
Martin
Gubler beispielsweise, Kommandant des letzten Radfahrerregiments der
Schweiz, erklärte im vergangenen Juni gegenüber der «SonntagsZeitung»:
«Wir Radfahrer haben den Entscheid, der schon vor zwei Jahren fiel, mit
sportlicher Haltung akzeptiert.» Da und dort beklagen sich zwar noch
Einzelne in den Gästebüchern der einschlägigen Internetseiten über das
schnelle Ende der mobilen Truppe. So der St. Galler Chris Neff auf der
Homepage des Radfahrerregiments 6: «Meines Erachtens ist es eine
Schande, die Radfahrer abzuschaffen. In Kriegsfällen würden wir sowieso
nicht mit dem Rad zum effektiven Einsatz gelangen. Doch die Ausbildung
als Radfahrer garantiert eher, dass die Soldaten ein körperlich höheres
Leistungsniveau erreichen als Fusssoldaten. Ich bin echt enttäuscht,
dass das stolze xAushängeschildx der Schweizer Armee ins Alteisen
geworfen wird.»
Doch in einem Land, wo 1972 über 400’000 BürgerInnen
eine Petition für den Erhalt der Armeekavallerie unterschrieben haben,
wo 1995 die Freunde der Armeebrieftauben – zwar erfolglos – eine
«Volksinitiative für eine Schweizer Armee mit Tieren» lancierten und wo
die Bauernlobby mit entsprechendem Druck dafür sorgte, dass es auch in
der modernen Armee XXI Militärpferde-Truppen (den so genannten «Train»)
gibt, ist dieser Widerstand schwach. Fast ein bisschen lendenlahm für
eine so sportliche Truppe.
Stille Leidensfähigkeit
Das
grösste Potenzial der Radfahrertruppen scheint ohnehin deren stille
Leidensfähigkeit zu sein. Denn der Dienst als Radfahrersoldat war
verdammt hart. Bis in die neunziger Jahre hatte das Schweizer
Militärvelo – das so genannte «Ordonnanzfahrrad 05» aus dem Jahre 1905
– keine Übersetzung und nur eine Rücktrittbremse hinten. Selbst nachdem
vor zehn Jahren ein neues Velo mit sieben Gängen abgegeben wurde, waren
Steigungen mit dem 24 Kilo schweren Vehikel und Gepäck von 15 Kilo eine
Tortur.
Aber ein Radfahrersoldat kannte keine Müdigkeit. Durchhalten
war Ehrensache. Radfahrerkommandant Gubler in der «SonntagsZeitung» zum
Thema Schmerzen am Allerwertesten: «Jeder schwört auf eigene Mittelchen
und Sälbeli. Viele tragen unter der Uniform gepolsterte Rennhosen.
Spezielle Sättel sind nicht erlaubt. Das Hinterteil hat sich durch
Training dem Sattel anzupassen.»
Der gestandene Radfahrer-Soldat und
Berner IG- Velo-Sekretär Daniel Bachofner trauert seiner Fitness nach:
«Ich war körperlich nie so fit wie nach der Rekrutenschule. Die haben
mit uns ein eigentliches Trainingsprogramm veranstaltet.» Eine Bekannte
erzählte mir allerdings unter dem Siegel der Verschwiegenheit, dass ihr
Mann jeweils mit einem spitzen Nagel in der Brusttasche in den
militärischen Wiederholungskurs eingerückt sei. Damit habe er sich und
seinen Kameraden während langen Fahrten immer wieder eine willkommene
Pause verschafft, weil sie einen defekten Veloschlauch flicken mussten …
Die
Schweizer
Armee kannte seit 1891 velofahrende Soldaten. Französische
und italienische Generäle hatten bereits ein paar Jahre zuvor den
militärischen Nutzen des flinken und lautlosen Zweirads für
Meldefahrten entdeckt. Die neue Truppengattung stiess allerdings
anfangs auf Skepsis und Ablehnung, vor allem bei der hochnäsigen
Kavallerie. Und im Geschäftsbericht des Eidgenössischen
Militärdepartements von 1895 findet sich die folgende Passage: «Die
Radfahrer zeigten sich zum Teil als zu wenig discipliniert und in der
Ausübung ihres Dienstes nicht zuverlässig genug.» Und als erklärender
Zusatz: «Dank der Schnelligkeit ihrer Stahlrosse waren unsere Radfahrer
meist sehr rasch den Blicken ihrer Obersten entschwunden und hatten
sich in den Wirtshäusern eingenistet, aus denen sie nicht so leicht
wieder herauszubringen waren.»
Ersatz
für die teuren Pferde
Ein
weiteres Problem war die Uniformierung der Radler. Denn statt robuster
Wollstoffe war leichtere und bequeme Kleidung gefragt. Als Bewaffnung
musste zudem eine Pistole genügen. Die Hauptaufgabe der Truppe bestand
darin, Verbindungen zwischen einzelnen Kommandostellen zu garantieren.
Im Jahr 1910 verfügte der Bundesrat in einer Verordnung, dass dem
Fahrrad innerhalb der Armee noch mehr Beachtung geschenkt werde: «Auf
ebenen Strecken und bergab gewährt es für die Bewegung Vorteile in
Bezug auf Leistung und Billigkeit, die durch kein anderes
Beförderungsmittel zu erreichen sind.» Dank dem Fahrrad sollte zudem
die Zahl der in Unterhalt und Pflege ungleich teureren Kavalleriepferde
möglichst niedrig gehalten werden. Zur Generalmobilmachung beim
Ausbruch des Ersten Weltkriegs (August 1914) rückten dann die 14
Radfahrerkompanien bereits als «kämpfende» Truppe ein. Die
Radfahrersoldaten wurden wie die Füsiliere mit einem langen
Karabinergewehr ausgerüstet. Allerdings wurde die Kampfstärke der
Radfahrer empfindlich durch eine ganz heimtückische Materialknappheit
während der beiden grossen Kriege geschwächt: den Mangel an Gummi für
Pneus und Schläuche. So mussten die Truppen oft statt mit dem Velo zu
Fuss ins Feld geschickt werden, um die raren Gummi-Ressourcen zu
schonen.
Höhepunkt und
Niedergang
Der Bestand der
Radfahrertruppen wuchs in den folgenden Jahren immer stärker an. Um
1925 zählte die Schweizer Armee 6315 Radfahrersoldaten in 26 Kompanien.
Ab 1926 wurden die Rekruten systematisch auf dem
«Radfahrer-Waffenplatz» in der Velostadt Winterthur ausgebildet. Vor
dem Zweiten Weltkrieg betrug der Sollbestand dann 9000 Mann. Die
zunehmende Mechanisierung der Armee führte allerdings dazu, dass die
Radfahrertruppen mit Motorradfahrern verstärkt wurden, die auf ihren
Gefährten die schweren Maschinengewehre mitführten.
Nach 1945 wird
die Zahl der Radfahrersoldaten angesichts der Motorisierung der
Einheiten immer weiter reduziert. Die Truppengattung übersteht trotzdem
noch verschiedene Armeereformen. International sind die velofahrenden
Soldaten der Schweizer Armee schon längst zum militärischen Kuriosum
geworden, was die hiesigen Militärs allerdings lange mit Stolz erfüllt
hat. «Es ist eine typisch schweizerische Truppe, denn aus fast allen
andern Armeen sind die Radfahrer wieder verschwunden. Das ist ein Grund
mehr, ihr 100-jähriges Bestehen zu feiern», stellt der Waffenchef der
mechanisierten und leichten Truppen, Divisionär Keller, in einem
Vorwort zu einer Jubiläumspublikation fest.
Jetzt sind die letzten
Radfahrersoldaten doch abgetreten, haben noch einmal in
Achtungsstellung die geschundenen Arschbacken zusammengekniffen und
sind radelnd in Viererkolonnen an militärischer Prominenz
vorbeidefiliert. Die Truppengattung hat das 21. Jahrhundert nicht
überlebt. So schlimm findet das eigentlich niemand. n
www.rdfrgt6.ch (Homepage des Ehemaligenvereins des
Radfahrerregiments 6)