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Traumhafte Tessiner Idylle – doch der Kapitän will partout keine Velos mitnehmen |
Die «maximale
Autorität des Kapitäns»
Pünktlich um fünf vor acht nähert sich das stolze
neue Boot, ohne einen einzigen (sichtbaren) Passagier an Bord, dem
Landesteg. Der nicht willkommene Passagier, der mit seinem Velo per Boot
oder Fähre schon unzählige Flüsse, Seen und zwei Meere überquert hat,
möchte gern vom Kapitän selber wissen, warum er ihn nicht mitnehmen
will. Doch der hat keine Lust aufs Argumentieren und setzt seine Fahrt –
ohne erst anzulegen – fort. An Bord gelte die «massima autorità del
comandante», und daran gäbe es nichts zu rütteln, meint schulterzuckend
die Frau in Uniform.
Auf diese «massima autorità del comandante» wird weder im
gedruckten Fahrplan noch an der Station hingewiesen, und da der
Velotransport auf den meisten Linienschiffen in der Schweiz und anderswo
(so auch auf dem nahen Lago di Lugano) durchaus möglich ist, falls
Platz vorhanden ist, sorgt das launische Verhalten der NLM-Kapitäne in
der letzten Zeit immer wieder für rote Köpfe. Daniela Pollini vom Lago
Maggiore Tourismus kennt die Klagen von stehen gelassenen
VelofahrerInnen nur zu gut. «Da es sich um eine italienische
Gesellschaft handelt, können wir nicht viel anderes tun, als die Klagen
zu sammeln und weiterzuleiten», erklärt sie bedauernd.
Gerade für Familien mit Kindern ist die willkürliche
Beförderungspraxis am Lago Maggiore ein Ärgernis, denn da sich die
Kapitäne erst in letzter Minute entscheiden, wird die Planung einer
kombinierten Velo-/Schiffsreise unmöglich. Kommt dazu, dass auf diesem
See auch im innerschweizerischen Verkehr weder Halbtax noch andere
Vergünstigungen gültig sind. Das Gleiche gilt für den Locarneser
Aussichtsberg Cardada. In der von Mario Botta entworfenen Seilbahn ist
der Velotransport ebenfalls verboten.
Am Bodensee hat man aus der grenzüberschreitenden Kombination
Velo-Schiff-(Berg-)Bahn-Transport ein Markenzeichen gemacht, am Lago
Maggiore scheint man das trotz der herrschenden Tourismuskrise nicht
nötig zu haben.
Auch auf die SBB ist am Lago Maggiore kein Verlass. Sie
betreiben die grenzüberschreitende Seelinie zwischen Cadenazzo und
Luino. Doch der Veloselbstverlad ist dort seit dem Fahrplanwechsel im
letzten Jahr verboten. Es sei öfter zu Verspätungen gekommen, und
ausserdem sei das Wagenmaterial auf dieser Strecke dafür nicht geeignet,
begründet SBB-Mediensprecher Roland Binz diesen Entscheid. Statt einer
offensichtlich bestehenden Nachfrage durch technische Änderungen
nachzukommen, wird der Velotransport einfach verboten – Kundenservice à
la SBB. Ein schwacher Trost immerhin: Es sei nicht ausgeschlossen, dass
der Selbstverlad in einigen Jahren wieder eingeführt werde, meint Binz.
Ein Velokonzept
soll helfen
Mittelfristige Besserung ist auch bei der von den
Ferrovie Autolinee Regionali Ticinesi (FART) betriebenen Centovallibahn
in Sicht. Nachdem sie vor 13 Jahren in Locarno einen mit Millionen von
Steuergeldern gebauten Tunnel samt unterirdischem Bahnhof und neues
Wagenmaterial bekommen hat, wurde der Velotransport für Private
verboten. Für Velotouristen mit viel Gepäck, die den Aufstieg lieber per
Bahn als mit Muskelkraft bewältigen, seither ein Dauerärgernis. Die
Velovermietung in Camedo ist keine echte Alternative.
Doch es besteht Hoffnung. Zusammen mit der italienischen
Partnerbahn, den BLS, und Geld aus Brüssel wird an einem Velokonzept für
diese wunderschöne Gegend gearbeitet. Unter anderem sollen Triebwagen
der Centovallibahn so umgebaut werden, dass ab 2005 der Selbstverlad
(bei den allermeisten Schweizer Bahnen heute eine
Selbstverständlichkeit) wieder möglich ist, verspricht FART-Direktor
Dirk Meyer. Auch die ebenfalls von der FART betriebenen Busse ins
Maggiatal (in denen bisher Veloverbot herrschte) sollen nach der
Fertigstellung eines Velowegs einen Anhänger bekommen. Bei den Tessiner
Postautobetrieben diskutiert man ebenfalls darüber, spezielle
Vorrichtungen für den Velotransport zu schaffen. Bisher kann man sein
Fahrrad in den Postautos nur im Kofferraum verstauen, wenn es dafür
genügend Platz hat – und der Chauffeur Lust.
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Einer der wenigen Velowege: Im Tessin hat man den Velotourismus spät entdeckt |
Die
zweite Gotthardröhre hat Priorität
Als Alltagstransportmittel spielt das Velo im
Tessin eine untergeordnete Rolle. Auch die regionale Sektion der IG Velo
ist unlängst sanft entschlafen.
Immerhin werden derzeit für 14 Millionen verschiedene
Velorouten (Maggiatal, Lukmanier) geplant. Ausserdem soll die Situation
für Velofahrende auch auf den Kantonsstrassen verbessert werden. Doch:
«Die getroffenen Massnahmen wirken oft etwas praxisfremd», kritisiert
der Velo-Aktivist Nicola Colombo (www.ruotalibera.ch). «Es gibt zwar
viele, die ein schmuckes Rennrad besitzen. Aber für eine Ausfahrt
benutzen die meisten zunächst einmal das Auto. Die sinnvolle Kombination
Zug und Velo wird hier kaum genutzt», beobachtet er. Damit sich das
ändert, fordert Colombo unter anderem via parlamentarische Vorstösse,
dass das Velo in den Zügen (wo überhaupt möglich) unentgeltlich
mitgenommen werden kann. Fünf Koffer und ein Kaktus fahren schliesslich
auch gratis mit, argumentiert er. Bisher ohne Erfolg. Im Kanton mit der
höchsten Autodichte der Schweiz setzt man die Prioritäten anders. Die
Tessiner Politiker werden nicht müde, eine zweite Gotthardröhre zu
verlangen, um den darbenden Autotourismus wieder in Schwung zu bringen.