Politik

Wo der Velotransport baden geht

Die Gegend um den Lago Maggiore gehört zu den schönsten Ferienecken der Schweiz. Doch VelofahrerInnen stossen dort auf ungewohnte Schwierigkeiten. Launische Kapitäne und totale Transportverbote trüben den Velo-Ferienspass. Besserung ist teilweise in Sicht. Stephan Dietrich

 

Traumhafte Tessiner Idylle – doch der Kapitän will partout keine Velos mitnehmen


Schiffsstation Maccagno, erster grösserer italienischer Ort am Südufer des Lago Maggiore nach der Schweizer Grenze. Anfang Juli, See und Himmel prächtig blau. Nach einer frühmorgendlichen Umrundung der Nordspitze des Sees soll ein Kursschiff der Navigazzione Lago Maggiore (NLM) den Velofahrer ans andere Seeufer nach Cannobio bringen. Doch auf die Frage nach einem «biglietto» für Passagier samt «bici» runzelt die junge Frau in der schmucken Uniform die Stirn. Auf den neuen Katamaran-Booten sei der Velotransport nicht vorgesehen und gefährlich, sie müsse per «telefonino» zuerst den Schiffsführer anfragen, gibt es als Antwort statt der gewünschten Fahrkarten. Kurz darauf kommt der Bescheid des Kapitäns – und der ist negativ.


Die «maximale Autorität des Kapitäns»
Pünktlich um fünf vor acht nähert sich das stolze neue Boot, ohne einen einzigen (sichtbaren) Passagier an Bord, dem Landesteg. Der nicht willkommene Passagier, der mit seinem Velo per Boot oder Fähre schon unzählige Flüsse, Seen und zwei Meere überquert hat, möchte gern vom Kapitän selber wissen, warum er ihn nicht mitnehmen will. Doch der hat keine Lust aufs Argumentieren und setzt seine Fahrt – ohne erst anzulegen – fort. An Bord gelte die «massima autorità del comandante», und daran gäbe es nichts zu rütteln, meint schulterzuckend die Frau in Uniform.
Auf diese «massima autorità del comandante» wird weder im gedruckten Fahrplan noch an der Station hingewiesen, und da der Velotransport auf den meisten Linienschiffen in der Schweiz und anderswo (so auch auf dem nahen Lago di Lugano) durchaus möglich ist, falls Platz vorhanden ist, sorgt das launische Verhalten der NLM-Kapitäne in der letzten Zeit immer wieder für rote Köpfe. Daniela Pollini vom Lago Maggiore Tourismus kennt die Klagen von stehen gelassenen VelofahrerInnen nur zu gut. «Da es sich um eine italienische Gesellschaft handelt, können wir nicht viel anderes tun, als die Klagen zu sammeln und weiterzuleiten», erklärt sie bedauernd.
Gerade für Familien mit Kindern ist die willkürliche Beförderungspraxis am Lago Maggiore ein Ärgernis, denn da sich die Kapitäne erst in letzter Minute entscheiden, wird die Planung einer kombinierten Velo-/Schiffsreise unmöglich. Kommt dazu, dass auf diesem See auch im innerschweizerischen Verkehr weder Halbtax noch andere Vergünstigungen gültig sind. Das Gleiche gilt für den Locarneser Aussichtsberg Cardada. In der von Mario Botta entworfenen Seilbahn ist der Velotransport ebenfalls verboten.
Am Bodensee hat man aus der grenzüberschreitenden Kombination Velo-Schiff-(Berg-)Bahn-Transport ein Markenzeichen gemacht, am Lago Maggiore scheint man das trotz der herrschenden Tourismuskrise nicht nötig zu haben.
Auch auf die SBB ist am Lago Maggiore kein Verlass. Sie betreiben die grenzüberschreitende Seelinie zwischen Cadenazzo und Luino. Doch der Veloselbstverlad ist dort seit dem Fahrplanwechsel im letzten Jahr verboten. Es sei öfter zu Verspätungen gekommen, und ausserdem sei das Wagenmaterial auf dieser Strecke dafür nicht geeignet, begründet SBB-Mediensprecher Roland Binz diesen Entscheid. Statt einer offensichtlich bestehenden Nachfrage durch technische Änderungen nachzukommen, wird der Velotransport einfach verboten – Kundenservice à la SBB. Ein schwacher Trost immerhin: Es sei nicht ausgeschlossen, dass der Selbstverlad in einigen Jahren wieder eingeführt werde, meint Binz.

Ein Velokonzept soll helfen
Mittelfristige Besserung ist auch bei der von den Ferrovie Autolinee Regionali Ticinesi (FART) betriebenen Centovallibahn in Sicht. Nachdem sie vor 13 Jahren in Locarno einen mit Millionen von Steuergeldern gebauten Tunnel samt unterirdischem Bahnhof und neues Wagenmaterial bekommen hat, wurde der Velotransport für Private verboten. Für Velotouristen mit viel Gepäck, die den Aufstieg lieber per Bahn als mit Muskelkraft bewältigen, seither ein Dauerärgernis. Die Velovermietung in Camedo ist keine echte Alternative.
Doch es besteht Hoffnung. Zusammen mit der italienischen Partnerbahn, den BLS, und Geld aus Brüssel wird an einem Velokonzept für diese wunderschöne Gegend gearbeitet. Unter anderem sollen Triebwagen der Centovallibahn so umgebaut werden, dass ab 2005 der Selbstverlad (bei den allermeisten Schweizer Bahnen heute eine Selbstverständlichkeit) wieder möglich ist, verspricht FART-Direktor Dirk Meyer. Auch die ebenfalls von der FART betriebenen Busse ins Maggiatal (in denen bisher Veloverbot herrschte) sollen nach der Fertigstellung eines Velowegs einen Anhänger bekommen. Bei den Tessiner Postautobetrieben diskutiert man ebenfalls darüber, spezielle Vorrichtungen für den Velotransport zu schaffen. Bisher kann man sein Fahrrad in den Postautos nur im Kofferraum verstauen, wenn es dafür genügend Platz hat – und der Chauffeur Lust.

Einer der wenigen Velowege: Im Tessin hat man den Velotourismus spät entdeckt

Die zweite Gotthardröhre hat Priorität
Als Alltagstransportmittel spielt das Velo im Tessin eine untergeordnete Rolle. Auch die regionale Sektion der IG Velo ist unlängst sanft entschlafen.
Immerhin werden derzeit für 14 Millionen verschiedene Velorouten (Maggiatal, Lukmanier) geplant. Ausserdem soll die Situation für Velofahrende auch auf den Kantonsstrassen verbessert werden. Doch: «Die getroffenen Massnahmen wirken oft etwas praxisfremd», kritisiert der Velo-Aktivist Nicola Colombo (www.ruotalibera.ch). «Es gibt zwar viele, die ein schmuckes Rennrad besitzen. Aber für eine Ausfahrt benutzen die meisten zunächst einmal das Auto. Die sinnvolle Kombination Zug und Velo wird hier kaum genutzt», beobachtet er. Damit sich das ändert, fordert Colombo unter anderem via parlamentarische Vorstösse, dass das Velo in den Zügen (wo überhaupt möglich) unentgeltlich mitgenommen werden kann. Fünf Koffer und ein Kaktus fahren schliesslich auch gratis mit, argumentiert er. Bisher ohne Erfolg. Im Kanton mit der höchsten Autodichte der Schweiz setzt man die Prioritäten anders. Die Tessiner Politiker werden nicht müde, eine zweite Gotthardröhre zu verlangen, um den darbenden Autotourismus wieder in Schwung zu bringen.

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