Test

Volkssport Veloklauen

In der Schweiz sind mehr Velos als Personenwagen angemeldet: rund 3,8 Millionen. Jedes Jahr werden davon mehr als 100’000 geklaut. Da eine griffige Veloregistratur fehlt, gibt es vorläufig nur eines: eine gute Versicherung und ein sicheres Schloss. Pete Mijnssen

Velomarder: Schätzungsweise 100’000 Velos werden in der Schweiz jährlich entwendet

Fahrraddiebe werden immer dreister. VelobesitzerInnen wissen die eine oder andere haarsträubende Geschichte zu erzählen. Sei es, dass jemandem das Rad unter den Augen geklaut wird, oder dass ein Typ mitten am Tag das Velo eines Fremden als Ersatzteillager benutzt. Beliebt sind auch Mountainbike- und Strassenrennen, wo viele ZuschauerInnen mit hochwertigen Rädern anfahren und organisierte Diebesbanden ein wahres Eldorado vorfinden. Nicht zuletzt, weil es immer noch Menschen geben soll, die ihr teures Rad unabgeschlossen herumstehen lassen. Aber auch in einem Veloland wie Holland, wo billige Ein-Gang-Velos dominieren, hat der Klau epidemische Ausmasse angenommen. Weil dies inzwischen für die Veloförderung zu einem ernsthaften Hindernis geworden ist, wollen die holländischen Behörden dem Thema eine noch höhere Priorität einräumen. Im Gegensatz zu den Diebstählen bei Autos und Motorrädern entwickelte sich in allen industrialisierten Ländern parallel mit dem Veloboom auch der Klau: Velodiebstahl scheint zum Volkssport geworden zu sein.

Noch vor einigen Jahren wurden in der Schweiz laut Polizeiangaben 60’000 Velos geklaut. Waren es im Kanton Zürich 1999 noch 11’277, sind die Diebstähle seit drei Jahren unter 10’000 gesunken, letztes Jahr auf 9404. Diese vordergründig positiven Zahlen täuschen: Dahinter steckt eine Dunkelziffer. Effektiv dürfte die Zahl gesamtschweizerisch weit über 100’000 liegen. Denn längst nicht mehr jeder Diebstahl wird gemeldet. Wer mehrmals Opfer eines Veloklaus wird, investiert oft nur noch in ein «Bahnhofvelo». Eine Folge davon sind verslumte Parkplätze rund um Bahnhöfe und öffentliche Plätze, sehr zum Ärger von BenutzerInnen, Passanten und Behörden.

TIPPS GEGEN LANGFINGER

Nach dem Kauf unbedingt Rahmennummer notieren, weil damit ein gestohlenes Velo am einfachsten identifiziert werden kann.

Die Kaufquittung aufbewahren.

Der beste Schutz vor einem Schaden ist eine gute Versicherung. Der Trend geht zur Neuwertversicherung, abzüglich eines Selbstbehalts von 200 Franken.

Velo immer abschliessen, auch wenn man/frau es nur kurz aus den Augen lässt. Velos nie tagelang draussen stehen lassen, schon gar nicht an Bahnhöfen und auf öffentlichen Plätzen.

Den besten Schutz bieten grosse Bügelschlösser aus gehärtetem Stahl oder Kabelschlösser (siehe Test nächste Seite). Kabelschlösser taugen allerdings nur als kurzfristige Wegfahrsperre. Ein Rahmenschloss kann diesen Dienst auch erfüllen und ist als Ergänzung sinnvoll.

Velo an Pfosten, Zäunen oder Veloständern anbinden. Hölzerne Abschrankungen, Metallketten oder Pfosten mit demontierbaren Verkehrsschildern bieten nicht genug Sicherheit.

Sicherheitsvorrichtung mit Rädern und Rahmen verschlaufen. Darauf achten, dass nicht bloss leicht demontierbare Teile wie Räder oder Sattel angebunden werden – sonst kann es sehr leicht passieren, dass der Rest des Bikes spurlos verschwindet.

Immer mehr «Leichen» an den Bahnhöfen
Der Verkehrsplaner Jean-Louis Frossard schätzt aufgrund neuerer Untersuchungen, dass rund um die Bahnhöfe in Zürich bis zu einem Viertel der Velos «Leichen» sind. So wird das Sicherheitsproblem zunehmend zu einem Entsorgungsproblem. Abgesehen vom volkswirtschaftlichen Schaden von geschätzten 100 Millionen Franken jährlich, der durch den Veloklau entsteht.
Was für den Einzelnen ein erheblicher Schaden sein kann, sind trotz den ausbezahlten 50 Millionen für die Versicherungen noch immer Peanuts. Der gebeutelten Kundschaft bieten sie allenfalls eineNeuwertversicherung an und benutzen diese als «Türöffner» für weitere Policen. Nach mehrmaligem Klau zahlen die Versicherer oft aber nur noch den Zeitwert, was Velofahrende dazu bewegt, nur noch in billige Fahrzeuge zu investieren. Auch die Velobranche hat deshalb wenig Freude an dieser Entwicklung: Statt neue werden «Bahnhofvelos» gekauft. Der Abwärtstrend beschleunigt sich, eine Spirale, die niemand will. Das Velo als (praktisches und geniales) Verkehrsmittel endet als zu entsorgender Schrott auf öffentlichen Plätzen. Eugen Vetter vom Projekt Veloindex rechnet mit sechs Franken pro Velo. Über eine vorgezogene Entsorgungsgebühr, die bei rund zwanzig Franken liegen müsste, wird beim Bund schon länger nachgedacht.

Welches System in Zukunft?
Derweil beissen sich Verbände und Private seit Jahren die Zähne an Verbesserungsvorschlägen bezüglich Registratur und Sicherheit aus. Auch das Projekt Veloindex, das bereits vor drei Jahren «kurz vor der Umsetzung» stand, wird gemäss dem Initianten Marc Nordman nun erst «dieses Jahr als Projektstudie dem Bund vorgelegt werden». Darin werden Alternativvorschläge zum jetzigen Registriersystem samt Vignette vorgestellt, laut Vetter ist sie nämlich «überflüssig und ein administrativer Kraftakt für alle».
Einen anderen Vorschlag gibt es aus Velokreisen, eine Anregung, die auch im Leitbild Langsamverkehr des Bundesamtes für Verkehr (siehe auch vj 3/03) formuliert ist: der «Velovignetten-Zuschlag». Damit könnte ein Steuerungsinstrument geschaffen werden, das zwar nicht alle, aber einige zentrale Probleme der Veloförderung einer Lösung einen Schritt näher bringen würde.

Schlösser im Test: Würgen und sägen

pmh. Getestet wurde in der Werkstatt des Fachgeschäfts VeloPlus in Wetzikon. An der Werkbank wurde ein gehobenes «Klauniveau» simuliert. Gewählt wurden bewusst hochwertige Bügelschlösser und einige Alternativen beziehungsweise populäre «sichere» Schlösser. Verzichtet wurde auf Kabelschlösser, die vor allem im städtischen Velo-Alltag nur als Kurzzeit-Wegfahrsperren zum Einsatz kommen sollten. Nur hochwertige Bügelschlösser bieten genügend Schutz, was unser Test einmal mehr zeigte.

Erste Runde: Die Schlösser wurden zuerst mit Trickwerkzeugen (Picking-tools) gekitzelt und dann einer ersten Bolzenschneidertortur unterzogen. Hier kam es bereits zur ersten Überraschung: das Specialized von Wedlock machte beim geschickten Gebrauch eines Dietrichs schon nach ein paar Sekunden schlapp.

Zweite Runde: Hier wurde die Handsäge angesetzt. Das Specialized liess sich so in Minutenschnelle öffnen. Das Sigma verbog sich zwar unter der brachialen Gewalt des Hammers, liess sich aber dennoch nicht öffnen. Alle anderen zeigten sich abgesehen von ein paar Kratzern unerschütterlich.

Dritte Runde: Mit der Flexscheibe lässt sich bekanntlich jedes noch so starke Schloss öffnen. Das Durchtrennen der Stahlhülsen des Steel o Flex von ABUS dauerte so knapp 45 Sekunden, und das darunter liegende Stahlkabel war innert Sekunden entzwei. Beim Sigma dauerte diese Behandlung eine Minute – halb so lang wie beim ABUS Granit und beim Trelock. Diese beachtlich kurzen Werkstatt-Resultate werden im Freien mit einem Akkugerät wohl kaum erreicht.

Fazit: Ausser dem Specialized haben alle getesteten Bügelschlösser gut bis sehr gut abgeschlossen. Im Kampf gegen den Velodiebstahl, aber auch beeinflusst durch Modeströmungen, werden dem technisch perfekten, aber begrenzten Bügelsystem immer wieder neue Lösungen abgerungen, wie Specialized und Sigma zeigen. Und: Ein sehr gutes Bügelschloss ist bereits für weniger als hundert Franken erhältlich. Gute Schlösser müssen nicht teuer sein, aber nicht jedes teure Schloss ist gut.

Diese Tabelle als

im Internet:

www.specialized.com
www.veloplus.ch
www.fuchs-movesa.ch
www.wernibeck.ch

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