
Jeden Frühling füllen sich die Leserbriefspalten mit Klagen über Velorowdytum, die Anfragen im Parlament nehmen zu, und gut gemeinte Polizeikampagnen folgen ihnen so sicher wie das Amen in der Kirche. Da kommt es zwar auch zu Appellen an die verschiedenen VerkehrsteilnehmerInnen. Doch diesen Frühling nehmen Zürichs Gesetzeshüter wieder einmal die Velofahrenden ins Visier. Von Verrohung in der Velozunft wird gesprochen, von mangelnder Rücksichtnahme vor allem gegenüber FussgängerInnen. Und immer wieder wird lamentiert, es gälten offensichtlich für Velos keine Verkehrsregeln.
Auch prominente «Velorutionäre» wie Dres Balmer äussern sich kritisch über den Zustand in den eigenen Reihen. Sein «Velodeppen»-Beitrag im letzten velojournal hat (erwartungsgemäss) heftige Reaktionen ausgelöst: von Zustimmung bis zum vehementen Widerspruch. Ein IG-Velo-Mitglied trat sogar unter Protest aus der Organisation aus. Anscheinend hat Dres Balmer ein heisses Eisen angefasst. Sicher herrschen nicht überall Zustände wie in Zürich und wie sie Dres Balmer beschreibt. Regionale Unterschiede sind vorhanden. Jedenfalls hält Martin Walker fest: «Hier, im Raume Zug, mache ich meinerseits ganz andere Erfahrungen. Man gibt sich selbstbewusst. Man markiert seine Präsenz auf der Strasse als gleichberechtigter Verkehrspartner.»
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Mobilität – mit Witz rhg. Während die Zürcher Stadtpolizei mit
Bussen die Velofahrenden zum «Fairbiken» zwingen will, macht die Stadt
Zürich parallel mit «Mobilität ist Kultur»eine witzige
Mobilitätskampagne. In den Strassen rund um den Bahnhof finden sich
zurzeit rund vierzig Interventionen. Giftgrüne Signete oder Zahlen auf
den Strassen aufgemalt – auch zwei Veloparkplätze mit Parkuhren entdeckt
man an der Löwenstrasse und auf den Veloständern am Bahnhof
«Göppel»-Kleber. Trambillett-Automaten haben eine verwirrende «Nach
Hause»-Taste, und Wegweiser führen schlicht «Zu Dir». |
Aufhorchen lässt in diesem Zusammenhang eine
Polizeimeldung aus der Velostadt Winterthur. Dort hat man festgestellt,
dass immer weniger Kinder bei den Veloprüfungen ihr Fahrzeug
beherrschen und zu einer Nachprüfung erscheinen müssen. Gründe seien
unter anderem «fehlende oder schlechte Vorbilder». Sind Velofahrende nun
Opfer der herrschenden Verkehrskultur, oder auch nur ellbögelnde
Ich-AG-ExponentInnen, rücksichtslos drauflosfahrende EgoistInnen?
Vermutlich ein bisschen von allem.
Zahlen und Fakten
Die Unfallzahlen sprechen für sich. Die
Beratungsstelle für Unfallverhütung (BfU) hat die Unfallzahlen 2000/2001
hochgerechnet. Gemäss BfU-Berechnungen waren Velos in 3159 von
insgesamt 30’704 polizeilich gemeldete Unfälle verwickelt. Von den 544
Verkehrstoten waren 39 Velofahrende. Mit 25 Prozent sind Fahrräder
überdurchschnittlich oft in Unfälle verwickelt. Diese Zahlen werden
allerdings durch die Unfallstatistik 2002 in der Stadt Zürich
relativiert. Hier waren in insgesamt 5064 Verkehrsunfällen «nur» 204
Velofahrende verwickelt (4 respektive 3 Prozent im Jahre 2001). Diese
Zahlen sind allerdings mit Vorsicht zu geniessen, verzichten doch viele
Velofahrende auf eine Unfallanzeige, weil sie oft froh sind, heil
davongekommen zu sein. Nicht erfasst sind die häufigen Fast-Unfälle, sei
es ein missachteter Vortritt, das Abdrängen an den rechten Strassenrand
oder jene Notbremsungen, die Schlimmeres verhindern. Noch einige
bedenkliche Zahlen aus der Stadt Zürich: Unter den 1372 Verletzten sind
161 VelofahrerInnen (11,6 Prozent), unter den 44 Getöteten waren 6
Velofahrende (13,6 Prozent). Die Zahlen zeigen: Zweiradfahrende – aber
auch Fussgänger – sind überdurchschnittlich gefährdet.
Die Zahlen erhalten noch eine andere
Relation, wenn man sie im Licht der Verkehrszählung betrachtet: Danach
hat sich der Veloverkehr zwischen 1981 und 1999 auf der (für
Velofahrende unattraktiven) Zürcher Sihlbrücke fast verdreifacht und
macht nun einen Gesamtverkehrsanteil von 10 Prozent aus. Und auf der
Scheuchzerstrasse, einer beliebten Uni-Zufahrt, zählt man gar plus 26
Prozent. Damit nähert sich Zürich den Verhältnissen in den Velostädten
Basel und Winterthur an.
Es bestehen unzweifelhaft Missstände auf den Strassen, nicht
nur in Zürich. In der grössten Schweizer Stadt manifestieren sich diese
nur deutlicher. In der ganzen Schweiz hat der Verkehr zugenommen, und
der Freizeitverkehr wächst nach wie vor ungehindert. Konflikte im enger
werdenden Raum sind unausweichlich: Wie sollen die jeweils mit grossem
Volksmehr beschlossenen Velo-Initiativen da noch umgesetzt werden? Wo
gibts noch Raum für Velofahrende? Dass die Zweiräder in Fussgängerzonen
ausweichen, ist zwar unerfreulich, aber hinlänglich bekannt.
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Bequem, aber meistens der falsche Ort: das Trottoir. Velofahrende müssen sich ihren Platz auf der Strasse zurückerobern. Auch wenns manchmal anstrengend ist. |
Und dies wird wiederum von der Autolobby als
willkommener Anlass benutzt, um auf Velofahrer einzudreschen.
velojournal-Leser Raimundo Hasler aus Küssnacht a. Rigi schreibt in
seiner Reaktion auf Dres Balmers «Velodeppen»-Artikel: «Der Artikel
widerspiegelt genau die gesellschaftlichen Missstände bei diesem Thema.
Solange die breite Bevölkerung die persönliche Mobilität anstatt
rational nur emotional angeht, wird sich rein gar nichts ändern, im
Gegenteil. Wahrscheinlich hilft uns nur der totale Verkehrskollaps, um
echt mit konstruktivem Nachdenken anzufangen.»
Und der Kollaps ist nicht mehr weit: Würden die 10 bis 30
Prozent Velofahrenden in den Schweizer Innenstädten auch noch und
alleine in einem Auto herumfahren, wäre er schon da. Mehr Autos in den
Städten machen auch wirtschaftlich keinen Sinn. Mittel- und langfristig
kann nur ein Umdenken zu einem besseren Verhältnis unter den
Verkehrsteilnehmern führen. Dazu gehört, dass das Velo als
Verkehrsträger auf allen Ebenen der Verwaltung und Politik ernst
genommen wird.
Friedliches
Nebeneinander
Die IG Velo Schweiz zeigt mit der aktuellen
Kampagne «Dürfen Velos eigentlich alles?» Wege für ein friedliches
Nebeneinander auf unseren Strassen auf. Dazu gehören
Attraktivitätssteigerungen und eine Verbesserung der Velo-Infrastruktur.
Hier einige zusätzliche Beispiele:
• Konsequentes Planen und Aufmalen von «aufgeblasenen»
Haltebalken vor Lichtsignalen
• Einführung und konsequente Umsetzung von Vorgrünphasen für
den Veloverkehr
• Grüne Welle für Velofahrende
• Rechtsabbiegemöglichkeiten bei Rot
• Konsequente Prüfung aller innerstädtischen Strassenprojekte
auf Velotauglichkeit.
www.igvelo.ch
www.igvelozuerich.ch
www.bfu.ch/forschung/statistik/statistik_2002
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TCS sponsert Veloerziehungskampagne pmh. Die Stadtpolizei Zürich will mit einer vom TCS gesponserten «Fairbike-Kampagne» die Velofahrenden zur Räson zwingen. Neben dem - sinnvollen – in Erinerung rufen nach den gesetzlichen Bestimmungen verschafft sie diesen mit Bussen Nachachtung. Schön und gut, aber warum hat ausgerechnet der nicht gerade als velofreundlich geltende TCS seine machtvollen Hände im Spiel? Es wirft ordnungspolitisch Fragen auf, wenn sich ein Verband mit eindeutiger Verkehrsausrichtung zum Oberlehrer der Velofahrer aufspielt. Das riecht nach einem durchsichtigen Manöver und kann wohl nicht einmal als Werbemassnahme des potenten Autoverbandes abgebucht werden. Amüsiert bis befremdet nimmt die Öffentlichkeit zur Kenntnis, dass der Fairbike-Hintern zudem einer Zürcher SVP-Politikerin gehört. Insgesamt wirft dies ein höchst schiefes Licht auf die Dienstabteilung und Fragen punkto Käuflichkeit auf. Ein Sündenfall ist der Ausschluss weiterer Verkehrsgruppen, wo doch gerade der grüne Tisch in Zürich eine lange Tradition hat. Vollends unglaubwürdig wird der Initiant der Kampagne Eugenio Scheuchzer vom Büro für Unfallverhütung, der als weiterer Grund für die Kampagne auf eine (unveröffentlichte!) Studie der Stadtpolizei Zürich verweist, wonach Fussgänger sich am meisten vor Velofahrern fürchteten. Da diese Untersuchung nicht öffentlich vorliegt, sei hiermit auf eine Studie über das Verhalten von «Velofahrern in Fussgängerzonen» des gleichen Büros aus dem Jahre 1991 verwiesen. Diese kommt zum Schluss, dass Velofahrer nur zu rund einem Viertel an Konflikten beteiligt sind (Fussgänger 21,5, Autolenker 45 Prozent). Velofahrer sind also keine Unschuldslämmer, aber auch keine Monster wie uns die Polizei und der TCS heute glaubhaft machen wollen. Solange keine neuen Zahlen öffentlich vorliegen, muss sich die Stadtpolizei bewusste Stimmungsmache gegen eine Verkehrsminderheit vorwerfen lassen. Für diese These spricht, dass der rührige Polizist schon früher mit rassistischen Äusserungen gegen ausländische Autofahrer aufgefallen ist. Wie heisst es im Verkehr? (Hand-)Zeichen schaffen Klarheit. In dem Fall waren es die falschen. |