vergisst, beim Anhalten den Fuss vom Pedal zu nehmen.


Paris setzt auf die kleine Königin
Die Bedeutung, die der Konferenz und damit dem Velo allein schon durch das Rahmenprogramm zuteil wurde, lässt hoffen, dass es den Pariser Stadtbehörden ernst ist mit ihrer Veloförderungspolitik. Die «kleine Königin», wie die Französinnen und Franzosen das Velo liebevoll nennen, soll endlich den Thron besteigen. Der Blick auf die Strasse zeigt, dass der Nachholbedarf riesig ist. Darüber können auch die zahlreich aufgemalten Velopiktogramme auf den Busspuren nicht hinwegtäuschen. Der Verkehr ist derart chaotisch und unberechenbar, dass Velos gar nicht hineinzupassen scheinen. Zahlreiche Konferenzbeiträge aus allen Ecken der Welt machen aber Hoffnung, dass das Velo auch hier einen Beitrag zur Lösung der Verkehrsprobleme leisten kann. Und dass eine entsprechende Politik mehrheitsfähig und umsetzbar ist. Diese allseits spürbare Gewissheit machte den TagungsteilnehmerInnen Mut, an das Potenzial der «kleinen Königin» auch in der Schweiz zu glauben.

Millionenstädte proben den Velo-Aufstand

-pmh. Krönender Abschluss der VeloCity-Konferenz war das mit internationaler Politprominenz besetzte Podiumsgespräch im altehrwürdigen Festsaal des Pariser Stadthauses. Anwesend waren hochrangige VertreterInnen der Stadtbehörden aus Amsterdam, London, Kopenhagen und Paris. Nicht ganz unerwartet fehlte der angekündigte Ken Livingstone, Londons Bürgermeister. Mit Jenny Jones war aber eine engagierte Verfechterin und Architektin der weltweit beachteten Gebührenregelung für die Autos in der Londoner Innenstadt anwesend.
Während Kopenhagens Stadtpräsident Jens Kramer und Amsterdams Vize Auke Bijlsma aus einer Position der Stärke, Erfahrung und traditionellen Velofreundlichkeit argumentieren konnten, mussten sich die VertreterInnen aus London und Paris kritische Fragen gefallen lassen. Etwa, ob neben den markigen Worten, die der neuen Zufahrtsregelung für die Londoner Innenstadt mit dem Road Pricing vorausgegangen waren, auch nachhaltige Konzepte für den Langsamverkehr folgten. Oder welche konkreten Massnahmen in Paris ergriffen würden, um das notorische Verkehrschaos auf ein erträgliches Velo-Niveau zu senken. Der rührige Adjunkt des Pariser Stadtpräsidenten, Denis Baupin, konnte glaubhaft machen, dass diese Probleme zwar im Vergleich zu kleineren Städten massiv sind, dass aber Hoffnung besteht. So sind in den letzten Jahren auf grossen Verkehrsachsen viele Veloverbindungen in Busspuren integriert worden.
Im Oktober wurde im Parlament ein Veloförderungsplan verabschiedet, der – ähnlich wie in vielen anderen europäischen Städten – zuerst die Wohnquartiere velodurchlässig machen will. Das Hauptproblem ortet Baupin bei den Gesetzen und vor allem in den Verkehrsverbindungen rund um die historischen Pariser Plätze.
Jenny Jones musste zugeben, dass in London die Veloverbindungen erst nach den Verkehrsmassnahmen in der City of Westminster in den Vordergrund gerückt seien. Durch den Erfolg der Road-Pricing-Massnahmen ermutigt, wolle man in Zukunft auch dem Veloverkehr mehr Beachtung schenken (siehe auch den Bericht auf Seite 8). Last but not least wies Auke Bijlsma darauf hin, dass auch eine Millionenstadt erst dann velofreundlich sei, wenn sie auch für ältere Menschen attraktiv ist – wenn der Verkehr generell ruhiger fliesse und das Problem des Velodiebstahls gelöst sei.

Abo
Kein Flash-Player installiert.

Nachrichten

15.05.2012:
11.05.2012:
8.05.2012:
Bild
Bild
Bild
Bild
Bild
Bild
© 2011 velojournalImpressum