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Velokultur? Verkehrskultur!

Jeden Frühling kommt das Thema «Verrohung der Verkehrskultur» aufs Tapet. Dann wird in den Parlamenten nach Recht und Ordnung gerufen und oft verfällt die Polizei in Aktionismus. Danach herrscht wieder ein Jahr Ruhe. Was bringt dieses Ritual, wo es doch einfache Lösungen gäbe? Pete Mijnssen
Die elegante, blondierte Dame entsteigt der schwarzen Limousine und beschwert sich lautstark beim Nachbarn über zu wenig Platz für ihr Gefährt. Dabei hat sie gleichzeitig das Handy am Ohr. Ihr Auto ist ein schnieker englischer Geländewagen, der den Parkplatz mehr als nur ausfüllt, während ihr Mittelklasse fahrender Parkplatz-Nachbar sein Vehikel korrekt abgestellt hat. Die Szene stammt nicht etwa aus einer Hollywoodkomödie, sondern ist eine kürzlich gesehene Realsatire aus Zürichs Innenstadt. Doch nicht immer gibt es so viel zu lachen wie hier.

Jeden Frühling füllen sich die Leserbriefspalten mit Klagen über Velorowdytum, die Anfragen im Parlament nehmen zu, und gut gemeinte Polizeikampagnen folgen ihnen so sicher wie das Amen in der Kirche. Da kommt es zwar auch zu Appellen an die verschiedenen VerkehrsteilnehmerInnen. Doch diesen Frühling nehmen Zürichs Gesetzeshüter wieder einmal die Velofahrenden ins Visier. Von Verrohung in der Velozunft wird gesprochen, von mangelnder Rücksichtnahme vor allem gegenüber FussgängerInnen. Und immer wieder wird lamentiert, es gälten offensichtlich für Velos keine Verkehrsregeln.

Auch prominente «Velorutionäre» wie Dres Balmer äussern sich kritisch über den Zustand in den eigenen Reihen. Sein «Velodeppen»-Beitrag im letzten velojournal hat (erwartungsgemäss) heftige Reaktionen ausgelöst: von Zustimmung bis zum vehementen Widerspruch. Ein IG-Velo-Mitglied trat sogar unter Protest aus der Organisation aus. Anscheinend hat Dres Balmer ein heisses Eisen angefasst. Sicher herrschen nicht überall Zustände wie in Zürich und wie sie Dres Balmer beschreibt. Regionale Unterschiede sind vorhanden. Jedenfalls hält Martin Walker fest: «Hier, im Raume Zug, mache ich meinerseits ganz andere Erfahrungen. Man gibt sich selbstbewusst. Man markiert seine Präsenz auf der Strasse als gleichberechtigter Verkehrspartner.»

Mobilität – mit Witz

rhg. Während die Zürcher Stadtpolizei mit Bussen die Velofahrenden zum «Fairbiken» zwingen will, macht die Stadt Zürich parallel mit «Mobilität ist Kultur»eine witzige Mobilitätskampagne. In den Strassen rund um den Bahnhof finden sich zurzeit rund vierzig Interventionen. Giftgrüne Signete oder Zahlen auf den Strassen aufgemalt – auch zwei Veloparkplätze mit Parkuhren entdeckt man an der Löwenstrasse und auf den Veloständern am Bahnhof «Göppel»-Kleber. Trambillett-Automaten haben eine verwirrende «Nach Hause»-Taste, und Wegweiser führen schlicht «Zu Dir».
«Mobil ist viel – wir alle sind Teil einer mobilen Kultur», schreibt der Zürcher Stadtrat zu dieser Kampagne. Die grünen Mobilspiele sollen nicht nur zum Lachen bringen, sondern vor allem zum Denken anregen und vielleicht zu einem Wettrennen oder einem Luftsprung bewegen.

www.mobilitaet-ist-kultur.ch

Aufhorchen lässt in diesem Zusammenhang eine Polizeimeldung aus der Velostadt Winterthur. Dort hat man festgestellt, dass immer weniger Kinder bei den Veloprüfungen ihr Fahrzeug beherrschen und zu einer Nachprüfung erscheinen müssen. Gründe seien unter anderem «fehlende oder schlechte Vorbilder». Sind Velofahrende nun Opfer der herrschenden Verkehrskultur, oder auch nur ellbögelnde Ich-AG-ExponentInnen, rücksichtslos drauflosfahrende EgoistInnen? Vermutlich ein bisschen von allem.

Zahlen und Fakten
Die Unfallzahlen sprechen für sich. Die Beratungsstelle für Unfallverhütung (BfU) hat die Unfallzahlen 2000/2001 hochgerechnet. Gemäss BfU-Berechnungen waren Velos in 3159 von insgesamt 30’704 polizeilich gemeldete Unfälle verwickelt. Von den 544 Verkehrstoten waren 39 Velofahrende. Mit 25 Prozent sind Fahrräder überdurchschnittlich oft in Unfälle verwickelt. Diese Zahlen werden allerdings durch die Unfallstatistik 2002 in der Stadt Zürich relativiert. Hier waren in insgesamt 5064 Verkehrsunfällen «nur» 204 Velofahrende verwickelt (4 respektive 3 Prozent im Jahre 2001). Diese Zahlen sind allerdings mit Vorsicht zu geniessen, verzichten doch viele Velofahrende auf eine Unfallanzeige, weil sie oft froh sind, heil davongekommen zu sein. Nicht erfasst sind die häufigen Fast-Unfälle, sei es ein missachteter Vortritt, das Abdrängen an den rechten Strassenrand oder jene Notbremsungen, die Schlimmeres verhindern. Noch einige bedenkliche Zahlen aus der Stadt Zürich: Unter den 1372 Verletzten sind 161 VelofahrerInnen (11,6 Prozent), unter den 44 Getöteten waren 6 Velofahrende (13,6 Prozent). Die Zahlen zeigen: Zweiradfahrende – aber auch Fussgänger – sind überdurchschnittlich gefährdet.

Die Zahlen erhalten noch eine andere Relation, wenn man sie im Licht der Verkehrszählung betrachtet: Danach hat sich der Veloverkehr zwischen 1981 und 1999 auf der (für Velofahrende unattraktiven) Zürcher Sihlbrücke fast verdreifacht und macht nun einen Gesamtverkehrsanteil von 10 Prozent aus. Und auf der Scheuchzerstrasse, einer beliebten Uni-Zufahrt, zählt man gar plus 26 Prozent. Damit nähert sich Zürich den Verhältnissen in den Velostädten Basel und Winterthur an.
Es bestehen unzweifelhaft Missstände auf den Strassen, nicht nur in Zürich. In der grössten Schweizer Stadt manifestieren sich diese nur deutlicher. In der ganzen Schweiz hat der Verkehr zugenommen, und der Freizeitverkehr wächst nach wie vor ungehindert. Konflikte im enger werdenden Raum sind unausweichlich: Wie sollen die jeweils mit grossem Volksmehr beschlossenen Velo-Initiativen da noch umgesetzt werden? Wo gibts noch Raum für Velofahrende? Dass die Zweiräder in Fussgängerzonen ausweichen, ist zwar unerfreulich, aber hinlänglich bekannt.

Bequem, aber meistens der falsche Ort: das Trottoir. Velofahrende müssen sich ihren Platz auf der Strasse zurückerobern. Auch wenns manchmal anstrengend ist.

Und dies wird wiederum von der Autolobby als willkommener Anlass benutzt, um auf Velofahrer einzudreschen. velojournal-Leser Raimundo Hasler aus Küssnacht a. Rigi schreibt in seiner Reaktion auf Dres Balmers «Velodeppen»-Artikel: «Der Artikel widerspiegelt genau die gesellschaftlichen Missstände bei diesem Thema. Solange die breite Bevölkerung die persönliche Mobilität anstatt rational nur emotional angeht, wird sich rein gar nichts ändern, im Gegenteil. Wahrscheinlich hilft uns nur der totale Verkehrskollaps, um echt mit konstruktivem Nachdenken anzufangen.»
Und der Kollaps ist nicht mehr weit: Würden die 10 bis 30 Prozent Velofahrenden in den Schweizer Innenstädten auch noch und alleine in einem Auto herumfahren, wäre er schon da. Mehr Autos in den Städten machen auch wirtschaftlich keinen Sinn. Mittel- und langfristig kann nur ein Umdenken zu einem besseren Verhältnis unter den Verkehrsteilnehmern führen. Dazu gehört, dass das Velo als Verkehrsträger auf allen Ebenen der Verwaltung und Politik ernst genommen wird.

Friedliches Nebeneinander
Die IG Velo Schweiz zeigt mit der aktuellen Kampagne «Dürfen Velos eigentlich alles?» Wege für ein friedliches Nebeneinander auf unseren Strassen auf. Dazu gehören Attraktivitätssteigerungen und eine Verbesserung der Velo-Infrastruktur. Hier einige zusätzliche Beispiele:
• Konsequentes Planen und Aufmalen von «aufgeblasenen» Haltebalken vor Lichtsignalen
• Einführung und konsequente Umsetzung von Vorgrünphasen für den Veloverkehr
• Grüne Welle für Velofahrende
• Rechtsabbiegemöglichkeiten bei Rot
• Konsequente Prüfung aller innerstädtischen Strassenprojekte auf Velotauglichkeit.

www.igvelo.ch
www.igvelozuerich.ch
www.bfu.ch/forschung/statistik/statistik_2002

TCS sponsert Veloerziehungskampagne

pmh. Die Stadtpolizei Zürich will mit einer vom TCS gesponserten «Fairbike-Kampagne» die Velofahrenden zur Räson zwingen. Neben dem - sinnvollen – in Erinerung rufen nach den gesetzlichen Bestimmungen verschafft sie diesen mit Bussen Nachachtung. Schön und gut, aber warum hat ausgerechnet der nicht gerade als velofreundlich geltende TCS seine machtvollen Hände im Spiel? Es wirft ordnungspolitisch Fragen auf, wenn sich ein Verband mit eindeutiger Verkehrsausrichtung zum Oberlehrer der Velofahrer aufspielt. Das riecht nach einem durchsichtigen Manöver und kann wohl nicht einmal als Werbemassnahme des potenten Autoverbandes abgebucht werden. Amüsiert bis befremdet nimmt die Öffentlichkeit zur Kenntnis, dass der Fairbike-Hintern zudem einer Zürcher SVP-Politikerin gehört. Insgesamt wirft dies ein höchst schiefes Licht auf die Dienstabteilung und Fragen punkto Käuflichkeit auf. Ein Sündenfall ist der Ausschluss weiterer Verkehrsgruppen, wo doch gerade der grüne Tisch in Zürich eine lange Tradition hat. Vollends unglaubwürdig wird der Initiant der Kampagne Eugenio Scheuchzer vom Büro für Unfallverhütung, der als weiterer Grund für die Kampagne auf eine (unveröffentlichte!) Studie der Stadtpolizei Zürich verweist, wonach Fussgänger sich am meisten vor Velofahrern fürchteten. Da diese Untersuchung nicht öffentlich vorliegt, sei hiermit auf eine Studie über das Verhalten von «Velofahrern in Fussgängerzonen» des gleichen Büros aus dem Jahre 1991 verwiesen. Diese kommt zum Schluss, dass Velofahrer nur zu rund einem Viertel an Konflikten beteiligt sind (Fussgänger 21,5, Autolenker 45 Prozent). Velofahrer sind also keine Unschuldslämmer, aber auch keine Monster wie uns die Polizei und der TCS heute glaubhaft machen wollen. Solange keine neuen Zahlen öffentlich vorliegen, muss sich die Stadtpolizei bewusste Stimmungsmache gegen eine Verkehrsminderheit vorwerfen lassen. Für diese These spricht, dass der rührige Polizist schon früher mit rassistischen Äusserungen gegen ausländische Autofahrer aufgefallen ist. Wie heisst es im Verkehr? (Hand-)Zeichen schaffen Klarheit. In dem Fall waren es die falschen.


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